Endlich ist sie da – die gründlich klärende, wissenschaftliche Biografie über August Marahrens, den ersten Bischof der hannoverschen Landeskirche. Man hat lange genug darauf warten müssen. Nach 1945 war Bischof Marahrens in Hannover lange Zeit umstritten. Nun ist er es hoffentlich nicht mehr.
Die jetzt vorliegende und von Thomas Kaufmann in Göttingen betreute kirchenhistorische Dissertation, ein 500-Seiten-Buch, schafft hinreichende Klarheit. Marahrens, dessen Amtszeit als Bischof weithin mit der Hitlerzeit zusammenfiel, war ein bekennender Konfessionslutheraner und zugleich im Politischen ein überzeugter Nationalsozialist, der Hitler verehrte und bewunderte. Man wird ihn einen doppelt bekennenden nationalsozialistischen Christen nennen können. Viele Zeitgenossen meinen heute: Aber so ein geistiger Spagat, das passe doch überhaupt nicht zusammen. Der hannoversche Kirchenführer Marahrens und viele andere namhafte evangelische Theologen des „Dritten Reiches“ zeigen, dass eine solche doppelte Gläubigkeit sehr wohl zusammenging, dass sie nachgerade als ein spezifisches Charakteristikum der NS-Epoche gelten kann.
Marlene Papes Biografie untersucht erstmals den ganzen Marahrens, das heißt auch seine familiäre Herkunft, Erziehung, Ausbildung und erste Karriereschritte bis zu seiner Bischofswahl im Jahr 1925. Die Weimarer Republik malte der Bischof in tief schwarzen Farben und sehnte sich nach einem Neuaufbruch. Diesen sah er in der nationalsozialistischen Bewegung, von der er sich einen Stopp der angeblich entfesselten Moderne und Rechristianisierung sowie neue kulturelle Versittlichung der Deutschen versprach. Den Angriff der Deutschen Christen auf die hannoversche Kirche wehrte er ab. Zugleich ließ er sich an Loyalitätsbekundungen zu Hitler und Nationalsozialismus von kaum einem Kirchenführer übertreffen. Marahrens hatte das merkwürdige Talent, im „Dritten Reich“ zu schweigen, wo er als Christ hätte sprechen sollen, und zu sprechen, wo er besser geschwiegen hätte. Seine Unterschrift unter die von NS-Reichskirchenminister Hanns Kerrl angestoßene Godesberger Erklärung 1939 (hier in der modifizierten Fassung der „Fünf Grundsätze“) – der Text bekräftigt ein Bekenntnis zur nationalsozialistischen Weltanschauung als „völkisch-politische Lehre, die den deutschen Menschen bestimmt und gestaltet. Sie ist als solche auch für den christlichen Deutschen verbindlich.“ – gehörte gewiss zu seinen größten Sündenfällen; manche weitere folgte noch während der Kriegszeit bis zum bitteren Ende 1945.
Kaum weniger beschämend wirkt die Uneinsichtigkeit des Bischofs in den Jahren 1945 bis 1947, als er weiter amtierte und meinte, außer ein paar „Fehlern“ habe er sich nichts vorzuwerfen und könne guten Gewissens sein. Bedauerlich war überdies ein viele Jahrzehnte währendes Festhalten seines kirchlich-hannoverschen Hofstaates an seiner angeblichen Reputation, an seiner NS-affinen Performance im „Dritten Reich“. Auch Margot Käßmann, die von 1999 bis 2010 als Bischöfin in Hannover amtierte, hätte hier gewiss mehr für geschichtliche Aufklärung tun können. Mit der nun vorliegenden gründlichen Biografie sollte die stolze niedersächsische Trotzhaltung überwunden sein.
Die Lektüre dieser quellenbasierten, sorgfältig abwägenden Untersuchung sei vor allem allen Pfarrerinnen und Pfarrern der hannoverschen Landeskirche empfohlen, damit sie wissen, in welchem Erbe sie stehen. Aber selbstverständlich sei die Studie auch allen anderen empfohlen, die wissen wollen, wie man mit einem guten christlichen Gewissen zur Hitlerzeit gründlich fehlgehen konnte. Es bleibt zu wünschen, dass dieser wichtigen Kirchengeschichte „von oben“ alsbald eine komplementäre Geschichte der hannoverschen Landeskirche „von unten“ folgen wird, die die Performance der niedersächsischen Kirchenregion in ihrer ganzen Breite auf der Gemeindeebene untersucht. Man wird, wenn das geschehen ist, für Hannover nicht mehr von einer „intakten Kirche“ für 1933 bis 1945 sprechen können. Dietrich Bonhoeffer wollte Marahrens schon 1936 nach der Oeynhausener Bekenntnissynode das Label „Bekennende Kirche“ absprechen: Er habe ihr nie angehört. Statt für 1933 bis 1945 von „intakt“ zu sprechen, wäre die hannoversche Landeskirche wohl angemessener als angepasste, NS-affine Kirche im „Dritten Reich“ zu kennzeichnen.
Manfred Gailus
Manfred Gailus ist außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte an der Technischen Universität Berlin.