Der Band Geschichtszeichen der Freiheit basiert auf einer Ringvorlesung vom Sommersemester 2024 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Die beiden Organisatoren Constantin Plaul und Karl Tetzlaff, beide Schüler des systematischen Theologen Jörg Dierken (Halle-Wittenberg), haben die verschriftlichten Vorlesungen gemeinsam herausgegeben. Ringvorlesung und Publikation sind, so die Herausgeber im Vorwort, von der Hoffnung getragen, „unsere Gegenwart“ möge „in der Erinnerung an den Freiheitsgewinn vor 35 Jahren […] berechtigte Stärkung finden“.
Die dreizehn in drei Teile sortierten Beiträge befassen sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit „Deutungen der Friedlichen Revolution in der Gegenwart“, so auch der Untertitel des Bandes. Dem ersten Teil vorangestellt ist ein kurzer Text von Joachim Gauck, in dem die Erfahrung einer Ambivalenz der Freiheit mit einem auf biblische Traditionen gestützten Hoffnungsoptimismus kontrastiert wird.
Der aus vier Aufsätzen bestehende Grundlagenteil eins ist fast genauso umfangreich wie der sechs Beiträge enthaltene Teil zwei. Im Grundlagenteil geht es um die Bedeutung des aus Immanuel Kants Schrift „Der Streit der Fakultäten“ (1798) stammenden und titelgebenden Wortes „Geschichtszeichen“. Einem Forschungsüberblick (Jan Kostka) folgen eine Kant-Interpretation (Birgit Recki) und eine Reflexion über die Religionsoffenheit der Figur des Geschichtszeichens (Jörg Dierken). Schließlich wird die Exoduserzählung als biblisches Paradigma für die „Identifikation von Geschichte und positivem Fortschritt“ ausgewiesen (Friedhelm Hartenstein).
In Teil zwei, der eine Anwendung des Geschichtszeichen-Begriffs auf das Jahr 1989 versucht, wird zunächst der Semantik des Umbruchs von 1989/90 nachgegangen: „Revolution“ oder „Wende“ (Martin Sabrow). Aus praktisch-theologischer Perspektive wird sodann die unterschiedliche Deutung der DDR-Ereignisse seit Herbst 1989 in ost- wie westdeutschen Predigten untersucht (Ruth Conrad). Anne Lux behandelt „Umbruchserzählungen von 1989/90 in der Literatur“. Der dabei erwähnte Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer kommt dann selbst (mit einem bereits 2015 publizierten Text) zur Sprache, und Rainer Eckert möchte den „Revolutionsstolz“ auf 1989 als mentales Reservoir „für die Stabilisierung der Demokratie“ heute nutzen. Die Herausgeber selbst schließlich entwerfen ein zum Religiösen geöffnetes Geschichtsverstehen, in dem die Erinnerung an den Herbst 1989 als exemplarischer Bezugspunkt „für eine bürgerliche Befreiungstheologie“ fungiert.
Die zwei Beiträge des mit „Ausblicke“ überschriebenen dritten Teils stellen zunächst (Stephan Wackwitz) „novellistischen“ und „romanhaften“ Denkstil (in Philosophie, Architektur und Psychologie) einander gegenüber. Politisch ist damit die Alternative von partieller Reform und umfassender Revolution angesprochen; hier kann, so der Verfasser, der eher romanhafte Westen Europas vom eher novellistischen Osten lernen. Im letzten Text führt Marina Weisband eindrücklich vor Augen, dass es im Ukrainekrieg primär „um die Menschlichkeit“ geht, konkret um die Ermöglichung und Erhaltung von Selbstwirksamkeit und die Verabschiedung von erlernter Hilflosigkeit – eine Umorientierung, die auch die Friedliche Revolution geprägt hat.
Das Buch vermittelt tolle Leseerlebnisse. Die Beiträge sind unterschiedlich genug dafür, dass wirklich jeder etwas entdecken kann. Mein persönlicher Favorit ist der Wackwitz-Aufsatz. Man kann den Herausgebern nur „Danke“ sagen. Dem gut lektorierten Band – ich habe nur ganz wenige Fehler gefunden – ist größtmögliche Aufmerksamkeit zu wünschen.
Rochus Leonhardt
Rochus Leonhardt, Jahrgang 1965, ist seit 2011 an der Theologischen Fakultät der Universität seiner Geburtsstadt Leipzig Professor für Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Ethik.