Engelsgesang zur Zeitenwende
Der Heilige Abend naht. Wir werden vor dem Weihnachtsbaum sitzen. Ein Enkel liest die Geburtsgeschichte aus dem Lukasevangelium vor. Darin singt der Chor der Engel „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Draußen und drinnen ist es friedlich. Nicht so in Kiew der Hauptstadt der Ukraine, die vielleicht wieder von russischen Drohnen und Raketen beschossen wird. Wir denken an Alina und ihre sechsjährige Tochter Polymiana, die als Flüchtlinge aus der Ukraine 2022/2023 ein halbes Jahr bei uns gewohnt haben. Hoffentlich sind sie, zurückgekehrt nach Kiew, einigermaßen sicher!
Ich denke zurück - wie war das vor 40 Jahren zu Hochzeiten der Friedensbewegung, als die Kirchentage in Hamburg und Hannover die Botschaft der Bergpredigt auch in die praktische Politik tragen wollten? Als ein „Frieden schaffen ohne Waffen“ für möglich gehalten wurde, und wir dafür vom damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt und Verteidigungsminister Hans Apel scharf kritisiert wurden.
Auftritt Erzengel Michael
Ich habe damals in den 1980er-Jahren zu Weihnachten in einer meiner Predigten den Friedensengel der Deutschen, den Erzengel Michael, der auch auf den Feldern vor Bethlehem dabei war, auftreten lassen. Ließ ihn eine kleine Ansprache an seine lieben Deutschen halten, in der er den gegenwärtigen Stand der Friedensbewegung kommentierte. Und die Deutschen wegen ihrer friedensbewegten Massen-Proteste lobte. Das Ende des Kalten Krieges und das Abkommen zur Begrenzung der strategischen Atomwaffen zwischen der Sowjetunion und den USA fand natürlich auch seine Zustimmung.
Und jetzt 40 Jahre später hat der Friedensengel Michael die neue Denkschrift „Welt in Unordnung. Gerechter Frieden im Blick“ gelesen. Das war keine leichte Lektüre, lasse ich ihn sagen. 150 Seiten differenzierte Argumentation. Da war doch die Friedensverkündigung durch den Chor der himmlischen Heerscharen einfacher – ein kerniger Satz, vielstimmig gesungen, das reichte.
Nun das Ringen der EKD um Antworten für neue Herausforderungen der Gegenwart – die Zunahme der kriegerischen Konflikte weltweit, die geopolitischen Verschiebungen, die hybride Kriegsführung, die neuen Waffentechnologien, die Klimakrise. Der Schutz vor Gewalt als Zeichen eines gerechten Friedens ist an die erste Stelle gerückt, vor die Förderung von Freiheit, den Abbau von Ungleichheiten und den friedensfördernden Umgang mit Vielfalt. Gegengewalt zur Verteidigung eines angegriffenen Landes muss aber immer sehr strengen Regeln folgen, ähnlich den Regeln in einem gerechten Krieg. Sie dient dem Recht, nicht der Rache. Sie verfolgt das Ziel, Gewalt zu beenden, statt sie fortzuführen oder sie zu eskalieren.
Schnelle Kehrtwendung
Die Denkschrift beschäftigt sich mit der Teilhabe an und dem Einsatz von Nuklearwaffen. Sie formuliert das damit gegebene Dilemma, dass der Besitz von Nuklearwaffen sicherheitspolitisch notwendig sein kann, auch wenn der Einsatz ethisch gesehen durch nichts zu rechtfertigen ist. Eine präventive Reaktion mit Atomwaffen sei allerdings nur gerechtfertigt, wenn ihr Erwerb durch den Gegner unmittelbar bevorsteht, ihr Einsatz konkret angedroht wird und wenn alle diplomatischen Mittel erschöpft sind. (War das bei der Zerstörung der iranischen Atomanlagen durch die USA und Israel der Fall?) Und selbst dann sei sie friedensethisch eigentlich verboten. So oder so – der Einsatz von Atomwaffen und der Verzicht auf sie - beides sei mit Schuldverstrickung verbunden.
Das kann ich fast alles unterschreiben. Trotzdem wundere ich mich über die schnelle Kehrtwendung in der Frage Verteidigung mit Gewalt (auch bei mir selber). Das liegt natürlich daran, dass die kriegerische Gewalt durch den Ukrainekrieg uns in Deutschland auf einmal ziemlich nahe gerückt ist. Die Unterstützung der Ukraine durch westliche Defensivwaffen hat zumindest dazu geführt, dass der militärische Vormarsch Russlands gestoppt werden konnte. Es wäre gut gewesen, wenn die EKD sich in der Debatte um weitreichende Waffen für die Ukraine öffentlich kritischer eingemischt und auf ihrer Defensivfunktion bestanden hätte. Und wenn sie stärker vor der Gefahr einer Militarisierung unserer Gesellschaft warnen würde. Dass die hohen Ausgaben für das Militär den sozialen Frieden gefährden können, hat sie mit Recht moniert.
Erörterung in Bibelkreisen
Das Autor:innentem der Denkschrift hat es sich nicht leicht gemacht, indem sie auf diese Probleme klug informierend und abwägend eingegangen ist. Diese Denkschrift gibt wirklich zu denken, sperrt sich gegen schnelle Antworten. Sie sollte in den Bibelkreisen der Kirchengemeinden erörtert werden, geht es doch um die Frieden Gottes und den Gewaltverzicht Jesu. Sie sollte jedem Bundestagsabgeordneten zugeschickt werden mit der Bitte um Lektüre, wenn nicht des ganzen Textes so doch der Zusammenfassung. Und in den Landeszentralen für politische Bildung ausgelegt werten.
Einiges bleibt zu klären. Dass die Europäer ihre Armeen aufrüsten, um gegen das böse Russland Putins gerüstet zu sein – sicher. Aber müssen wir nicht auch darüber nachdenken, wie die damit drohende Systemverfeindung abzubauen ist? Und wie schaffen wir es, bei den milliardenschweren Investitionen ins Militär die wichtigen sozialen Investitionen nicht zu vergessen? Wie gelingt es, wie die Denkschrift treffend formuliert, „den Vorrang der Friedenstüchtigkeit mit der Notwendigkeit der Verteidigungsfähigkeit zu verknüpfen“? Daran führt wohl kein Weg vorbei.
Dass die EKD-Denkschrift differenziert das Dilemma der Unterstützung des gewaltbewehrten Schutzes vor Gewalt beschreibt, ist leider notwendig. Genauso aber, dass sie die Hoffnung auf eine Welt mit weniger kriegerischer Gewalt nicht aufgibt. An den endzeitlichen Frieden zum Fest der Geburt des göttlichen Kindes erinnert, den Frieden, den wir nie ganz erreichen können?! Dem wir uns aber annähern können, indem wir das Ziel eines gerechten Friedens im Auge behalten. Dafür die Institutionen des Völkerrechts ausbauen! Den Kriegsopfern helfen! Sodass auch dort, wo jetzt Krieg herrscht, besonders in Afrika, das vom Propheten Micha beschriebene kleinteilige Ziel Gestalt gewinnt – „ein jeder wird unter seinem Feigenbaum sitzen und keiner wird sie schrecken.“
Hans-Jürgen Benedict
Hans-Jürgen Benedict war bis 2006 Professor für diakonische Theologie an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie des Rauhen Hauses in Hamburg. Seit seiner Emeritierung ist er besonders aktiv im Bereich der Literaturtheologie.