Von der Synode zur Räuberhöhle
„Es ist die ganze Kirchengeschichte Mischmasch von Irrtum und von Gewalt“. Das hat bekanntlich in der Tradition des Pietismus, den er im Frankfurter Elternhaus kennengelernt hatte, Goethe über das gesagt, was sich seit Pfingsten aus der verschreckten Urgemeinde entwickelt hat. Natürlich gibt es, wie immer bei Geschichtsdarstellungen, auch eine Gegenerzählung – die würde die ganze Kirchengeschichte als eine wunderbare Leitung der Kirche durch den Heiligen Geist inmitten von Irrtum und Gewalt darstellen. Lustigerweise kann man manchmal an ein und demselben historischen Ereignis die eine wie die andere Sicht explizieren.
Zu den ganz charakteristischen Beispielen für Goethes kritische Sicht gehören die Mönchshorden, die in der Spätantike in Synoden ihre Gegner niederbrüllen und sogar mit Dachlatten und Ziegeln eine kluge pagane Philosophin in Alexandria erschlagen haben. Schon in meinen ersten Semester faszinierte mich, dass eine Synode des fünften Jahrhunderts „Räubersynode“ genannt wurde. Sie steht im Zusammenhang von Auseinandersetzungen in der damaligen Reichskirche, wie man die Person Jesu von Nazareth zugleich als den Christus Gottes begreifen kann, also nicht nur als bloßen Menschen, sondern als eine Person, in der sich für die Menschen Gott ereignet, und man es doch nicht mit einem Halbgott zu tun hat. Ein diffiziles theologisches Problem, die Debatten wogten hin und her.
Gewalttätiger Brennpunkt
449 traf sich in der kleinasiatischen Hafenstadt Ephesus eine der vielen Synoden zum Thema, die vom Kaiser selbst einberufen worden war, um den Streit zu schlichten. Diese kaiserliche Absicht misslang gründlich. Dafür war der Patriarch aus Alexandria verantwortlich. Er trug den Namen Dioskur. Wörtlich bedeutet dieser griechische Name: „Der Sohn des Zeus“, die Eltern hatten also keine Bedenken, ihr Kind mit einem heidnischen Namen zu versehen.
Dioskur war aber ein fanatischer Christ und Alexandria, sein Bischofssitz, nicht nur die größte Kulturmetropole der Antike mit Philosophenschulen und Bibliotheken. Es war auch der gewalttätige Brennpunkt beständiger Auseinandersetzungen, die mit roher Gewalt ausgetragen wurden und immer wieder das Eingreifen des Militärs verlangten. Menschen, die sich zur christlichen Kirche rechneten, waren wie viele Ortseinwohner mitten unter den Gewalttätigen – und die christlichen Mönche waren oft munter dabei. Vor allem ein Teil der Mönche, der eigentlich Kranke transportieren und Tote begraben sollte.
Ausgerechnet Alexandria
Warum ausgerechnet Alexandria so eine gewalttätige Stadt war, in der es immer wieder zu Aufruhr gegen staatliche Organe und Gewalt zwischen Bevölkerungsgruppen kam, ist Gegenstand einer Forschungsdebatte und leider nur schwer zu erklären. Sicher lag es nicht daran, dass in der Stadt nur Heißsporne wohnten. Man muss ja nur an eine Bärenhetze oder Löwenjagd im Stadion denken, um zu begreifen, dass die Antike ein anderes Verhältnis zur Gewalt hatte, als wir heute in Mitteleuropa. Man hatte einfach Vergnügen daran anlässlich der Mittagspause zu sehen, wie Menschen von Raubtieren zerfleischt wurden und solche Eindrücke bleiben natürlich nicht ohne Folgen für das eigene Verhalten.
