Die Macht des Anfangs
In der Dezemberausgabe von zeitzeichen schrieb Wolfgang Huber über Hannah Arendt aus Anlass des 50. Todestages Philosophin. Hans-Jürgen Benedict reagiert nun darauf und zeigt, wie Arendts Begriff der Natalität Politik, Theologie und Hoffnung verbindet. Im Licht von Bibel, Schöpfungsglaube und messianischer Gemeinschaft entsteht eine Vision von Macht, die nicht herrscht, sondern Neues ermöglicht – aus Beziehung, Vertrauen und Gewaltverzicht.
In seinem Artikel über die „Jahrhundertdenkerin Hannah Arendt“ konstatiert Wolfgang Huber, dass diese über die Kirchen nur selten gesprochen hat, wenn sie das aber tat, doch einen Anspruch an sie richtete , als „einzige öffentliche Kraft, die das soziale Vorurteil bekämpfen kann.“ Denn Arendt geht von der „Einzigartigkeit der menschlichen Person“ aus, die ihren Grund hat in der „Einzigartigkeit der Menschenseele.“ Der von Huber nicht erwähnte Hintergrund dieses Gedankens aber ist Arendts Begriff der Natalität, der theologisch originell ist und an den ich erinnern möchte.
Natalität, das Geborensein, ist nach Arendt die ontologische Voraussetzung dafür, dass es so etwas wie Handeln überhaupt geben kann (Vita Activa. Oder vom tätigen Leben, Stuttgart 1964, 243). Das Wunder besteht darin, dass Menschen überhaupt geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins. Nur wo diese Seite des Handelns voll erfahren werden kann, kann es so etwas geben wie ‘Glaube’ und ‘Hoffnung’. Deswegen ist die Skepsis des Predigers, den sie ausführlich zitiert, Ausdruck schwindenden Vertrauens in die Welt als eines Ortes, auf dem Menschen handelnd und sprechend in Erscheinung treten können.
Schöpfungsakt wiederholen
Es gilt eben nicht: „es geschieht nichts Neues unter der Sonne“, sondern jeder Mensch ist aufgrund seines Geborenseins ein „Anfang und Neunankömmling in der Welt“, kann „Initiative ergreifen und Neues in Bewegung setzen. „Mit der Erschaffung des Menschen erschien das Prinzip des Anfangs, das bei der Schöpfung der Welt noch gleichsam in der Hand Gottes und damit außerhalb der Welt verblieb, in der Welt selbst und wird ihr immanent bleiben, solange es Menschen gibt“ (Vita Activa 166). In schöner Übereinstimmung von Schöpfungslehre und messianischem Natalitätsdenken sagt sie, es sei mit der Einzigartigkeit der Geburt, als würde in jedem Menschen noch einmal der Schöpfungsakt wiederholt und bestätigt (Vita Activa 167). Dieses Wunder werde in der Bedeutung, der man der Geburt Jesu beilegt, bestätigt. „Dass man in der Welt Vertrauen haben und hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien die frohe Botschaft verkünden: ,Uns ist ein Kind geboren’.“ (Vita Activa 243)
Eigentlich hätte sie sagen müssen: den Worten des Evangelisten Lukas, denn er ist der wahre Erfinder der Geburtsgeschichte Jesu, er hat 2000 Jahre vor Hannah Arendt die Gebürtlichkeit des neuen Menschen und Messias Jesus in genauer Analogie zur Schöpfungsgeschichte geschildert ; auf ihn haben Schütz, Bach und Händel zurückgegriffen. Wie bei der Schöpfung über den Wassern (Gn 1,2) schwebt der Geist Gottes über Maria: „Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ (Lk 1,35) . Ich stelle mir vor , wie Arendt während der Arbeit für Vita activa aufgestanden ist und eine Schallplatte mit Bachs Kantaten 1-3 oder den Weihnachtsteil von Händels Messias gehört hat, denn hier findet sich ja das On to us a child is born von Jes 9,5ff. Deutsche Weihnachtsinnerlichkeit versöhnt mit dem griechischen Handlungsbegriff durch die jüdisch-deutsche Philosophin, ähnlich beglückend wie die Versöhnung von jüdischer Hagada und deutschen Rheinmärchen in Heines Rabbi von Bacharach. Und das unter dem Aspekt, was ist Macht und ihr Potential, nämlich die Fähigkeit gemeinsam zu handeln und so etwas Neues in die Welt zu bringen.
Geburt ist Antizipation
Die Verkündigung des neuen Anfangs bei der Geburt ist Antizipation. Aus dem Kind wird der Mann. Aus der Krippe das Kreuz. Ich möchte Hannah Arendt dahingehend ergänzen, dass mit Jesu Jüngergemeinschaft eine ähnliche Form menschlicher Macht wie die griechische Polis entstanden ist, die im Gottesbezug und Gewaltverzicht ihre Stärke hat, wobei beides essentiell zusammengehört. Zunächst: Handeln braucht eine zweite Geburt, das ist die Taufe und die Jüngerberufung: Die Gebürtlichkeit ist nur die Voraussetzung, sie muss in einer Initiation aktualisiert werden. Das initium des Menschen bedarf der Initiation, um zum Handeln zu gelangen. Jesus nachfolgen bedeutet Handeln im Plural, ist von Anfang an messianische Gemeinschaft.
