Drangsaliert

Wehrdienstverweigerer in der DDR

Diktaturen neigen zu nachklappender Verklärung. So schildert die Bibel, wie die Israeliten sich alsbald Ägyptens Fleischtöpfe zurückwünschen. So trauerten Unbelehrbare vermeintlichen Vorzügen der Hitlerherrschaft nach. Und erst recht prägt Verklärung den Rückblick auf die zweite deutsche Diktatur.

Wie die DDR mit Menschen umging, wozu sie aus ideologischen und machttechnischen Gründen bereit war, erweist sich an diversanten Minderheiten. Zu befürchten steht indes, dass die wichtige Studie des jungen Theologen Maximilian Rosin zum Ergehen der „Totalverweigerer“ gerade dort ignoriert wird, wo sie unbedingt Beachtung verdient: in Diskursen nämlich, die den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur verwischen, wo man sich billig als widerständig stilisiert und garantierte Freiheit herabwürdigt. Jüngste Geschichte lässt sich niemals unpolitisch betrachten – umso tugendhafter stellt sich diese detailreiche, rhetorisch gediegen zurückhaltende Arbeit dar.

Ein besonderes historiografisches Verdienst liegt in der Einleitung, die den einschlägigen Forschungsstand erschöpfend referiert. Plastisch beschreibt Rosin hernach die anfangs angestrebte Abgrenzung der Nationalen Volksarmee von der „imperialistischen Zwangsarmee“ der Bundesrepublik. Auch wenn die DDR erst 1962 – nach dem Mauerbau also – offiziell die Wehrpflicht einführte und propagandistisch zunächst einer pazifistischen Grundstimmung schmeichelte, übte der SED-Staat real seit 1956 massiven Druck auf junge Männer aus, insbesondere durch Regulierung des beruflichen Aufstiegs und der Hochschulzulassung. Eine Mixtur aus pragmatischer Sorge um Rekrutenmangel und totalitärem Durchsetzungswillen leitete die Behörden.

Wer die Geschichte der konsequenten Verweigerer in der DDR ansieht, blickt in ein System umfassender Militarisierung von Schulen und Betrieben sowie von „Ersatzdiensten“ in Volkspolizei oder Staatssicherheit. Auch die waffenlosen „Baueinheiten“ der NVA – im Warschauer Pakt singulär – gehörten zu diesem Geflecht, ermöglichten also mitnichten einen zivilen Ersatzdienst wie in der Bundesrepublik.

Nicht beschönigt wird die zuweilen inkonsequente Rolle der evangelischen Landeskirchen im Umgang mit renitenten, ihrem Gewissen folgenden jungen Männern. Rosin betont regionale Unterschiede. Bestrebt, mit dem Staat Kompromisse einzugehen und die Gesamtlage zu entschärfen – primär im Interesse der Betroffenen und ihrer Familien, rieten die Landeskirchen von Totalverweigerung ab. Aus Thüringen wird berichtet, wie die Kirche selbst einen jungen Kantor drangsalierte, der den Militärdienst verweigerte.

Die vergleichsweise kleine Gruppe der Zeugen Jehovas beeindruckt mit durchgehaltener Konsequenz. Während die DDR krude Vergleiche zwischen Kritikern ihres virulenten Militarismus und dem „Hitlerfaschismus“ herumposaunte, begriffen sich junge Zeugen Jehovas klar in der Tradition ihrer im NS-System verfolgten Väter und Brüder. Stellten landeskirchliche Protestanten unter den Verweigerern des Waffendienstes die große Mehrheit, so waren 93,5 Prozent der inhaftierten Totalverweigerer Zeugen Jehovas.

Rosin untersucht die Folgen des Prager Frühlings für die Diskurse innerhalb der DDR-Gesellschaft und -Kirche akribisch. Dies öffnet ein Fenster zum Ende der DDR hin: Bereits 1968 büßte das SED-Regime jedweden „friedlichen“ Nimbus bei kritisch denkenden Bürgern ein.

An der staatlich orchestrierten Verdunkelung und Rechtsbeugung vergegenwärtigt der Autor die DDR-typische Scheu vor den eigenen Bürgern. Die Rhetorik der im „Antifaschismus“ gründenden moralischen Überlegenheit – ein Markenzeichen der DDR, das den staatlichen Zusammenbruch als ideologische Nischenpflanze überdauert hat – tönte dort am stärksten, wo man real fast nahtlos die Unterdrückungspraxis der Nazis aufgriff.

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