Studierte sind eine Plage, wenn sie sich dafür halten, entsprechend ihren Mund aber nicht. Zur Universität gefunden zu haben, enttarnt dies als wesentliche Leistung, weshalb sie sich auch Akademiker nennen – vornehmlich, um Unterschiede im Gehalt zu fordern.

In seinem jüngsten Essayband platzt dem im Gegensatz dazu mit gedeckter Münze arbeitenden Karl-Markus Gauß darum nun der Kragen. Er opfert dafür die letzte Reserve seiner Weltanschauung und benennt, was die ihm zuvor verwehrte – die Einsicht nämlich, „dass es unglaublich viele unglaublich dumme Menschen gibt und die Dummheit stetig neue Ungeheuer gebiert“.

Den Furor losgetreten haben das Hamas-Massaker 10/07 und wie Studenten darauf reagierten, besonders jene der Akademie der Künste zu Berlin mit blutrot bemalten Handflächen, die derart das ikonische (Horror-)Foto vom Ramallah-Lynchmord an zwei Juden zitierten, dies aber nicht gewusst haben wollten: „Sie wissen von nichts, das macht sie so unbeirrbar. Sie haben keine Ahnung, daraus beziehen sie ihre Überzeugung. Ihre Unwissenheit darf man ihnen nicht nachsehen, sie ist selbstverschuldet. Das sind keine Kinder aus sozial benachteiligten Familien, und diese Dummköpfe aus gutem Hause sind auf dem Wege, die deutsche Gesellschaft von morgen zu repräsentieren“, tobt Gauß im Titelstück am Bandende, das er zu „Ungeordneten Aufzeichnungen“ erklärt.

Ungeordnet ist bei diesem genauen Beobachter und Denker indes nichts, seine Empörung jedoch bereits Entsetzen. Kurz vor 10/07, schreibt er im Eingangsstück „Das umjubelte Massaker“, fragte man ihn, womit sich Antisemitismus am leichtesten anheizen ließe. „Heute müsste ich antworten: Indem man möglichst viele Juden massakriert.“ Von Schuldhafter Unwissenheit spricht er bereits dort, so dass dieser Akzent nun alles dazwischen klammert. Es ist historisch so gut informiert und argumentativ triftig, wie man das von Gauß kennt, stark geschrieben ohnehin. Foucault erledigt er by the way, indem er den Faible des schwulen Philosophen für die „politische Spiritualität“ der queer-queren Iran-Mullahs als verblendete Suche nach neuen revolutionären Subjekten aufspießt und mit dem postkolonial Hamas-seligen Geblöke der Studenten überblendet. Jean Améry, aufrechter Linker, Überlebender der Nazi-Tortur und von denen erst in das Jüdischsein gezwungen, darf da nicht fehlen: Seine prophetische Kritik am antiimperialistisch verbrämten Antisemitismus der 1968er-Linken wird zweimal Thema. Zudem hat der begnadete Literaturvermittler Gauß auch hier fesselnd erzählte Tipps im Gepäck, an denen wir begreifen, wie dicht Nazi-Horror und das akute Grölen beieinander liegen – etwa Hanna Kralls Schneller als der liebe Gott über den Aufstand im Warschauer Ghetto oder der Roman Die Freuden des Teufels vom Holocaust-Entronnenen Grigori Kanowitsch aus Litauen.

In der Summe sind die zwölf Stücke ein analytisch scharfer, facettenreicher Fake- wie Fakten-Check zum Unfug, der aus den Unis schwappt. Die gleichauf mit AfD-Karrieristen im Behaupten gestählten Idioten wird das indes kaum erreichen. Immerhin, man fühlt sich weniger allein, haben doch längst noch nicht alle den Exodus aus „selbstverschuldeter Unmündigkeit“ (Wage zu wissen!) durch redliches Arbeiten und stetes Weiterdenken verraten.

Diese „Essays wider Zeitgeist und Judenhass“ bestärken darin – trotz alledem: „Das Reich der Scharia als Traumziel queerer Reisegruppen aus aller Welt, die winkend und tanzend zu den Laternenpfählen ziehen, an denen sie aufgeknüpft werden ... Ab wann wird theorieverliebter Unfug zur intellektuellen Kollaboration? Wie kann es sein, dass solch hochgestochenes Spintisieren ernsthaft diskutiert wird?“ Dummheit, die andere ausbaden müssen, Juden allen voran. Gauß stellt sich streitbar auf ihre Seite.

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