Für ein neues Ägypten

Warum die Werke des Bildhauers Hassan Heshmat heute noch faszinieren
Für Heshmat waren es vor allem überzeitliche Motive, die er in schönsten Farben aus Ton, Porzellan und Holz variierte.
Foto: Courtesy of Private Collection
Für Heshmat waren es vor allem überzeitliche Motive, die er in schönsten Farben aus Ton, Porzellan und Holz variierte.

Der ägyptische Bildhauer Hassan Heshmat wurde 1920 geboren und starb vor zwanzig Jahren. Er war Muslim, dem sein Glaube sehr wichtig war – und schuf zugleich viele Kunstwerke, die einen christlichen Hintergrund haben. Über einen Künstler, der in Europa dringend wiederentdeckt werden sollte, berichtet die Islamwissenschaftlerin und Vizedirektorin des Berliner Leibniz-Zentrums Moderner Orient, Sonja Hegasy.

In der belgischen Stadt Hasselt entstand 1970 ein Kunstwerk, das heute Passanten eher Rätsel aufgibt. Auf einer freistehenden Betonwand sind zwei Dutzend Männer, gekleidet in weißen und hellblauen Gewändern, zu sehen. Sie stehen nebeneinander, manche schauen in den Himmel. Man ahnt, dass dies wohl Ordensbrüder sind – aber was zeigt das Kunstwerk wirklich? Es ist ein Mahnmal im Auftrag des Kreuzherren-Ordens zur Erinnerung an 23 fünf Jahre zuvor im Kongo ermordete Missionare. Die Stadt Hasselt ließ damals Postkarten des Kunstwerks drucken. Der Orden löste sich 2012 auf. Das Denkmal steht noch, wenn auch die bunten Keramikpaneele, mit denen die Gewänder der Geistlichen dargestellt wurden, abgefallen sind. Irgendwer hat die Gewänder nachgemalt. Nur die aus Ton geformten Köpfe hängen heute noch. Ein leicht versteckter Namenszug erinnert an den Künstler.

Eine Wandskulptur: Etwa ein Dutzend blau und weiß gekleidete Mönche schauen in den Himmel

Das Denkmal in der belgischen Stadt Hasselt. (Foto: Kobe Vanderzande. Mit freundlicher Genehmigung des ZMO)

Diener der Weisheit

Es war der ägyptische Bildhauer Hassan Heshmat, der 1920 geboren wurde und vor zwanzig Jahren starb. Er war praktizierender Muslim, dem sein Glaube sehr wichtig war – zugleich schuf er viele Kunstwerke, die einen christlichen Hintergrund haben wie etwa das Kunstwerk für die ermordeten Missionare in Hasselt. Es scheinen insbesondere Kirchen zu sein, für die Heshmat Monumentalwerke entwarf. Warum? Das wissen wir nicht. Aber wir haben weitere Fotos, die den Künstler zusammen mit Priestern zeigen, unter anderem mit orthodoxen Geistlichen vor einem Monument zur Ehrung des Erfinders des armenischen Alphabets am Eingang der armenischen Kirche in Heliopolis (ein Stadtteil von Kairo). Die Arbeit ist Mesrop Mashtots und Isaac Partev, den Schöpfern des armenischen Alphabets, gewidmet, die beide in der armenisch-apostolischen und der römisch-katholischen Kirche als Heilige gelten. In der Mitte hat der Künstler folgende Worte aus dem Alten Testament eingemeißelt: „Sie dienen der Weisheit und der Bildung und helfen dazu, scharfsinnige Reden zu verstehen.“

Männer stehen vor einem wandähnlichem Monument, das gerade eingeweiht wird.

Die Einweihung des Monuments in Armenien. (Mit freundlicher Genehmigung von Sonja Hegasy)

In Heshmats Autobiografie von 1997 lesen wir, dass seine zwei Meter hohe Basalt-Skulptur „Die Familie als Hort der Stabilität“ „in einer Kirche in Boston“ steht. Mehr wissen wir nicht. „Maria mit dem Kind“ oder „Der Auszug aus Ägypten“ sind häufige, christliche, aber für Heshmat überzeitliche Motive, die der Künstler in den schönsten Farben und Oberflächen aus Ton, Porzellan, Stein und Holz variierte.

