Christenverfolgungen sind bei weitem kein Thema der Vergangenheit. Man kann davon ausgehen, dass Millionen von Christen weltweit Diskriminierung, Gewalt und manchmal sogar den Tod erleiden. Und es gibt Märtyrer des 21. Jahrhunderts auch aus dem deutschsprachigen Raum. Vier evangelische Martyrien stellt Prälat Helmut Moll vor, der für die Deutsche Bischofskonferenz Berichte über „Blutzeugen für Christus“ sammelt und analysiert.
Märtyrer und Märtyrerinnen – „Blutzeugen für Christus“ – den Worten haftet etwas Überholtes und Historisches an, etwas im Lauf der Geschichte Abgeschlossenes. Dazu gehören vielleicht auch Bilder des römischen Kolosseums, die imposante Hinrichtungsstätte in der Zeit der Christenverfolgung oder der Katakomben, geheime unterirdische Begräbnisplätze getöteter Christen im antiken Rom. All dies aber vermag keine Brücke in die Gegenwart zu finden und scheint in der Gegenwart nicht mehr zu sprechen.
Aber ist das so? Ein beklagenswerter Umstand ist zunächst zu konstatieren: Christenverfolgungen sind bei weitem kein Thema der Vergangenheit. Organisationen wie „Kirche in Not“ und „Open Doors“ verweisen auf Millionen von Christen weltweit, die Diskriminierung, Gewalt und manchmal sogar den eigenen Tod erfahren.
Diese Tatsache ist nicht oft ein größeres Thema in den Medien. Und das Bewusstsein, dass Christen in manchen Weltreligionen zu den verfolgten Gruppen gehören, wuchs in den vergangenen Jahrzehnten nur langsam. Die katholische Kirche verdankt Johannes Paul II. den Impuls, das Martyrium neu in den Blick genommen zu haben. Der polnische Papst, der die nationalsozialistische und kommunistische Verfolgung der Christen am eigenen Leib erfahren hatte, war der tiefen Überzeugung, dass das Zeugnis derer, die für ihren Glauben das Leben hingegeben hatten, nicht verloren gehen dürfe. Der Papst rief am 10. November 1994 in seinem Apostolischen Schreiben Tertio millennio adveniente (Über das Herannahen des dritten Jahrtausends) dazu auf, Martyrologien des 20. Jahrhunderts zu erstellen.
Infolge dieses Aufrufs betraute die deutsche Bischofskonferenz mich, das deutsche Martyrologium zu erarbeiten. Ich bin ein römisch-katholischer Priester in Köln und ein Historiker. Das von mir herausgegebene zweibändige Werk Zeugen für Christus ist nun schon in achter Auflage erschienen, es ist erweitert und 2024 aktualisiert worden. Mittlerweile umfasst es über 1 000 „Blutzeugen“. Männer und Frauen aus allen Ständen und Lebensaltern, aus allen Regionen. Sie liegen mit ihren Geburts- und Sterbeorten wie ein Netz über allen Gegenden Deutschlands. In einer Zeit des Terrors, des menschenverachtenden Systems der NS-Zeit, ragen sie als Zeugen der Menschlichkeit und Vergebung heraus. Und die Konfession spielt dabei keine Rolle.
Aber was ist das überhaupt, ein Märtyrer? Wenn wir die Lehre der katholischen Kirche hier als Maßstab nehmen, dann gibt es drei entscheidende Kennzeichen für „Blutzeugen“. Die Märtyrer sterben zum einen eines gewaltsamen Todes, sie werden zum Zweiten getötet wegen ihres Bekenntnisses zu Christus, und sie stimmen zum Dritten ihrem Tod freiwillig zu. Aus Liebe und Treue zu Christus wird den Märtyrern das Leben nicht entrissen, sie geben es freiwillig.
Theologisch betrachtet: Die Märtyrer antworten mit Liebe auf die Begegnung mit dem Hass. Der Märtyrertod erscheint also wie ein Widerhall des Todes Christi, der am Kreuz auf Golgotha unter den gleichen Bedingungen sein Leben hingab: Christus starb eines gewaltsamen Todes. Ihm wurde zur Last gelegt, Gott seinen Vater zu nennen, und er vergab seinen Peinigern mit dem letzten Lebensatem. Wir können sagen: Christus schenkte der Welt eine neue Liebe, die in der Hingabe der Märtyrer lebendig bleibt.
Die Verwurzelung des Martyriums in Christus legt zudem eine ökumenische Dimension frei, die zur Überraschung vieler Christen Brücken entstehen ließ, wo oftmals nur Gräben zu sehen waren. Papst Franziskus prägte für diese Dimension den Begriff von der „Ökumene des Blutes“. Katholische, evangelische, anglikanische, methodistische, orthodoxe, freikirchliche Christen offenbaren in der Hingabe des eigenen Blutes eine tiefe Einheit über alle Trennungen hinweg.
