Gesundheit ist das höchste Gut?
Zum Jahreswechsel wünschen wir uns und anderen oft vor allem eines: Gesundheit. Doch ist sie wirklich das höchste Gut? Der Publizist Eckart Löhr ist anderer Meinung und formuliert einen Gegenvorschlag.
Wir leben in einer Zeit, in der die Sehnsucht nach einem möglichst langen und leidfreien Leben zu einem dominanten kulturellen Ideal geworden ist. Der gegenwärtige Trend zu Selbstoptimierung und Longevity, befeuert von biotechnologischen Versprechen und dem Traum der Transhumanisten, selbst die biologische Grenze des Todes zu überwinden, hat sich zu einer Art säkularer Heilslehre entwickelt. Ihre Protagonisten, wie der amerikanische Tech-Unternehmer Bryan Johnson oder der ehemalige Google Chefingenieur Ray Kurzweil schlucken täglich Unmengen an Nahrungsergänzungsmitteln und lassen unter anderem regelmäßig ihre Blutwerte untersuchen, um dem Alterungsprozess entgegenzuwirken.
Vor diesem Hintergrund gewinnt ein alter Satz, den wir alle kennen und gerade zum Jahreswechsel häufig hören, noch einmal eine ganz aktuelle Bedeutung: "Gesundheit ist das höchste Gut!". Es ist ein Satz wie "Wer A sagt, muss auch B sagen", "Schuster bleib bei deinen Leisten" und Ähnliches mehr. Einige dieser Aussagen mögen eine gewisse Gültigkeit haben, bieten vielleicht ein wenig Orientierung in Form konkreter Handlungsanweisungen oder vermitteln wichtige ethisch-moralische Einsichten. Doch nicht hinter jedem dieser Sätze steht eine große, zeitlos gültige Weisheit und manches entpuppt sich als bloße Plattitüde. Und gerade heute ist es lohnend, sich gerade diesen Satz noch einmal genauer anzusehen. Denn an ihm lässt sich gut illustrieren, wo unser Problem liegt: in der zunehmenden Weigerung, Krankheit, Schmerz und Tod als unaufhebbare Bestandteile der menschlichen Existenz zu akzeptieren.
Nicht Gesundheit ist das höchste Gut, sondern die Fähigkeit eines Menschen auch im kranken Zustand ein lebenswertes Leben zu führen
"Gesundheit ist das höchste Gut!" Das klingt erst einmal überzeugend und was ließe sich dagegen einwenden? Schließlich weiß jeder, der einmal ernsthaft krank war, dass das ein Zustand ist, den man möglichst schnell wieder verlassen möchte. Trotzdem irritiert etwas an diesem Satz, je länger man darüber nachdenkt. Was? – Es folgt nichts aus ihm! Was soll man, egal ob gesund oder krank, mit diesem Satz anfangen? Bin ich – zumindest im Großen und Ganzen – gesund, interessiert er mich ohnehin nicht besonders. Bin ich krank, deprimiert er mich, da ich dieses "höchste Gut", zumindest für eine gewisse Zeit, verloren habe. Und was soll er erst chronisch kranken Menschen sagen, die über dieses Gut nie wieder in ihrem Leben verfügen werden? Auch gibt es Menschen, die schon von Geburt an körperliche Einschränkungen aufweisen, gewisse krankmachende Dispositionen geerbt oder bereits ernsthafte Erkrankungen haben. Nicht wenige haben demnach nie erfahren, was Gesundheit ist und werden sterben, ohne jemals in den Genuss dieses "höchsten Guts" gekommen zu sein.
Abgesehen davon impliziert dieser Satz, dass es so etwas wie Gesundheit überhaupt gibt, und das stellt vielleicht die größte Problematik dieser apodiktischen Aussage dar. Doch gerade Gesundheit ist ein Zustand, den man in der Regel doch nur selten antrifft, wenn er überhaupt vorkommt. Wohl kaum jemand könnte von sich behaupten, ganz und gar gesund zu sein. Jeder hat seine individuellen, graduell unterschiedlichen Krankheiten, seien sie nun körperlicher, seelischer oder psychosomatischer Natur. Gesundheit scheint somit keine grundlegende Eigenschaft von Menschen zu sein. Das Bonmot des Psychiaters Ronald D. Laing, das Leben selbst sei eine sexuell übertragbare Krankheit mit einer Sterblichkeitsrate von hundert Prozent, ist zwar geistreich – sollte jedoch nicht allzu wörtlich genommen werden. Vielmehr stellen Gesundheit und Krankheit zwei extreme Pole dar, zwischen denen sich der Mensch zeit seines Lebens bewegt. Der Satz "Gesundheit ist das höchste Gut" ist somit aus mindesten drei Gründen wenig hilfreich: Zum einen, weil er kranke Menschen frustriert zurücklässt, zum anderen unterstellt, es gäbe überhaupt so etwas wie völlige Gesundheit und darüber hinaus nichts aus ihm folgt.
