Der unsterbliche Leib
Als spätliberaler Theologe mit verdämmerndem calvinistischem Hintergrund habe ich meinen Vorlesungszyklus über Glaubenslehre als Lebenslehre über mehr als zehn Jahre lang mit Vorliebe im Sommersemester gehalten, weil das Sommersemester durch die Pfingsttage den Kurs um eine Woche verschlankte. So kam ich nur bis zur Lehre von der Kirche (Ekklesiologie) und konnte die Studierenden zur Frage nach den letzten Dingen (Eschatologie) auf das nächste Semester vertrösten. Das eschatologische Büro blieb, wie der liberale Theologe Ernst Troeltsch so herrlich süffisant sagte, geschlossen. Ich habe es wieder aufgesperrt. Drei Erfahrungen motivierten zum Neustart.
Auftrag an die Theologie
Jenes von Jürgen Habermas nicht eben schmale, sondern leicht adipöses Spätwerk »Auch eine Geschichte der Philosophie« hat mir eine Verlusterfahrung spürbar gemacht. Habermas Diagnose lautet: Im Verhältnis von Glauben und Wissen habe sich „seit dem 17. Jahrhundert zunehmend ein säkulares Selbstverständnis durchgesetzt. Diese Abkoppelung vom religiösen Komplex hat in erster Linie zwei, auch voneinander abhängige Konsequenzen: Zum einen verliert die praktische Philosophie die Rückendeckung durch die normative Autorität einer rettenden Gerechtigkeit; zum anderen stellt sich mit der Loslösung der theoretischen Arbeit und des theoretischen Welt- und Selbstverständnisses vom Ritus, das heißt von der sozialintegrativen Quelle der liturgischen Gemeindepraxis die Frage, was die Umstellung der religiösen auf eine vernunftrechtliche Legitimation der Herrschaft für die moderne Form der gesellschaftlichen Integration der Gesellschaft bedeutet.“
In einem jüngst ergangenen Weckruf von Habermas, den er in einem knappen Grußwort in einer Festschrift zu Ehren des Religionsphilosophen Thomas M. Schmidt vorgetragen hat, erwartet er von der Theologie eine inhaltlich bestimmte Hoffnung, die sich auf die „Glückseligkeit einer alles Innerweltliche transzendierenden Erfüllung“ (so Habermas) richtet, ohne in einen „Erlösungsnarzißmus“ abzudriften. (Siehe auch die FAZ vom 11.10.2025). Habermas erhofft sich von der Theologie nicht länger verkürzend nur eine präsentische, also innerweltliche Transzendenzeröffnung, sondern eine konsequent futurische Eschatologie. Weil Habermas strikt zwischen Wissen und Glauben unterscheidet, lautet der Subtext: Die immanente Transzendenz als präsentische Eschatologie lässt sich von der Philosophie und anderen Geisteswissenschaften kompetent bearbeiten, die strikt futurische Eschatologie verspricht dagegen ein Surplus, sofern dieses Surplus übersetzbar bleibt und damit die Kommunikation erweitert. Hier habe die Theologie endlich zu liefern, bitteschön.
Das Paradies hat Konjunktur
Eine zweite Erfahrung blieb nachhaltig in meinem Gedächtnis. In meiner Vorlesung zur Leib-Anthropologie für alle Hörerinnen und Hörer der humanistischen Fakultät, stellte ich eher spontan einmal die Frage, als ich über Geburt und Tod sprach, wer von den Studierenden erwarte, dass mit dem Tod nicht alles aus sei. Ich hatte mit wenigen Meldungen gerechnet und war bass erstaunt, dass sich etwa 90 Prozent der Studierenden meldeten. Es wurde ein intensives, wildes und zugleich humorvolles Gespräch. Angeboten wurde: Wiedergeburt, mind-uploading, Avatar, digitale Unsterblichkeit, Transhumanismus, Einfrierung (Kryonik), aber in der überwiegenden Mehrzahl blieb es bei traditionellen religiösen Vorstellungen, das Paradies hatte wieder Konjunktur.
