Er war ein Theologe von alteuropäischer Formatierung und einer der klarsten theologischen Köpfe seiner Generation: Walter Mostert, gestorben 1995, langjähriger Assistent von Gerhard Ebeling, dann Professor für Systematische Theologie in Zürich. Seine Theologie entwarf er in Einsamkeit und Langsamkeit. Neusprech kam für ihn nicht in Frage. Grundprobleme von Dogmatik und Ethik wurden nicht verwaltet, sondern in äußerster Konzentration eigenständig bedacht. Gesprächspartner waren dabei durchgängig die bedeutenden Entwürfe der Theologie und Philosophie, besonders die Theologie Martin Luthers und das Denken Martin Heideggers.
Dabei sind Mosterts außerordentlich hochstufige, weit ausholende Erörterungen bis heute nicht ernsthaft aufgenommen worden. Zwar sind in den vergangenen Jahren verdienstvollerweise verschiedene seiner Vorlesungsmanuskripte herausgegeben worden – die sich freilich, was die Konsistenz, den gedanklichen Zugriff und die Präzision der Formulierungen betrifft, von den solennen Veröffentlichungen Mosterts erheblich unterscheiden. Womöglich – mag das die Absicht jener Publikationen seiner Kollegs sein – könnten sie zum Anlass genommen werden, eine eingehende Rezeption der Überlegungen Mosterts nachzuholen. Sehr aussichtsreich scheint das nicht. Denn die Publikation der Vorlesungen bieten, im Einzelnen teilweise spannend, aber denn doch lediglich zusätzliche „Hinweise“ und „Skizzierungen“.
So nun auch die Herausgabe zweier von Mostert 1991/1992 und 1992/1993 gehaltenen Vorlesungen. Adrian Berger und Matthias Hochhuth, zwei Schweizer Pfarrer, machen mit dieser Publikation darauf aufmerksam, wie früh und in welcher außerordentlichen gedanklichen Intensität Mostert sich des Themas „Ökologie“ angenommen hat. Wenn von den Herausgebern die Kollegs „Ökologie“ und „Christliche Anthropologie“ überschrieben werden, ist bereits mit dieser Zusammenstellung der besondere Akzent angezeigt, den Mostert hinsichtlich einer theologischen Erörterung der ökologischen Krise setzt. Es geht – statt um weitere Appelle zum Handeln – zuerst um das Sein des Menschen selbst.
Auf einzelne scharfsinnige Beobachtungen sei hier nur hingewiesen (zum Problem der Allmacht Gottes, zur creatio continua, zur Gottebenbildlichkeit). Lediglich in Bezug auf das Hauptproblem „Ökologie“ seien einige zum Teil leicht veränderte Zitate geordnet zusammengestellt.
Eine Umorientierung ist vorzunehmen. Die Frage, was wir tun sollen, greift zu kurz. In scharfer Konzentration: Gesehen werden muss, „daß der Mensch das ökologische Problem ist“: nicht das richtige oder falsche „Machen“ angesichts katastrophaler Zustände, sondern das Sein des Handelnden, genauer sein Sündersein. Unerschrocken greift Mostert die paulinische Sündenlehre auf. Die Sünde „wohnt“ im Menschen (Römer 7) – der sein will Gott. Mostert spricht prägnant von „Operationalismus“ und „Subjektivismus“. Sündenerkenntnis? Ist Erkenntnis der je eigenen „Faktizität des Daseins“: dass der Mensch „sich verhüllt, dass alles Böse aus ihm selbst hervorkommt“. Wie handelt der Sünder? „Er hält Gott für einen schlechten Schöpfer, dessen Werk vollendet werden muss.“ Also „behandelt der sich selbst vergöttlichende Mensch die Welt als noch unfertige – und so zerstört er sie.“ Ausgerechnet derjenige, der die Schöpfung zerstört, soll sie retten? Nein. Stattdessen: „Das Weltverhältnis kann nur in Ordnung kommen, wenn das Gottesverhältnis in Ordnung ist.“ Was geschieht dann? Ich brauche nicht Gott zu sein. „Ich behandle dann mich selbst und alle Dinge als das Eigentum Gottes.“ Ich lasse mich als Autor des Bösen identifizieren. Ich erkenne die Güte der Schöpfung. Ich weiß, daß ich meinerseits die Welt nicht gut machen kann. Ich glaube an die Gegenwart des Schöpfers. Ich lebe im Dank.“
Noch einmal: Als Ergänzung zu den ausgearbeiteten Publikationen, die Mostert selber veröffentlicht hat, wird man diese Texte mit Gewinn lesen. Die Kraft des originalen Denkens dieses Theologen wird dort aber allenfalls ansatzweise erkennbar. Anders stellt sich zum Beispiel Mosterts großartige Dissertation von 1976 dar: „Sinn oder Gewißheit? Versuche zu einer theologischen Kritik des dogmatistischen Denkens.“
Michael Trowitzsch
Dr. Michael Trowitzsch ist emeritierter Professor für Systematische Theologie. Er lebt in Barmstedt.