Wie ließe sich dieser Satz pragmatischer formulieren?
Wie ließe sich dieser Satz pragmatischer formulieren, so dass er uns etwas zu sagen hätte? Er könnte beispielsweise folgendermaßen lauten: Das höchste Gut ist die Fähigkeit des Menschen, auch im kranken Zustand ein lebenswertes Leben zu führen. Damit bekommt dieser Satz eine gänzlich andere Aussage. Er nimmt den Betroffenen das Gefühl des Makels, da Gesundheit nicht zwangsläufig als normal vorausgesetzt wird. Darüber hinaus folgt etwas aus diesem Satz, nämlich die Frage: was kann ich tun oder was wäre nötig, um seelisch stark genug zu werden, mit meinen Krankheiten zu leben, anstatt ewig dem Verlust meiner vermeintlichen Gesundheit nachzutrauern?
Erst einmal ist es wichtig zu begreifen, dass Krankheit und damit verbunden Schmerz, Leiden und Tod nicht die Gegner des Lebens, sondern lediglich sein komplementärer Teil sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir aufhören sollen das Leiden zu lindern, wo immer es uns begegnet. "Das Wenige, das du tun kannst", schrieb der Arzt und Theologe Albert Schweitzer, "ist viel – wenn du nur irgendwo Schmerz und Weh und Angst von einem Wesen nimmst, sei es Mensch, sei es irgendeine Kreatur."
Krankheit und das damit verbundene Leid gehören untrennbar zu unserem Leben. Schon der Beginn jeder individuellen Existenz ist mit einem Schrei verbunden und steht im Zeichen des Geburtsschmerzes der Mutter. Wer sich gegen das Leiden abschließt, der schließt sich zwangsläufig auch gegen das Leben ab. Denn "allein über den Schmerz", schreibt Byung-Chul Han im Rückgriff auf die französische Philosophin Simone Weil "haben wir Zugang zur Welt, zur Schönheit und auch zur Liebe. Durch den Schmerz dringt die Schönheit der Welt in den Körper ein. Ohne Schmerz sind wir weltlos und seinsvergessen." So dürfen wir keine a-pathische Gesellschaft im doppelten Sinn des Wortes werden. Wir sind es wohl schon längst. Denn wer den Schmerz nicht in sein Leben lässt, der bleibt auch blind gegenüber den Schmerzen anderer.
Wir haben unsere Beziehung zur Transzendenz gekappt
Wir leben, zumindest was die aufgeklärt genannte westliche Welt betrifft, im Zeitalter der radikalen Säkularisation. Das heißt, wir haben alle Beziehungen zur Transzendenz gekappt und die religiösen Hoffnungen und Fragen in uns weitestgehend zum Schweigen gebracht. Unsere Kirchenbesuche dienen - wenn überhaupt - nur noch dazu, gewisse Serviceleistungen in Anspruch zu nehmen, wie Taufe, Heirat oder Beerdigung. Wir haben uns an Gottes Stelle gesetzt und unser Dasein kennt keinen Halt mehr, der über das zeitlich Bedingte hinausreichen würde. Das Leben im Hier und Jetzt ist alles, was wir haben. Wenn wir dieses Leben verlieren, dann haben wir buchstäblich alles verloren. Der Verlust unserer Gesundheit bedeutet innerhalb dieser Weltsicht bereits den ersten Schritt in Richtung des absoluten Todes. Wenn dieses Leben alles ist, dann muss alles, was dieses Leben in irgendeiner Form beeinträchtigt oder bedroht, das Böse schlechthin sein.
Nur vor diesem Hintergrund lässt sich der Satz "Gesundheit ist das höchste Gut" zur Gänze begreifen. Gesundheit ist aber nicht das höchste Gut, sondern lediglich ein Ideal, das in Wahrheit noch niemand erreicht hat, noch jemals erreichen wird. Wir können versuchen gesund zu werden und sollen heilen, wo immer es möglich ist. Da aber wo es nicht möglich ist, haben wir die Aufgabe zu lernen, mit unseren Krankheiten würdevoll zu leben.