Zurück zur Räubersynode von Ephesus 449 n.Chr., die in der großen Marienkirche der Stadt abgehalten wurde, deren Ruinen noch heute in der Ausgrabung nahe der türkischen Hafenstadt Kuşadası gezeigt werden. Als ein prominenter, für antiken Geschmack uralter Mönch auf der Synode eine radikale Position im Streit um die Deutung Jesu Christi vertrat und der Gesandte, der den abwesenden römischen Papst vertrat, scharf dagegen opponierte, öffneten sich auf Dioskurs Befehl die Portale der Kirche und eine Horde von Mönchen begleitet von Soldaten stürzte herein. Dazu kam ein lärmender Haufen von Passanten.
Inschrift in Rom
Anwesende Bischöfe wurden geschlagen und verprügelt, Dioskur, der Patriarch von Alexandria, stürzte sich auf seinen Kollegen aus Konstantinopel und trampelnde Mönche warfen sich auch noch auf ihn, so dass er drei Tage später starb. Der römische Gesandte konnte glücklicherweise entkommen und dankte für die gelungene Flucht mit einer Inschrift, die heute noch in der Stadt Rom in der Kirche S. Giovanni in Laterano zu sehen ist. Als er seinem Papst von dem Drama erzählte, rief der aus: „eine Räuberhöhle“ (und keine Synode mit gültigen theologischen Urteilen in der Streitfrage).
Einer meiner Lehrer im Studium, ein fröhlicher katholischer Kirchenhistoriker in Tübingen, legte immer großen Wert darauf, dass der Papst nicht von einer „Räubersynode“ gesprochen hatte, sondern von einer Räuberhöhle und gerade bestritten hatte, dass es sich um eine Synode im kirchenrechtlichen Sinne des Wortes handelte. Aber Gewohnheiten sind auch in der Wissenschaft zäh – wer auch immer den Ausdruck „Räubersynode“ aufgebracht hat, er wird nun verwendet. Und es werden und wurden immer wieder auch spätere Synoden als „Räubersynoden“ bezeichnet, vor allem solche, die nach 1933 stattfanden.
Warnung des Bundespräsidenten
Warum berichte ich so ausführlich über eine antike Synode, die ein Papst in Rom als „Räuberhöhle“ bezeichnete? Ich habe davon so ausführlich berichtet, weil ich vor kurzem wieder einmal an diese Synode denken musste, obwohl ich gerade gar keine Vorlesung über das Thema halte. Ich musste an die antike Räuberhöhle denken, weil der Bundespräsident bei einem Symposium anlässlich seines Geburtstages vor zehn Tagen den Begriff „Räuberhöhle“ wählte und er in der Presse ausführlich zitiert wurde. Frank-Walter Steinmeier sagte, dass verhindert werden müsse, „dass sich die Welt in eine Räuberhöhle verwandelt, in der sich die Skrupellosesten nehmen, was sie wollen“ und „kleine und schwächere Staaten gänzlich ohne Schutz dastehen“.
Natürlich war allen klar, was und wen er da meinte. Ein russischer Präsident überfällt die Ukraine, weil er ein großrussisches Reich wiederherstellen will, ein amerikanischer Präsident erklärt, er wolle Grönland haben. Und beide Präsidenten haben ihre Horden von marodierenden Menschen, die heutigen Tags nicht mehr mit Holzprügeln, sondern mit grausamen Waffen schiere Gewalt ausüben, die Menschen nicht erst nach drei Tagen das Leben kostet.
Kein Halten mehr
Aber an einem Punkt sind die antike Räuberhöhle zu Ephesus und die Ereignisse heute vergleichbar: Das Recht wird durch Willkür ersetzt, aus einer ordentlich einberufenen Synode wird eine Räuberhöhle und einstmals demokratische Staaten drohen sich in Räuberhöhlen zu verwandeln, mafiöse Strukturen, in denen nur noch das Recht des Stärkeren gilt. Die Moral des Präsidenten. Eine sehr spezielle Moral: Erlaubt ist, was gefällt. Mir gehört, was ich will, dass es mir gehört.