Blau gehaltenes Kunstwerk "Maria mit dem Kind"

"Maria mit dem Kind" von Hassan Heshmat. (Foto: Ahmed Kamel. Privatsammlung Marie L. Bishara)

Es sind eindeutig lokale Motive. Aber Heshmat hebt ihren universellen Charakter hervor, den alle Menschen kennen und teilen – egal ob Muslim oder Christ, ob Ostler oder Westler. Heshmat war weltweit gefragt und kreuzte den Eisernen Vorhang, als ob es ihn nicht gäbe. Er arbeitete in Ost- und Westdeutschland. Sein Lebensweg zeigt, dass das Reisen zu Zeiten des Kalten Krieges für Akteure aus dem Globalen Süden um ein Vielfaches einfacher war als heute.

Eines der wenigen Bücher, die Hesh­mat in seiner Biografie erwähnt, ist ʿAbqariyyat Muḥammad (Die Genialität Mohammeds, Kairo 1942) von Abbas al-Aqqad. Dieses Buch ist eine Verteidigung des Propheten gegen die damals in Europa verbreiteten orientalistischen Darstellungen des Islams und seines Verkünders. Al-Aqqad betont hier die menschliche Natur Mohammeds und sein Verständnis für die Schwächen, Bedürfnisse und Hoffnungen der Menschen.

Heshmats Neigung zu christlichen Motiven überrascht heute, wie vieles in seiner Vita. In Ägypten ist er immer weniger Menschen bekannt, auch wenn seine Kunstwerke im Straßenbild sehr präsent sind: Noch kennen manche der älteren Generation seinen Namen, doch auch wer ihn nicht benennen kann, kennt meist seine übergroßen Figuren im öffentlichen Raum von Kairo, Alexan­dria, Hurghada und anderen Städten.

Heshmat war zu seinen Lebzeiten ein international bekannter Künstler, der in der ganzen Welt Auftraggeber fand. Seine Skulpturen sind nicht nur am Nil zu finden, sie wurden auch nach Brazzaville, Frankfurt am Main, Warschau, Malmö, Ost-Berlin und Boston exportiert. In 10th of Ramadan City hat der Gründer einer bekannten Modefirma, der Kopte Louis Bishara, ein kleines Freiluftmuseum mit einer Galerie für Heshmat in einem Park errichten lassen. Verschiedene Industrielle haben Heshmats Kunst auf ihrem Werkgelände aufgestellt. Am Offiziersclub an der Hauptstraße von Zamalek prangt noch heute ein großes Relief von ihm. Aber wer war eigentlich Hassan Heshmat?

Als Kind kommt Heshmat in einer Kleinstadt am Nil zur Welt und beginnt, mit Ton zu arbeiten. Mit zwölf Jahren überlässt ihm sein Vater die freie Berufswahl, und er geht allein nach Kairo an die Schule für angewandte Kunst. Er trifft auf einen Lehrer, der später ebenfalls berühmt wird, den Bildhauer Saeed Sadr. Sadr geht mit seinen Schülern reihum jede Woche in ein anderes Museum: das ägyptische Museum mit den pharaonischen Schätzen. Das koptische Museum. Und das Islamische Museum. Und wieder von vorne. Heshmat schreibt in seiner Autobiografie, dass er praktisch im ägyptischen Museum lebte und zeichnete. Mit 18 Jahren macht er sein Diplom. Dann erreicht der Zweite Weltkrieg Ägypten. Heshmat berichtet, dass ihm das britische Militär den Auftrag gibt, 250 000 Teller und Tassen für die britischen Soldaten herzustellen. Dieser Auftrag kann ihn zwei Jahre lang ernähren.

