Dass man in den – auch eigenen – Körper hineinschauen kann, dass man Magen und Darm, das Herz, die Schilddrüse und vieles mehr von innen sehen kann, ist schon länger medizinisch möglich, für Ärzt:innen wie zunehmend auch für Patient:innen. Tabea Laura Aimée Ott macht es zum Gegenstand ihrer Dissertationsschrift Die Visibilität des eigenen Körpers im sich digitalisierenden Gesundheitssystem. Sie stellt die Frage danach, „wer, was, für wen, in welchem Modus und mit welchen Konsequenzen im Digitalen sichtbar“ macht. Ihr Ansatz argumentiert fundamentaltheologisch und betreibt zugleich konkrete Ethik im Modus des Transpartikularismus (Peter Dabrock). Das heißt, dass sich sozialethische Orientierungen nicht einfach auf universale Geltung berufen und dennoch die Aufgabe annehmen, ihre Partikularität sich selbst übersteigend auf das Allgemeine hin auszurichten. Der Anspruch ist, und das wird fein mit dem Ansatz des im Juli verstorbenen und beeindruckenden katholischen Systematikers Francis Schüssler-Fiorenza ausgeführt: „Die Fähigkeit zur Gestaltung der Praxis stellt Konsense her, leitet weiterführende Entwicklungen an und ist die Grundlage, die die Theorie erhärtet“ (Francis Schüssler-Fiorenza/1992).
Ott widmet sich gemäß dieser Programmatik zunächst in interdisziplinärer Perspektive der Erschließung von digitaler Sichtbarkeit im Kontext des Gesundheitssystems, ihre dann folgende im engeren Sinne theologische Entfaltung menschlicher Visibilität ist existenzialphänomenologisch bestimmt. Als Ambivalenzen digitaler Visibilität werden Dehumanisierungsprozesse, digitale Exponiertheit und Agency als Form von Visibilität ohne Handlungsfähigkeit reflektiert. Dieser Durchgang führt sie zu Fragen nach dem „Gerechten Sehen“, nach „Gesehen-Werden(-Können)“ und dem „Ringen um Handlungsfähigkeit“.
Für die Gestaltung des Feldes der Visibilität im digitalisierten Gesundheitssystem setzt sich Ott zum Beispiel mit der Diskussion um Data Acts und die Grenzen der Datenschutz-Grundverordnung angesichts etwa von data broking auseinander. Ihre Vorschläge zum Umgang mit visibilisierenden Daten greifen im Sinne des Transpartikularismus Modelle gruppenbezogener und zum Beispiel indigener Datensouveränität auf, die mit dem Narrativ brechen, dass „Daten lediglich als Güter oder nationales Eigentum, losgelöst von Entstehungskontexten, sozialen und relationalen Implikationen sowie losgelöst von den Personen hinter den Daten und den Effekten auf dieselben“ eingestuft werden. Sie bewertet die Debatte um Privatheit und Datenschutz personenbezogener Daten als eine Scheindebatte, wenn sie zum Beispiel sekundäre Datennutzungen oder das predictive profiling auf der Basis von Daten anderer Personen nicht berücksichtige.
Dem überzeugenden Plädoyer für den verantwortlichen Umgang mit Visibilität angesichts von KI-basierten Technologien sind viele Leser:innen zu wünschen. Es geht darum, die hochkomplexen Digitalisierungsprozesse, in denen wir leben, konstruktiv zu gestalten und vor dieser großen Aufgabe – auch theologisch – nicht mit einer generalisierenden Digitalisierungskritik einzuknicken, individuell, gruppenbezogen und gesellschaftlich, auch in globaler Perspektive. Dass Ott ihr Verständnis von Visibilität fundamentaltheologisch im Horizont der biblischen Hagar-Geschichte verankert, darf schließlich nicht unerwähnt bleiben: Denn hier wird narrativ erschlossen, wie „Sehen und Gesehen-Werden sowie die Wendung vom negativ konnotierten Sehen hin zum positiv konnotierten Sehen“ persönlich erlebt wird, was „für Hagar zu einer rettenden und heilvollen Erfahrung wird“. Im homo narrans spiegelt Ott den Prozess, den eine konkrete Ethik gehen kann.
Ilona Nord
Ilona Nord ist Professorin für Evangelische Theologie und Religionsdidaktik an der Universität Würzburg.