Der perfekte Markt
Ich gestehe: Ich bin ein Fan von Marktwirtschaft. Dass Menschen mit ihren Kaufentscheidungen eine Nachfrage generieren, die dann von Produzentinnen, Dienstleistern und Handel befriedigt wird, finde ich ein geniales Konzept. Wie von einer „unsichtbaren Hand" geleitet, finden sich Angebot und Nachfrage zusammen und sorgen so für die Befriedigung unserer Bedürfnisse.
Natürlich hat die Marktwirtschaft ihre Grenzen. Manche Menschen können ihre Interessen nicht per Nachfrage vorbringen, Kinder zum Beispiel oder Menschen mit seltenen Krankheiten, an denen sich das Forschen nicht lohnt. Auch die Angebots-Seite hat ihre Tücken, etwa dass die Ressourcen der Erde begrenzt sind und erhöhte Nachfrage deshalb in manchen Belangen kein größeres Angebot erzeugen kann.
Geld statt Sympathie
Aber dort, wo Marktwirtschaft funktioniert, ist sie prima. Sie ist neutral, denn sie behandelt alle „Marktteilnehmer*innen" gleich. Sie sorgt dafür, dass ich im Geschäft meine Brötchen bekomme, egal ob der Bäcker mich mag oder nicht. Ich muss nicht nett sein, um meine Interessen zu vertreten, ich muss nur Geld haben.
Es ist daher nichts prinzipiell dagegen einzuwenden, auch sozialpolitische Steuerungen nach marktwirtschaftlichen Prinzipien vorzunehmen. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, fordert etwa, die Ausgaben der Krankenkassen mithilfe einer „Kontaktgebühr" zu senken. Drei, vier Euro pro Arztbesuch, so die Idee, senkt den Wunsch, eine Praxis aufzusuchen. Ähnlich argumentiert Klaus Reinhardt, der Präsident der Bundesärztekammer: Er will die Nachfrage nach medizinischen Dienstleistungen ebenfalls dadurch senken, dass sie teurer werden, nämlich durch höhere Eigenanteile.
Spürbar und sozial verträglich?
Gassen und Reinhardt argumentieren, dass die Nachfrage in Deutschland höher sei als in anderen Ländern – wir gehen im Schnitt zehnmal im Jahr zum Arzt, die Menschen in anderen europäischen Ländern nur 6,6-mal. Es scheint also einen gewissen Entscheidungsspielraum zu geben, und nicht jeder Gang in die Praxis ist wirklich notwendig.
Leider wird die Lösung trotzdem nicht funktionieren. Zurecht weist Ärztepräsident Reinhardt darauf hin, dass Eigenbeteiligungen und Gebühren „spürbar" sein müssen, um die erwünschte Wirkung zu erzielen. Eine Zuzahlung im Cent-Bereich wird niemanden vom Arztbesuch abhalten. Gleichzeitig müssen die Kosten aber „sozial verträglich gestaltet werden, damit niemand überfordert wird", wie sein Kollege Gassen sagt. Nur ist es leider vollkommen unmöglich, einen Betrag zu finden, der beides ist – sowohl spürbar als auch sozial verträglich. Vier Euro Praxisgebühr oder zwanzig Euro Zuzahlung pro Krankenhaustag sind für die einen Peanuts, für die anderen eine ganz erhebliche Ausgabe.
Utopie aus dem 19.Jahrhundert
Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Marktwirtschaft in Gesellschaften, die von Ungleichheit geprägt sind, Fehlanreize schafft. Unter den gegebenen Umständen würden Gebühren auf medizinische Leistungen nicht bewirken, dass Menschen nur noch bei wichtigen Anliegen zum Arzt gehen und überflüssige Maßnahmen einsparen. Sondern es wäre eher so, dass ärmere Menschen selbst dann nicht zum Arzt gehen, wenn sie wirklich krank sind, während Bessergestellte sich womöglich auch noch berechtigt fühlen, mit kleinsten Wehwehchen die Kapazitäten zu verstopfen – schließlich haben sie dafür bezahlt.
Was aber wäre die Alternative? Eine interessante Utopie findet sich in einem Roman aus dem 19. Jahrhundert: Edward Bellamys „Ein Rückblick aus dem Jahr 2000 auf das Jahr 1887". Er entwirft darin eine utopische Gesellschaft, in der alle denselben Betrag für ihren Lebensunterhalt bekommen. Die ökonomische Aktivität des Marktes spiegelt also exakt den Willen der Bevölkerung wider.
Jenseits des Konsums
Aber, werden die Anhänger liberaler Wirtschaftstheorien nun einwenden: Was ist mit den Anreizen? Würden nicht alle nur noch auf der faulen Haut liegen, wenn jeder dasselbe bekommt? Keineswegs. Denn es gibt in Bellamys Konzept durchaus Leistungsanreize, sie liegen nur nicht auf der Seite des Konsums, sondern auf der der Arbeit. So besteht für alle Erwachsenen bis zu einem gewissen Alter Arbeitszwang. Und je begehrter die eigene Arbeitskraft ist, desto freier kann das Arbeitsleben gestaltet werden. Statt einen zugewiesenen Arbeitsplatz in der Fabrik anzunehmen kann ich mich zum Beispiel als Pfarrerin oder Journalistin selbstständig machen, vorausgesetzt es gibt genug Menschen, die dafür einen Teil ihrer Konsumkredite aufwenden und mich so von der allgemeinen Arbeitspflicht „freikaufen“. Im Übrigen ist die tägliche Pflicht-Stundenzahl in wenig beliebten Berufen niedriger als in begehrten Berufen. Der Markt regelt eben, ganz konsequent.
Was allerdings in Bellamys Utopie nicht möglich ist, das ist die Anhäufung von Vermögen und damit die Akkumulation von ökonomischer Macht. Konsum dient ausschließlich der Befriedigung von Bedürfnissen und der Erfüllung von Wünschen, nicht dem Status oder der Angeberei: Wenn ich einen Porsche fahre, wissen alle, dass ich dafür an anderer Stelle verzichtet haben muss. Kein Grund also, neidisch zu werden.
Glückliche Menschen
Die Menschen in Bellamys Roman sind glücklich, denn sie haben die perfekte Marktwirtschaft gefunden. Die Grundlage für eine stabile Demokratie. Für eine Welt, in der die Politik einfache und gerechte Möglichkeiten zur Verfügung hat, um gesellschaftliche Rahmenbedingungen im Sinne des Allgemeinwohls zu gestalten. Höhere Eigenanteile im Gesundheitswesen wären dort genauso wenig ein Problem wie andere monetäre Steuerungselemente - vom Parkzettel über Theaterpreise bis zum Deutschlandticket.
Aber in unserer Welt, in der die einen immer mehr Geld zur Verfügung haben und die anderen immer weniger, funktioniert das leider nicht. Unsere Marktwirtschaft ist kaputt.
Antje Schrupp
Dr. Antje Schrupp ist Journalistin und Politologin. Sie lebt in Frankfurt/Main.