Vertreterinnen und Vertreter der Paradies-Vorstellung plädierten mehrheitlich für die Idee eines Gerichtes, ihr Gerechtigkeitsgefühl erlaubte nur dann der Idee der Auferstehung aller Menschen oder einer Unsterblichkeit aller Seelen zuzustimmen. Unterm Strich: Eine für mich enorm wichtige Erfahrung. Als Lehrender darf man nicht Diskussionslagen der eigenen Generation für überzeitlich halten. Die Studierenden der Generation Harry Potter und Stranger Things hatten nicht mein Problem! Ich aber hatte jetzt ein Problem. Eine strikt futurische Eschatologie! Ist das eine veritables Modell für die Gegenwart, um finale Gerechtigkeit zu bebildern?
Götter als Gefühle
Den Griff zum Schlüssel des eschatologischen Büros motivierte schließlich eine ausufernde Leseerfahrung. Mein Mastermind ist der Kieler Leibphänomenologe Hermann Schmitz, der ein mächtiges, zehnbändiges Werk: System der Philosophie publizierte, das über Jahrzehnte wenig Beachtung fand, inzwischen nachhaltig breit rezipiert wird. Aufregend ist: Hermann Schmitz endet sein System der Philosophie mit Paragrafen zur Eschatologie. In diesem Projekt der Spätmoderne kommt Schmitz ohne einen traditionellen Theismus aus. Weil Schmitz Götter als andrängende Gefühlsmächte oder Atmosphären versteht, ist er ein möglicher Diskussionspartner auch für nicht-monotheistische Religionen, er kennt aber auch eine quasi-monotheistische Aufgipfelung der Gefühlsmächte in der Gefühlsmacht der Liebe.
Schmitz versucht mit seinem Werkzeugkasten zwei mögliche Erscheinungsformen des Ewigen als Gedankenexperiment zu erkunden: Die Auferstehung und die Unsterblichkeit des Leibes. Nicht die Unsterblichkeit der Seele, denn für die Seele ist im System von Schmitz kein Platz. Im fünften vorchristlichen Jahrhundert seien die Gefühlsmächte, so Schmitz, ins Innere des Menschen verlagert und die Seele als innere, seltsam ortlose Instanz installiert worden, um sich gegen die von außen andrängenden Gefühlsmächte zu stabilisieren. Für Schmitz der erste skandalöse Schritt einer Abschottung gegen affektive Betreffbarkeit und zugleich Start der langen Geschichte der Leibfeindlichkeit.
Gespräch mit Paulus
Schmitz, der sich religionsphänomenologisch bei Rudolf Otto, dem Bestseller-Autor über das Heilige, einsortiert, lädt sehr häufig auch Paulus zum Gespräch ein, auch deshalb, weil er bei Paulus noch Anklänge an die alte homerische Anthropologie zu entdecken glaubt. Schmitz ist dem biblischen Paulus auch in der Idee eines Geistleibs gefolgt und zwar in der Variante der Unsterblichkeit des spürenden Leibes. Die Frage, die Schmitz sich stellt, ist: Kann der spürende Leib, der sehr viel weiter reicht als der Körper, vollständig aus dem Körper ausreisen? Als Leibphänomenologe erkundet er etwa den Phantomschmerz.
In dieser Frage sind Schmitz auch enge Freunde nicht gefolgt. Selbst der Philosoph Gernot Böhme, der zur Urbanisierung der Philosophie von Hermann Schmitz kräftig beigetragen hat, verweigert sich ihm in dieser Frage ganz entschieden und entrüstet. „Es ist bemerkenswert, dass selbst ein Leibphilosoph wie Hermann Schmitz der Versuchung nicht widerstehen konnte, Argumente für eine mögliche Unsterblichkeit des Menschen zu konstruieren.“ Die entsprechende Stelle im System der Philosophie heißt: „Was den Tod überdauert, kann nicht die Seele sein, denn die gibt es nicht, wohl aber der spürende Leib, der weder sicht- und tastbarer Körper ist, noch ausdehnungs- und ortlose Seele. Da sogar einzeln abgespaltene Leibesinseln z. B. als Phantomglieder, ohne entsprechende Körperteile auskommen, ist nicht einzusehen, warum für den Leib im Ganzen an seinem absoluten Ort nicht etwas Entsprechendes in Frage kommen sollte.“
Ausreisende Blicke