Aber am Ende des Zweiten Weltkriegs lehnen die Briten seine Lieferungen als angebliche Mangelware ab. Heshmat ist finanziell ruiniert und verkauft die Ziegel seines Brennofens einzeln. 1952 wird die Monarchie in Ägypten abgeschafft. Der Militärputsch der Freien Offiziere gegen die von Großbritannien unterstützte Monarchie bringt das nationale Projekt hervor, das sich viele Ägypter schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewünscht hatten. Eine Ära voller Hoffnungen auf nationale und individuelle Selbstverwirklichung ist mit dem führenden Putschoffizier Gamal Abdel Nasser und seinem Projekt verbunden. Hesh­mat hatte schon vorher vermieden, Aufträge des Königshauses anzunehmen. Der nasseristische Staat passt viel besser zu seinem Kunstverständnis und ist tatsächlich auch an Heshmats Kunst interessiert. Seine Kunst über die kleinen Leute passt zum Anspruch des sozialistischen Staates. Der Putschgeneral Mohammed Naguib wie auch Gamal Abdel Nasser eröffnen Ausstellungen von ihm. Ohne Zweifel findet sich die Bildsprache des sozialistischen Realismus in seinem Werk. Aber Heshmat entwickelt auch eine eigene Bildsprache, vor allem arbeitet er in sehr unterschiedlichen Stilen.

Neues Material

1957 sieht Heshmat eine Anzeige des DAAD für ein Studium der Porzellan-Manufaktur in Deutschlands Hochburg des Porzellans, nämlich in der bayrischen Stadt Selb: die Stadt von Hutschenreuther und Rosenthal. Der Aufenthalt gibt seiner Karriere eine weitere Wende. Zum einen lernt er Deutsch und wird von nun an immer wieder in Ost- und West-Europa ausstellen. 1970 organisiert die Kulturmittlerorganisation Inter Nationes eine Ausstellung für ihn in Bonn. Zum anderen eröffnet ihm das neue Material Porzellan die Möglichkeit, seine Idee der „Kunst für jeden Haushalt“ umzusetzen. Von 1958 bis 1988 stellt er kleine Porzellanfiguren her, die in Buchläden und Papeterien in Kairo verkauft werden. Häufigstes Motiv sind Tänzer und Tänzerinnen, inspiriert durch die Tanztruppe von Mahmoud Reda und Farida Fahmy, die damals Furore macht, da sie Elemente des ägyptischen Volkstanzes mit modernem Tanz verbindet. Betrachtet man heute Aufzeichnungen der Auftritte des Ensembles auf YouTube, erkennt man deutlich jene Bewegungen, die Heshmat in seinen Skulpturen eingefangen hat. Dazu passt, was der Autor Anatolij Bogdanov über Heshmats Werke 1964 in einem Buch über die Künstler des Landes am Nil schrieb:

„Heshmat versteht es, mit einer einzigen fließenden Linie die sanften Silhouetten tanzender Bauern zu zeichnen und die Ungezwungenheit der Bewegungen der Frauen zu betonen, die Wasser aus einem Bach in Krüge schöpfen.“

Vor allem einer fördert Heshmat zeit seines Lebens: Tharwat Okasha, ein polyglottes Genie, der unter Nasser mehrmals Kulturminister wird. Er bittet den Künstler nach seiner Rückkehr aus Selb, ein Geschenk für Ägyptens Staatsgäste zu entwerfen. Heshmat setzt sich mit einem nicht fertiggestellten Kopf der Königin Nofretete in braunem Quarz, der im Ägyptischen Museum in Kairo steht, auseinander. Von 1958 bis 1988 wird diese Nachempfindung der antiken Büste in Porzellan an 82 Staatsoberhäupter übergeben.

Eine schwarze Plastik: Der einfarbige Kopf der Nofretete.

Nach dem berühmten Vorbild in Berlin: Heshmats Interpretation der Nofretete. (Foto: Mit freundlicher Genehmigung Privatsammlung.)

