Mit Leidenschaft

Der Kern der Allversöhnung

Ein Buch zur Frage der Allversöhnung – ist zu diesem Thema nicht längst alles gesagt? So könnte man meinen. Aber allein die Tatsache, dass dieses Buch im ersten halben Jahr nach seiner Veröffentlichung vier Auflagen erfährt, ist ein Zeichen, dass die Frage nach Himmel und Hölle immer noch viele beschäftigt.

Vom Aufbau her setzt der evangelische Theologe Martin Thoms klar ein Zeichen, für welche Zielgruppe dieses Buch in erster Linie gedacht ist: für Menschen, die in ihrer Gemeinde beziehungsweise Prägung die Vorstellung einer ewigen Strafe in der Hölle mitbekommen haben und die ausdrücklich vor der Annahme einer allumfassenden Gnade Gottes mit christlich-biblischen Argumenten gewarnt worden sind.

Thoms orientiert sich im Aufbau an den häufigsten Einwänden gegen die Möglichkeit einer Allversöhnung. Sein Ziel ist ambitioniert: Er will diese Einwände nicht nur entkräften oder relativieren, sondern zeigen, dass diese zu Ende gedacht zu Argumenten für die Allversöhnung werden. Die fünf immer wieder vorgebrachten Argumente gegen die Allversöhnung sind: die Exklusivität Christi; die biblische Lehre von einer ewigen Höllenstrafe; die theologische Notwendigkeit ewiger Verdammnis aufgrund der göttlichen Gerechtigkeit; die Rettung allein durch den Glauben und schließlich das biblische Mandat zur Mission, das hinfällig würde, wenn alle gerettet würden.

Wie geht Martin Thoms vor in der Auseinandersetzung mit diesen Einwürfen? Er macht bald klar, dass es ihm nicht um eine Art umgekehrten Schriftbeweis geht. Vielmehr zeigt er: Der Anspruch einer klaren und eindeutigen Position der ganzen Bibel, wie sie in evangelikalen oder fundamentalistischen Argumentationen vorausgesetzt wird, wird der Bibel überhaupt nicht gerecht. Grundsätzlich stellt er fest: „Da die Bibel weder eine Allversöhnungslehre noch eine Höllenlehre enthält (…), kann die Fantasie der Allversöhnung bzw. der Hölle (…) nur durch ein Weiterdenken begründet werden.“

Von dieser Basis her fällt es Thoms nicht schwer zu zeigen, dass die vermeintlich eindeutige Lehre einer ewigen Verdammnis keineswegs einheitlich in der Bibel vertreten wird. Eine explizite Lehre von der Hölle als einem Ort ewiger Qual finde man im Alten Testament nirgendwo. Im Neuen Testament gibt es Stellen, die man so deuten könnte. Zugleich gibt es aber auch viele Texte, die Hoffnung auf ein universales Heil für alle eröffnen. Ohne falsche Vereindeutigung kann er feststellen: „Die Bibel lehrt zwar keine Allversöhnung, aber hat eine unübersehbare universale Stoßrichtung.“

Thoms Buch verdankt vor allem der Bearbeitung dieses Themas durch Jürgen Moltmann sehr viel, was man nicht zuletzt daran erkennt, dass dieser dem Buch ein Vorwort gewidmet hat. Moltmann beschreibt in seiner Hinführung auch, welcher Entstehungskontext das Buch geprägt hat: „Diese Arbeit ist nicht nur am Schreibtisch entstanden, sondern auch aus vielen Gesprächen mit Evangelikalen.“ Manche mögen eine solche Orientierung an einer Zielgruppe für eine Horizontverengung halten. Nur: Ist es nicht Merkmal jeder gelingenden Kommunikation, dass sie nicht einfach auf alle zielt (und kaum jemanden trifft), sondern sich präzise einlässt auf eine ganz konkrete Fragestellung? Thoms gelingt es mit seiner Studie ausgezeichnet, eine bestimmte Frömmigkeitsprägung ernst zu nehmen und zugleich biblisch-theologische Begründungen der Lehre vom doppelten Ausgang biblisch-theologisch zu widerlegen, zumindest in ihrem Anspruch, die einzig mögliche Sicht der Dinge zu präsentieren.

Wem schon die Frage nach Himmel und Hölle fremd geworden ist, kann bei Martin Thoms zumindest eine Erinnerung daran finden, wie Theologie als eine zutiefst existenzielle Angelegenheit betrieben werden kann: wissenschaftlich redlich und zugleich mit Leidenschaft und Freude an ihrem Thema.

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Foto: privat

Thorsten Dietz

Prof. Dr. Thorsten Dietz arbeitet für Fokus Theologie (Zürich). Er wirkt mit in Podcasts wie Worthaus, Wort und Fleisch, Karte und Gebiet, Geist.Zeit. Buchveröffentlichungen: Menschen mit Mission (zum Evangelikalismus); Wege zur Liebe (Sexualethik mit Tobias Faix).

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