Gegen das Beispiel der Phantomglieder wendet Böhme ein: „Die Denkfigur ist hier nicht anders als bei Descartes, der aus der selbständigen Denkbarkeit der res cogitans auf die selbständige Existenz der res cogitans schloss, nur dass bei Schmitz statt des Denkens das leibliche Spüren den Absprung für seine Schlüsse sichert. Es rächt sich hier, dass Schmitz seine Philosophie des Leibes nicht als Philosophie der Natur, die wir selbst sind, versteht. Auch die Erfahrung von Phantomgliedern, mag sie noch so unabhängig von den entsprechenden Gliedern sein, ist nicht schlechthin vom Körper unabhängig. Es wird von dieser Erfahrung nicht viel übrigbleiben, wenn man die Reizleitungen von den Gliedstümpfen zum Gehirn kappt.“
Die Debatte ist weiter offen. Ich zitiere sie, um deutlich zu machen, wie Schmitz versucht Phänomene zu beschreiben, die an jene Grenze führen, ab der die Philosophie nicht länger die Religion ersetzen kann – eben das definitive Ausreisen des spürenden Leibes aus dem Körper. Erwähnen will ich einen anderen Versuch, wenn Schmitz etwa den Blick – in vielen Phänomenologien von Rang (Sartre, Levinas, Böhme, Pelluchon) ein zentrales Phänomen der Begegnung – als Argument in den Ring wirft. Und in Tat: Blicke können aus dem Körper ausreisen und bei einem Gegenüber im spürenden Leib präsent bleiben. So können etwa Blickgeschichten als „solidarische Einleibung“ (Schmitz) in meinem spürenden Leib in großer Nähe eingeschrieben bleiben. Aber auch „antagonistische Einleibungen“ (Schmitz), dann, wenn in einem Blickduell Machtkämpfe oder Statusehrgeiz ausgefochten werden, können Spuren zeitigen. Und selbstredend: Möglich sind auch Pathologien, Blicke, die in antagonistischer Einleibung wie Speere abgeschossen werden und verwunden. Blicke können töten. Viel Arbeit für eine Phänomenologie leiblicher Kommunikation.
Reshaming-Prozesse zur Läuterung
Mehr als Gedankenexperimente kann die Phänomenologie an dieser Stelle nicht anbieten, um das eigentliche Gebiet einer futurischen Eschatologie zu eröffnen. Ich lese Schmitz‘ Leibphilosophie – seine Phänomenologie des spürenden Leibes, der bei funktionierenden Resonanzachsen sehr weit reicht – als Versuch, annähernd Wahrnehmungen zu beschreiben, die Paulus für die Ewigkeit versprach. Der spürende Leib ist ein Vorgeschmack auf den paulinischen Geistleib (soma pneumatikon). Die Leib-Phänomenologie von Hermann Schmitz ist eine Wahrnehmungslehre, die zu einem großen Sprung einlädt, um für die rettende Gerechtigkeit einen nichtobjektivierbaren Raum zu eröffnen. Schmitz schafft es, den traditionellen Vorstellungen von Auferstehung und Unsterblichkeit der Seele eine dritte Möglichkeit hinzuzufügen: die Unsterblichkeit des spürenden Leibes. Der unsterbliche spürende Leib ist die Bedingung dafür, aus den Festschreibungen und Objektivierungen durch Dritte in der Lebenswelt befreit zu werden.
Und das Gericht? Schmitz deutet sie als Charakterläuterung. Ich spreche lieber von Reshaming-Prozessen an einem Un-Ort, an dem die Atmosphäre der Liebe herrscht: Von den Opfern mit Taten, auch Gräuel-Taten konfrontiert, setzt bei den Tätern ein Schamprozess ein, der zu einer finalen Korrektur des Charakters führt und den Opfern hilft, zu verzeihen. Als Bildspender dient mir an dieser Stelle die u.a. von Bischof Tutu inszenierte und geleitete Wahrheits- und Versöhnungskommission nach dem Ende der Apartheit in Südafrika.
Für Schmitz war das eschatologische Büro offen, aber vielleicht nicht immer mit Fachkräften besetzt. Und die Theologie? Sie macht, mit philosophischer Unterstützung, ein neues Denkangebot, um die Idee der rettenden Gerechtigkeit wieder denkwürdig zu machen. Die Hoffnung hat erneut einen denkwürdigen Inhalt. Der Himmel ist eine rettende Idee. Das beste Ergebnis.
Klaas Huizing
Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.