Und dieser starke ökumenische Impuls reicht bis ins Heute: Papst Franziskus verfügte, dass im nun zu Ende gegangenen Heiligen Jahr 2025 in einer Gedenkfeier an die Märtyrer aus den ersten 25 Jahren des gegenwärtigen Jahrhunderts erinnert werden sollte. Der Tod des Papstes aus Argentinien am 21. April 2025 ließ dieses Gedenken in die Hände seines Nachfolgers Papst Leo XIV. fallen, der dieses Ziel sogleich weiterverfolgte. Am 14. September 2025 lud Papst Leo zu einem Gedenken an die Märtyrer des neuen Jahrtausends in Rom in der Kirche St. Paul vor den Mauern ein. Ausdrücklich hatte Papst Franziskus festgelegt, dass auch der „Blutzeugen“ außerhalb des katholischen Raumes gedacht werden sollte. Die Einheit der Christgläubigen in der Hingabe des eigenen Blutes sollte sichtbar werden und seine Kraft entfalten.
Gegenseitige Hilfe
Es war für mich naheliegend, nach neuen Märtyrern des 21. Jahrhunderts auch im deutschsprachigen Raum zu suchen. Aus der Veröffentlichung Christliche deutschsprachige Märtyrer (2000–2024) sollen hier vier protestantische und freikirchliche Martyrien exemplarisch vorgestellt werden:
Der Übersetzer, freikirchliche Missionar und Gemeindegründer Tilmann Geske wurde am 18. Juli 1961 in Mindelheim (Schwaben) geboren. Mit seiner Ehefrau Susanne hatte er die „New-Life-Bibelschule“ im Kanton Appenzell besucht. Beide spürten ihre Berufung, das Evangelium in einem nicht-christlichen Milieu zu verkünden. Mit ihren beiden Kindern reisten sie im Jahr 1997 in die Türkei aus, wo bald ihr drittes Kind geboren wurde. Seit dem Jahr 2003 lebte die Familie in der südosttürkischen Stadt Malatya. Mit drei anderen Familien bildeten sie eine kleine Gemeinde, die sich zum Gebet und zu gegenseitiger Hilfe traf. Ein christlich evangelikaler Verlag und Übersetzungsarbeiten ließen Tilmann Geske den Lebensunterhalt für seine Familie verdienen.
Das Leben der Familie sollte ein unvermitteltes Ende finden und in einer nicht erwarteten Art von der Kraft des Evangeliums Zeugnis geben. Am 18. April 2007 überfielen fünf gewaltbereite Männer das kleine Verlagsbüro. Sie fesselten Tilmann Geske und zwei seiner Mitarbeiter und Freunde an ihren Bürostühlen, quälten sie und töteten sie schließlich mit einem tiefen Stich in den Hals. Die Täter zeigten keine Reue. In den Vernehmungen nach ihrer Verhaftung gaben sie „nationalistische und religiöse Gefühle“ als Tatmotive an. In ihren Taschen fanden die Beamten Zettel mit der Aufschrift: „Wir haben es für unser Land getan.“ Ein Gerichtsverfahren endete mit lebenslangen Haftstrafen für die fünf Täter.
In ihrem Buch Ich will keine Rache. Das Drama von Malatya schreibt Susanne Geske, die Ehefrau des Getöteten: „Jesus hat am Kreuz für die Menschen gebetet: ‚Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.‘ Und ich möchte dasselbe tun. … Ich weiß, dass Tilmann als Märtyrer im Namen Jesu Christi gestorben ist. Sein Blut ist nicht umsonst geflossen. Dies ist ein Neuanfang für Malatya und für die Türkei.“ Susanne Geske blieb mit ihren drei Kindern in der Türkei. Sie spürte den Ruf, das Werk der Präsenz des Evangeliums und der Vergebung weiterzuführen.
Das evangelikale Ehepaar Johannes und Sabine Hentschel und ihr einjähriger Sohn Simon erlitten ihr Martyrium im Jahr 2009. Aufgewachsen in Meschwitz bei Bautzen in der Oberlausitz, gehörte das Ehepaar zu einer Gruppe evangelikaler Entwicklungshelfer. Seit dem Jahr 2003 waren sie für ein christliches niederländisches Hilfswerk in einem Krankenhaus in Saada im Jemen tätig. Sie stellten ihr Leben und ihre Kraft in den Dienst des Evangeliums und wollten von der Liebe Christi zu allen Menschen Zeugnis geben.