Ein Existenzial des menschlichen Lebens
Mit unseren Krankheiten zu leben, sie als ein Existenzial des menschlichen Lebens anzuerkennen, ist aber nur möglich, wenn wir uns von der Vorstellung befreien, dass dieses Leben schlechthin alles ist. Wer sich gehalten weiß in einer Macht, die sein individuelles Dasein grenzenlos übersteigt, der wird auch in der Lage sein, das Leben anzunehmen, auch wenn es durch Krankheit, in welcher Form auch immer, beeinträchtigt ist. Das heißt nicht, um es noch einmal zu sagen, sich leichtfertig mit seinen Krankheiten abzufinden und sich diesen passiv zu überlassen. Gesundheit ist ein erstrebenswerter Zustand und wir sollten versuchen, gesund zu werden und gesund zu machen, soweit das in unserer Macht steht. Da aber, wo unsere Macht endet, beginnt nicht zwangsläufig die Hoffnungslosigkeit. Dort also, wo wir uns am Ende unserer Kräfte wähnen, steht eine andere Kraft, die uns hilft, unsere Grenzen anzunehmen.
Denn Krankheit, so wie auch Leiden, Tod und Schuld sind Grenzsituationen. Sie sagen uns: bis hier hin und nicht weiter! Was immer du tust, über uns kommst du nicht hinweg! Da wir oftmals nicht bereit sind, diese Grenzen als unauflöslich mit unserem Leben verbunden zu akzeptieren, vermeiden oder verdrängen wir die damit verbundenen Tatbestände, wann und wo immer wir können. Hier genau liegt das Problem der Selbstoptimierer und Transhumanisten. Sie wollen diese Grenzen nicht anerkennen und sind davon überzeugt, dass Krankheit, Alter und Tod letztlich technische Probleme sind, die auch auf dieser Ebene gelöst werden können.
Eine große Chance
Dabei läge gerade in der Wahrnehmung dieser Grenzen eine große Chance für unser Leben. Sie zeigen uns nämlich zweierlei: Sie führen uns zwar die absolute Begrenztheit unserer Macht und unserer Möglichkeiten vor Augen. Wer aber aufmerksam ist und in seinem Leben schon einmal mit seiner eigenen Machtlosigkeit konfrontiert war, beispielsweise im Angesicht von Krankheit oder dem Tod eines Freundes oder nahen Angehörigen, hat im besten Fall auch eine andere Erfahrung gemacht. Die eben genannten Grenzen mögen für uns absolut und für alle Zeiten unüberwindlich sein und doch spüren wir: es sind lediglich Grenzen für uns. Wenn sie auch in dieser Welt für uns unüberwindbar sind, heißt es nicht, dass dahinter das völlige Nichts, die vollkommene Nichtigkeit lauert.
In solchen Momenten können wir im besten Fall die beinahe mystische Erfahrung machen, dass die Grenzen zwar nicht verschwinden aber transparent werden und uns einen kurzen Blick auf die dahinter liegende jenseitige Wahrheit gewähren. Während wir somit die Grenzen dieser Welt akzeptieren (müssen), sind wir zugleich in der Lage, diese auf der Ebene des Glaubens zu transzendieren. Und Grenzen transzendieren heißt immer auch hoffen. Das unterscheidet uns fundamental vom Tier. Wenn ein Tier leidet, so leidet es ohne Hoffnung. Auch noch im Leiden hoffen zu können ist nicht zuletzt ein wesentlicher Teil der göttlichen Gnade.
Das Leben in seiner ganzen Tiefe erfahren
Die bereits erwähnte Simone Weil geht über all das noch hinaus, wenn sie schreibt: "Dächte ich, Gott sende mir den Schmerz aus einem Akt seines Willens und zu meinem Wohl, so glaubte ich etwas zu sein, und ich versäumte den Hauptgebrauch des Schmerzes, der darin besteht, mich zu lehren, dass ich nichts bin. Man soll also dergleichen nicht denken. Aber man soll Gott lieben durch den Schmerz hindurch."
Gott lieben durch den Schmerz hindurch – das heißt nichts anderes, als zu lernen unsere Grenzen in dieser Welt anzunehmen und uns gleichzeitig für die göttliche Gnade zu öffnen, diese auf den Glauben hin zu transzendieren. Im besten Falle lehren uns diese Grenzen Demut, Bescheidenheit und die Erfahrung des Gehaltenseins gegen alle Evidenz. Erst wer Krankheit, Leiden und Tod unauflöslich zu seiner Existenz gehörend begreift und annimmt, ist in der Lage das Leiden anderer an sich heranzulassen, Mitgefühl zu entwickeln und schließlich das Leben in seiner ganzen Tiefe zu erfahren.
Eckart Löhr
Eckart Löhr ist freier Publizist mit den Schwerpunkten Umweltethik, Philosophie und Gesellschaft. Zuletzt veröffentlichte er im Oekom Verlag das Buch Die Würde der Natur. Plädoyer für einen radikalen Perspektivenwechsel.