Die Kunsthistorikerin Katharina Maria Raab scheibt: „In den Porzellanarbeiten wird der […] würdevolle Blick auf seine Protagonisten besonders deutlich: In zahlreichen Variationen zeigen sie die Menschen, die Heshmat seit seiner Kindheit auf dem Land und später im städtischen Alltag beobachtet.“

Übrigens gehört es zu den Besonderheiten von Heshmats Leben, dass nach einem seiner Kunstwerke immer noch gesucht wird: Es ziert die Wände eines privaten Schwimmbads – „in den Niederlanden“, hat Heshmat dazu notiert. Genauer wird der Künstler nicht. Obwohl Heshmat selbst großes Leid erleidet (drei seiner Kinder starben, wie auch seine erste Frau Zeinab), stellt er das menschliche Leiden und das Leiden des Menschen an sich selbst selten dar. Der verletzte oder der geschundene Mensch ist ebenso wenig Thema in seinem Werk wie die Hommage an die Großen der Weltgeschichte – auch nicht in der Kultur. Er verewigt den Alltag der kleinen Leute – und das, was Ägypten über Jahrtausende hinweg ausmacht: Geduld, Humor und Lebensfreude.

Zwei Porzellanfiguren: Ägyptische Frauen mit Kopftuch, eine hat eine Schale über dem Kopf in Hellblau und Grün.

Zwei Figuren Heshmats, die den Alltag ägyptischer Frauen zeigen. Aus der Sammlung RAS, eine Dauerleihgabe der Oberfrankenstiftung Bayreuth. (Foto: Jessica Ulrich) 

2024 musste Heshmats acht Meter hohe Figur am Galaa-Platz namens Aufbruch Ägyptens dem unermüdlichen Brückenbau weichen. Täglich fuhren Zehntausende von Ägyptern über den Platz und sahen die Figur, die den Fortschritt ihrer Gesellschaft symbolisierte. Dann verschwand das Kunstwerk über Nacht. Die Figur wurde in das Hassan Heshmat Museum gebracht. Noch zu Lebzeiten hatte der Künstler seine Villa mit Garten, Atelier und Brennöfen dem Staat vermacht, damit dort nach dem Tod von seiner Frau und ihm ein Museum entsteht. Im Laufe der Zeit wurden Haus und Garten ein Gesamtkunstwerk. Denn neben seinen Arbeiten gestaltete Heshmat auch die Lampen und Kacheln in seinem Badezimmer sowie die Brüstung der Terrasse und des Eingangs.

Unbekannte Standorte

Doch im Heshmat-Museum war weder Platz für die Figur vom Galaa noch Geld, sie zu restaurieren. Bisharas Tochter Marie, die angeregt von Hassan Heshmat selbst Kunst studiert und in den 1980er-Jahren ein mehrmonatiges Praktikum in der Werkstatt des Künstlers absolviert hatte, führt heute das Mäzenatentum ihres Vaters fort. Sie ließ die Statue restaurieren und kümmerte sich darum, dass sie in der Industriestadt 10. Ramadan aufgestellt wurde.

Es wurden bisher keine Briefwechsel von Heshmat mit seinen Auftraggebern in den rund sechzig Jahren seines Schaffens gefunden. Auch die Suche in deutschen, italienischen oder belgischen Archiven nach Dokumenten und Aufträgen gestaltet sich schwer, trotz der Digitalisierung vieler Archive. Es müssen auch noch viele unbekannte Standorte der Werke Heshmats lokalisiert werden. Die Forschung zu Hassan Heshmat, zu diesem oft rätselhaften Künstler, steht noch ganz am Anfang. 

 

Information:
Über Hassan Heshmat hat die Autorin vor Kurzem ein Buch geschrieben. Es ist über Open Access einsehbar. Zudem gibt es eine digitale Ausstellung der Werke von Hassan Heshmat mit fünf Audiostationen der Hörspielautorin Julia Tieke: www.zmo.de/wissenstransfer/h-heshmat-digital.

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