Das hat besonders die feministische Theologie wiederentdeckt, die den „Herrn Jesus“ und das damit verbundene Herrschaftsgefälle, das meistens eines von den Männern zu den Frauen war, mit Recht kritisierte. In der Jesusgemeinschaft wiederholt sich noch einmal die Bewegung Gottes zu den Schwachen und Opfern hin, die dennoch fähig sind, gemeinsam zu handeln. Dies ist ein wichtiger Unterschied zu Arendts Machtbegriff, der Ohnmacht nicht als politisch konstruktiv einschätzt. Hannah Arendt sagt zwar, dass Handeln und Dulden zusammengehören, „das Dulden ist die Kehrseite des Handelns“ (Vita Activa 182) und dass der Sinn des Handelns sich erst am Ende der Geschichte enthüllt.
Kritik an der Ohnmacht
Aber sie mochte die jüdisch-christlichen Formen des duldenden Handelns nicht als maßgeblich anerkennen, griff lieber auf die begrenzte Macht der griechischen Stadtstaaten als Modell politischer Macht zurück. Könnte es sein, dass die jüdische Ohnmachtserfahrung, die kein politisch-konstruktives Handeln erlaubte und der christliche Missbrauch des jüdischen Erbes - in der Idee gewaltfrei, aber in der Praxis oft mit einer Politik der Gewalt verbunden - diese Kritik an der Ohnmacht bestimmte?
An dieses Erbe, aus dem Hannah Arendt in kurzen kostbaren Passagen von Vita Activa zurückgreift, möchte ich erinnern. Im Alten Testament setzt sich zunehmend das Bild eines Gottes durch, der Gewaltverzicht übt, indem er die Menschheit nicht mehr vernichten will (denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf, Gn 8,25), die Naturordnung stiftet und seinen Bogen als Friedenszeichen in die Wolken setzt. Gott erwählt sich in Abraham ein Volk, das als Alternativgesellschaft Herrschaft und Heil voneinander trennt, aus dem politischen Pharaonentum auswandert (M. Buber), den Sinai als utopischen Ort der Rechtsverkündung setzt, an dessen Erbarmensrecht jedes positive Recht gemessen wird, in der prophetischen Sozialkritik innerstaatliche Gewaltanwendung durch Reichtum und ungerechten Besitz kritisiert.
Besser Opfer als gewalttätiger Sieger
Israel versucht in der deuteronomischen Reform eine sozial gerechte Gesellschaft zu verwirklichen. Vor allem aber: Israel als gewaltfreies Gegenvolk geht schließlich zunehmend den Weg in die Gewalterleidung durch die umgebenden Großmächte und lernt, dieses Strukturelement von Staatenpolitik theologisch zu verarbeiten. In Js 2 entwickelt es eine Vision der Gewalttransformation (heute würden wir sagen der Rüstungskonversion). In der symbolischen Gestalt des Gottesknechts von Js 53 bricht die Erkenntnis sich Bahn, es sei besser Opfer zu sein als gewalttätiger Sieger.
Diese Einsicht wird dann zum Kennzeichen des Jesuswegs. Sie ist von dem paulinischen (von Nietzsche als Inbegriff der decadence und des Herdentriebs der Zukurzgekommenen inkriminierten) „Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt“ (1 Kor 1,27) über Niklaus Hermans weihnachtlichem „Er äußert sich all seiner G’walt, wird niedrig und gering, und nimmt an sich eins Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding“ bis zu Bonhoeffers: „Gott läßt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz. Gott ist schwach und ohnmächtig in der Welt, und gerade nur so ist er bei uns und hilft uns“ immer wieder umschrieben worden.
Mächtig in den Beziehungen
Denn Jesus, der eingeborene Mensch, wie Gott ihn will, verzichtet auf die eingreifende göttliche Gewalt in dem Wort bei der Gefangennahme „Stecke dein Schwert in die Scheide, denn wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen. Oder meinst du nicht, ich könnte meinen Vater bitten, dass er mir 12 Legionen Engel schickt...“ (Mt 26,52f).
Jesus ist mächtig in den Beziehungen, die er stiftet, die selbst den Tod überdauern und als Kraft der Auferstehung mitten im Leben wirksam erfahren werden. Diese Messianität zieht nicht von der Erde ab, entwertet die Welt als einzige, die wir haben, nicht (wie Hannah Arendt dem augustinischen Christentum mit Recht unterstellt). Sie ist unterwegs nicht zur jenseitigen Civitas Dei sondern zur Stadt der Menschen, die mit der Stadt Gottes bei den Menschen identisch ist.
Gottesliebe zeigt sich in der Nächstenliebe, wie die Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter unvergesslich dem Gedächtnis der Menschheit einschreibt. Diese antiselektive Liebe zum unter die Räuber geratenen ist zugleich eine souveräne Daseinsäußerung des Menschen, braucht keine christologische Begründung. Die Werke der Barmherzigkeit geschehen um des hungernden, dürstenden, gefangenen Nächsten willen. Gott entfaltet seine Kraft als eine Macht, die sich in Beziehungen realisiert. „Non vis sed verbi“, nicht mit Gewalt, sondern mit Worten. Dieser Weg der Macht von unten, aus Schwäche, ist wichtig in einer Staatenwelt, die mal nationalistisch-militärisch ist, mal ökonomisch-expansiv, mal massenmedienhaft-unterhaltend. Dieser Neuanfang steht immer quer zu den vorfindlichen dominanten Politikmustern und bewahrt sie vor Entartung.
Hans-Jürgen Benedict
Hans-Jürgen Benedict war bis 2006 Professor für diakonische Theologie an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie des Rauhen Hauses in Hamburg. Seit seiner Emeritierung ist er besonders aktiv im Bereich der Literaturtheologie.