Aus der christlichen Tradition wohlbekannt ist diese Vorstellung und kann bis heute beruhigend wirken: Wir ruhen alle in Gottes Hand; sie führt und leitet alles. Abgeleitet von dieser bildlichen Vorstellung ist auch die volkswirtschaftliche Metapher von der unsichtbaren Hand des Marktes, die auf den schottischen Philosophen Adam Smith und dessen 1776 veröffentlichtes Buch Der Wohlstand der Nationen zurückgeht.

Eine unregulierte Marktwirtschaft ist demnach die beste Form des Wirtschaftens, weil der Markt selbst, wie eine unsichtbare, göttlich geführte Hand, für allseitigen Nutzen, Ausgleich und Wohlstand sorge. So weit die Theorie, deren so gar nicht beruhigende Konsequenzen der Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Arnis Vilks in seinem Buch Im Griff der unsichtbaren Hand vorführt.

Die gängige Kritik am so genannten Neoliberalismus erfährt hier eine gründlich-differenzierte Begründung. Adam Smith selbst verwendete die berühmt gewordene Metapher übrigens nur ein einziges Mal; sie prägt sein Buch aber nachdrücklich im Sinne der Überzeugung, dass ein individuell eigennütziges wirtschaftliches Handeln zum Wohle der Gemeinschaft beitragen könne – und Monopole dabei ebenso hinderlich seien wie Begünstigungen und Einschränkungen durch staatliche Eingriffe.

Vilks zeichnet die volkswirtschaftlichen Theorien und Auffassungen besonders der vergangenen 100 Jahre nach. Er führt vor, wie eine mathematisch informierte Wissenschaft immer komplexere und angemessenere Beschreibungen lieferte – und wie es dann eine auf Smith rekurrierende, eher unterkomplexe Betrachtungsweise schaffte, erheblichen politischen Einfluss zu gewinnen. Vor allem Friedrich August von Hayek und Milton Friedman lieferten mit ihren Ideen Blaupausen für die radikal wirtschaftsliberale Politik einer Margaret Thatcher in Großbritannien und eines Ronald Reagan in den USA; sie prägten ebenso noch die deutsche Politik der Ära Kohl wie die Finanzpolitik des US-Präsidenten Bill Clinton.

Und nicht zuletzt solcher Theorien wegen, die auch die neuen Marktwirtschaften im ehemaligen Ostblock beeinflussten und dort ebenso die Privatisierung staatlichen Eigentums beförderten, ist heute die Vermögensverteilung noch deutlich ungerechter, als sie es vor gut 40 Jahren war. Entsprechend ist die Erhebung einer Vermögenssteuer in vielen Ländern seit Jahrzehnten ausgesetzt – und wird in Osteuropa zumeist progressionsfrei nur ein einheitlicher Steuersatz erhoben.

Die ein wenig plakativ anmutende Vorstellung, dass die Reichen immer reicher werden, aber die Armen, wenn nicht noch ärmer, werden so doch allenfalls gleich arm bleiben, findet in Vilks Buch eine statistisch belegte Bestätigung. Begünstigt wird eine solche Entwicklung durch die direkte Wirkung oder nur Nachwirkung einer Theorie, die laut dem Autor seit mindestens 50 Jahren widerlegt ist.

Dass es auch Folgen für die demokratische Ordnung und deren Akzeptanz hat, wenn immer mehr Menschen sich machtlos fühlen und wenige Reiche ständig mehr Einfluss gewinnen, deutet Arnis Vilks lediglich an – und verweist hierzu auf ein anderes neues Buch, mit dessen Autor, dem Philosophen Wolfgang Detel, Vilks ursprünglich ein gemeinsames Werk geplant hatte: Es heißt Schockierende Ungleichheit und erscheint ebenfalls im Felix Meiner Verlag.

Zu einem Ausgleich im Sinne einer gerechten Verteilung hat die Theorie einer unsichtbaren Hand des Marktes und einer von staatlichen Eingriffen freien Marktwirtschaft jedenfalls nicht beigetragen. Mit einem christlichen Gott freilich verbindet man Gerechtigkeit durchaus. Die noch von manchen, siehe Donald Trump in den USA oder Javier Milei in Argentinien, hoch geschätzte „unsichtbare Hand“ ist diejenige eines Götzen.

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