Wir Zweitschlag-Christen
Man muss nicht in Hiroshima gewesen sein. Man kann es auch so wissen. Dass nicht weniger als ein Gewalteinbruch des Totalen erfolgt ist. „Vernichtung“ war vorher noch nicht richtig erfunden. Es ist jetzt aber treibendes Prinzip. In den Ungeheuern der selbstläufigen, immer nur weiter perfektionierten, verfluchten Vernichtungstechnologie. Das Satanische zeigt in ihnen offen sein wahres Gesicht. Man kann jetzt wissen, mit wem man es zu tun hat. Mit dem absoluten Gräuel vor Gott.
Das Hauptproblem der neuen Friedensdenkschrift der EKD: nicht einfach „die Gewalt“. Sondern die atomare Abschreckung. Sie müsse „glaubhaft“ sein. Sei nur dann „glaubhaft“, wenn mit dem atomaren Zweitschlag gedroht wird. Wer die „nukleare Teilhabe“ (Seite 116), den „Besitz von Nuklearwaffen“ (ebendort), den Einsatz einer nuklearen „ultima ratio“ als „Gegengewalt“ ( (S.19; 57f; 61; 65; 67; 116; 143)) oder die „atomare Abschreckung“ zulässt, so die Denkschrift ausdrücklich (S.6; 60; 74; 77; schlimm 113f: „‘taktische‘ Einsätze mit kleinerer atomarer Ladung“ „nicht ausnahmslos verboten“; 117; 128) – wer all das zulässt, müsse einverstanden sein, dass Einsatz und Schlag von Atombomben hunderte Male geübt worden ist, das heißt: im Entwurf, in der Planung, in Vorbereitung und Bereitstellung dieser Waffen. Der muss in der Logik der Denkschrift seinerseits jederzeit buchstäblich zum Äußersten bereit sein, gleich morgen, gleich nachher. Jährlich stürzt sich die NATO, die Gegenseite auch, in das Szenario eines Atomkriegs, in entsetzlichste Gewaltphantasien (wehe, sie werden als das, was sie sind, benannt!).
Wir Christen? Nach dieser Denkschrift sind wir dabei. Die Warnung des Apostels „Stellt euch nicht dieser Welt gleich“ wird jetzt erneut ausgeschlagen. Praktiziert wird die reine Anpassung an den waffengläubigen Zeitgeist. Keine Rede davon, dass es, wie behauptet, um „Güterabwägung“ geht oder dass ein „tragisches Dilemma“ vorliegt (S.112ff; 117). Das wird ja immer nur beteuert und vorgeschoben, wenn in Wirklichkeit die Entscheidung für die Waffen längst gefallen ist.
Uns Zweitschlag-Christen schreckt die Gefahr keineswegs, den Fortbestand aller Erdendinge aufs Spiel zu setzen. Die ganze Welt ins Unheil zu stürzen. Einen nuklearen Winter heraufzuführen, die Auslöschung allen Lebens auf der Erde. Falls es „schiefgeht“, beim Versagen des Hasardspiels, wird es keiner von uns gewollt haben. Die eigentliche furchtbare Naivität? Sehenden Auges, hochmütig, irrsinnig das Weiterbestehen der Menschheit aufs Spiel zu setzen. „Abschreckung“ als die in dieser Sache einzig gesellschaftlich akzeptierte Denkweise anzuerkennen. Den aberwitzigen Glauben an die Verlässlichkeit der Furcht und an den Terrorismus der gegenseitigen Ängstigung zu teilen. Die hysterische Tabuisierung der Möglichkeit ihres Versagens mitzumachen.
Von einer Einmischung des Bösen will die Doktrin der atomaren Abschreckung jedenfalls definitiv nichts wissen. Weil sie weltfremd ist. Sie weigert sich, das ungeheure Gewicht des Bösen zu begreifen. Versucht – sträflich unbedarft, verantwortungslos –, über es hinwegzudenken, an ihm vorbei. Als verbiete sich das „negativistische“, „pessimistische Bezichtigungsgeschrei“ der christlichen Sündenlehre. „Skepsis“, für Viele ein höchster Wert, kommt in dieser Sache nicht auf. „Halt’s Maul, Kassandra!“, tönt es aus der Mitte der Gesellschaft. Wer, wenn nicht die Kirche Jesu Christi, könnte aber die Zeit mit ihrer eigenen Besessenheit konfrontieren?
Wozu mag denn eine nihilistische Terrorgruppe einiger Spezialisten imstande sein? Die genialischen Hacker. Subalterne, aber fachkundige Mitarbeiter mit fröhlichen blauen Augen. Darf man ihr Eingreifen ausschließen? Offenbar muss die „Unwahrscheinlichkeit“, wenn man beschwichtigen will, genügen. Eben: Das ist naiv. Und der weitgehend angstfreie, skrupellose, zynische, unzurechnungsfähige, untote Diktator, Großgauner eines Banditenstaats, Schlägertyp (ein russischer, chinesischer, amerikanischer, nordkoreanischer, iranischer, israelischer Präsident oder Ajatollah)? Der gegenüber dem Schicksal der Welt die Schultern zuckt? Die gäbe es nicht? Was hätte Hitler getan? Für Naivität, welcher Art auch immer, entsetzlich zu sagen, sind die Zeiten zu schlecht.
Wir könnten es aber besser wissen. Wir Christen? Oder sind auch wir diejenigen apokalyptischen Scharfmacher, die – im Interesse „unserer Art zu leben“ – mit der Möglichkeit der Verheerung der Erde spielen? Die das unausdenkbare Risiko eingehen: das der Abschaffung aller menschlicher Zukunft. Was laden wir mit dem Akklamieren auf unser christliches Gewissen?
In Wirklichkeit gibt es nur Bonhoeffers „einfältigen Gehorsam“ (so ein ganzes Kapitel in seiner Bergpredigt-Auslegung). „Die Bergpredigt ist dazu da, dass sie getan wird“, schreibt er in wunderlicher Einfalt. In einem Buch mit dem ungeheuerlichen Titel „Nachfolge“.
Es hilft nichts: Diese Denkschrift dokumentiert ein schlimmes Versagen der evangelischen Kirche
Anmerkung: Der Autor hat die Seitenangaben des Textes in der Printausgabe zum Teil korrigiert und ergänzt.
Michael Trowitzsch
Dr. Michael Trowitzsch ist emeritierter Professor für Systematische Theologie. Er lebt in Barmstedt.