Wer hinnimmt, dass das Recht mit Füßen getrampelt wird und sich eine Synode oder gleich das ganze Land oder gar die Welt in eine Räuberhöhle verwandelt, hat schon verloren. Dass haben unsere Großeltern und Urgroßeltern nach 1933 schmerzlich erfahren müssen. Geht die Rechtsordnung verloren oder wird sie bewusst zerstört, gibt es kein Halten mehr.
Regierungserklärung des 20. Juli 1944
Die Menschen, die am 20. Juli 1944 die Diktatur und den Diktator beseitigen wollten, hatten eine Regierungserklärung vorbereitet. Sie konnte nicht verlesen werden nach dem Attentat auf Hitler, weil es nicht gelang, den Rundfunk unter Kontrolle zu bringen. Es lohnt, sich an diesen Text zu erinnern, weil er zeigt, wes Geistes Kind dieser deutsche Widerstand war, ganz gleich, ob ihm nun Anhänger der Monarchie oder einer parlamentarischen Demokratie angehörten:
Erste Aufgabe ist die Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Rechts. Die Regierung selbst muss darauf bedacht sein, jede Willkür zu vermeiden, sie muss sich daher einer geordneten Kontrolle durch das Volk unterstellen.
Zur Sicherung des Rechts und des Anstandes gehört die anständige Behandlung aller Menschen.
Das Recht wird jedem gegenüber, der es verletzt hat, durchgesetzt. Alle Rechtsbrecher werden der verdienten Strafe zugeführt.
Die Judenverfolgung, die sich in den unmenschlichsten und unbarmherzigsten, tief beschämenden und gar nicht wiedergutzumachenden Formen vollzogen hat, ist sofort eingestellt.
Es ist ein grober Irrtum, anzunehmen, dass es einer Regierung gestattet sei, das Volk durch Lüge für ihre Ziele zu gewinnen.
Mit anderen Worten: Das Recht ist das einzige Mittel dagegen, dass sich etwas in eine Räuberhöhle verwandelt. Aber es muss auch Menschen geben, die für das Recht aufstehen und einstehen. Es muss Menschen geben, die das Recht durchsetzen. Die Rechtsbrecher, also die, die die Welt in eine Räuberhöhle umgestalten wollen, müssen von ihrem Tun abgehalten werden und ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Präsidenten kann man in Rechtsstaaten abwählen oder absetzen. Wer lügt, hat schon den ersten schlimmen Schritt in den Rechtsbruch getan. Zum Rechtsstaat gehört integral die Wahrhaftigkeit von Handeln und Reden.
Christliche Werte
Die christliche Kirche hat schlimme Erfahrungen mit Rechtsbruch, der in eine Räuberhöhle führt. Nicht erst zwischen 1933 und 1945. Da gibt es schon in der Antike die Räubersynode, eine Räuberhöhle, die leider manche Nachfolge gefunden hat. Aber gerade weil Kirche solche schlimmen Erfahrungen hat, steht sie auf der Seite derer, die für den Rechtsstaat kämpfen. Unsere Rechtsordnung ist zudem auch noch tief von christlichen Werten geprägt. Lassen wir die verloren gehen, geben wir unseren eigenen Glauben verloren.
Der römische Papst hat es nicht bei seinem Diktum über die Synode im fernen Kleinasien belassen. Er hat alles unternommen, dass kurz danach in der Hafenstadt Chalzedon gegenüber von Konstantinopel eine rechtmäßige Synode zustande gekommen ist. In deren Bahnen denken wir in der christlichen Kirche noch heute, wenn wir über Jesus Christus sprechen. Man kann also etwas tun gegen den Rechtsbruch und die Rechtsbrecher. Jedenfalls dann, wenn man nicht schläft oder sich feige weg duckt. Oder schon von den Rechtsbrechern niedergehauen wurde.
Christoph Markschies
Christoph Markschies ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er lebt in Berlin.