Ständige Gefahr
Drei Kinder, zwei Mädchen und ein Junge, wuchsen in der Familie heran. Am 12. Juni 2009, einem Sonntag, brachen die Hentschels zusammen mit anderen europäischen Bediensteten aus dem Krankenhaus zu einem nachmittäglichen Ausflug in die Berge auf. Die Ausflügler waren nicht unerfahren. Sie wussten um die ständige Gefahr für Christen angesichts der militanten und gewaltbereiten Kämpfer der Terrororganisation „Islamischer Staat“ im Land. Allerdings rechneten sie bei einem Picknickausflug für einige Stunden nicht mit Gefahr. Es sollte anders kommen.
Die kleine Ausflugsgruppe wurde von Al-Kaida-Kämpfern überfallen und verschleppt. Drei Frauen aus der Gruppe wurden erschossen und einige Wochen später von Hirten aufgefunden. Die Frauen waren nur notdürftig verscharrt worden. Von der Familie Hentschel aber fehlte jede Spur. Im Jahr 2010 entdeckte ein saudisches Spezialkommando die beiden Töchter der Familie, Lydia und Anna. Sie lebten in einer muslimischen Familie, sprachen nur noch Arabisch. Die Mädchen konnten befreit werden. Nach Deutschland zurückgekehrt, leben sie nun bei Verwandten. Die Eltern aber und ihr kleiner Sohn Johannes blieben verschwunden. Ihr Schicksal erhellte sich nicht mehr. Im Jahr 2019 wurde das Ehepaar von den Behörden des Auswärtigen Amtes für tot erklärt.
Aus der sächsischen Großstadt Chemnitz stammte die evangelische Dolmetscherin Daniela Beyer. Im Jahr 1975 geboren und in einer lutherischen Pfarrerfamilie aufgewachsen, wollte sich die junge Frau nach Abitur und Sprachstudium mit ihren Begabungen in den Dienst des Evangeliums stellen. Die grenzenlose Nächstenliebe, die Christus verkündet hatte, sollte ihr Leben prägen. Im Jahr 2007 reiste sie nach Afghanistan aus und begann, unter dem Dach einer etablierten Hilfsorganisation zu arbeiten. Sie wusste um die Verfolgungen, denen die Christen im Land ausgesetzt waren. Daniela Beyer engagierte sich in medizinischen Hilfsinitiativen. Darüber hinaus arbeitete sie an einem Projekt, das für isolierte Sprachgruppen in den Bergregionen Afghanistans Schriftvarianten entwickelte, um ihre Integration zu ermöglichen.
„Letztlich liegt alles in den Händen Gottes!“, sagte sie einmal bei einem Besuch in Deutschland, als sie auf die Diskriminierung der Christen in Afghanistan angesprochen wurde. Im Jahr 2010 wurde Daniela Beyer zusammen mit einer Gruppe anderer christlicher Helfer überfallen und ermordet. Gewaltbereite Taliban bekannten sich zu der Tat, für die sie sich nie juristisch zu verantworten hatten. Es hieß: Die Getöteten seien christliche Missionare, die zudem als Spione tätig gewesen seien. Es gelang, die sterblichen Überreste von Daniela Beyer nach Deutschland zu überführen. Auf dem Friedhof in ihrer Heimat Wittgensdorf in Sachsen fand sie ihre letzte Ruhestätte.
Die im Jahr 1973 geborene Simone Beck wuchs in einer lutherischen Familie auf. Ihr Konfirmationsspruch „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes für jeden, der glaubt“ (Römer 1,16) sollte zum Antrieb ihrer Lebensplanungen werden. Im Jahr 2003 reiste sie nach Afghanistan aus. Nach Spracherwerb und Tätigkeit an einer Schule in Kabul arbeitete sie in Sprachentwicklungsprojekten – mit dem Ziel, auch isolierten Sprachgruppen das Evangelium in Sprache und Schrift vorlegen zu können. Am 20. Mai 2017 fanden Mitarbeiterinnen des Projektes Simone Beck leblos in ihrer Wohnung. Sie war von Islamisten brutal ermordet worden. Eine Kollegin, die verschleppt wurde und später freikommen konnte, berichtete, dass Simone Beck in ihrem Tod zuletzt dreimal den Namen „Jesus“ ausrief. Bei einem Heimatbesuch auf ihre Motive für ihr gefährdetes Leben angesprochen, antwortete sie mit dem Bekenntnis: „Weil Jesus Christus alles in allem ist und weil es sich lohnt, mit ihm zu leben und mit ihm zu sterben – egal wo.“
Information:
Von Prälat Helmut Moll gibt es das Heft „Christliche deutschsprachige Märtyrer (2000–2024)“, das 15 Märtyrer des neuen Jahrtausends vorstellt. Es wurde veröffentlicht mit einem Vorwort von Kardinal Kurt Koch, dem Präfekten des Dikasteriums für die Förderung der Einheit der Christen in Rom. Das Heft kann bezogen werden vom Dominus-Verlag Augsburg (post@peter-dueren.de) oder auch vom Autor (Helmut.Moll@erzbistum-koeln.de).