Teutonische Treuepunkte?

Sachsen-Anhalts Kultur ist viel reicher als rechte Narrative behaupten
Vor 100 Jahren zog das Bauhaus nach Dessau. Unter dem Titel „An die Substanz“ stehen Materialien der Moderne und Gegenwart im Fokus von zahlreichen Ausstellungen.
Foto: Kathrin Jütte
Vor 100 Jahren zog das Bauhaus nach Dessau. Unter dem Titel „An die Substanz“ stehen Materialien der Moderne und Gegenwart im Fokus von zahlreichen Ausstellungen.

Die rechtsextreme AfD vertritt aggressiv ein rechtskonservatives Kulturverständnis. Dass sie dem landesoffiziellen Hashtag-Motto #moderndenken in Sachsen-Anhalt den Hashtag #deutschdenken entgegensetzt, zeigt dies deutlich. Der Kunstkenner, Autor und Dramaturg Andreas Hillger analysiert und kritisiert diesen Trend und setzt dem die reichhaltige kulturelle Tradition im Lande entgegen.

Im symbolträchtigen Monat November sorgte die Stadt Halle an der Saale mal wieder für Schlagzeilen: Ausgerechnet dort, wo in nachbarschaftlicher Nähe zum pietistischen Bildungs-Campus der Franckeschen Stiftungen und zur Kulturstiftung des Bundes in den nächsten Jahren ein „Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation“ wachsen soll, versammelten sich rechte und identitäre Publizisten und Verleger zu einer Buchmesse unter dem beredten Motto „Seitenwechsel“. Und obwohl die vom „Turm“-Romancier Uwe Tellkamp zum „Aufbruch des verengten Meinungskorridors“ erklärte und vom ostalgischen Heimatkundler Uwe Steimle als „Fest des Geistes“ gepriesene Veranstaltung lautstarken Widerspruch provozierte, konnte die sachsen-anhaltische AfD einen weiteren Etappensieg in ihrem beharrlichen Kulturkampf verbuchen. Denn im Bindestrich-Land zwischen Arendsee und Zeitz – zwei journalistische Floskeln für ein historisch eher disparates Konstrukt – arbeitet die Partei seit geraumer Zeit an einer eigenen, selektiven Deutungshoheit über Geschichte und Gegenwart. Dass man dabei auch das aktuell gültige Landesmotto „#moderndenken“ aufs Korn nimmt, wirkt freilich unnötig bemüht. Viel sinnstiftender wäre angesichts der Prognosen für die Landtagswahl 2026 doch der viel belächelte Vorgänger-Slogan, den die Magdeburger Regierung inzwischen lieber vergessen will: „Wir stehen früher auf!“

Die präpotente Parole war den Landeskindern 2005 durch eine Hamburger Agentur verordnet worden und stand exemplarisch für die mühselige Suche nach einem gemeinsamen Nenner. Wenn die aufstrebende Opposition zwei Jahrzehnte später die zeitgeisternde Hashtag-Floskel kapert und in „#deutschdenken“ umwidmet, folgt sie einer ähnlichen Agenda: Sachsen-Anhalts fragiles Selbstbewusstsein ist offenbar anfällig für übergriffige Vereinnahmungen, der parallel geforderte (und vom Landtag mehrheitlich abgelehnte) „Stolz-Pass“ sollte als ideologischer Impfausweis gegen die vermeintliche Immunschwäche helfen. Im Antrag wurde das Dokument als Teil einer Kampagne beschrieben, der ein „grundsätzlich bejahender, unbelasteter, respektvoller und wertschätzender Umgang mit der deutschen Geschichte“ zugrunde liegen sollte. Und wo ließen sich teutonische Treuepunkte besser sammeln als in Sachsen-Anhalt?

Immerhin fand sich hier 1999 auf dem Mittelberg bei Nebra jene Himmelsscheibe, die als älteste Darstellung von kosmischen Konstellationen inzwischen archäologischen Weltruhm genießt. Die „Schamanin von Bad Dürrenberg“ hingegen wurde nach ihrer Ausgrabung 1934 von nationalsozialistischen Rassetheoretikern zunächst als Prototyp des arischen Mannes gedeutet – und erst durch neuere Untersuchung als dunkelhäutige Frau aus der Bronzezeit identifiziert. Mit fortschreitender Sesshaftigkeit aber rückt das Land, das der amtierende CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff schon vor Jahren „in der Mitte der Mitte Europas“ verortete, tatsächlich zunehmend in das Zentrum des politischen Geschehens: Heinrich I. soll von seiner Wahl zum ostfränkisch-deutschen König 919 auf dem Vogelherd in Quedlinburg erfahren haben, sein Sohn Otto starb als erster deutscher Kaiser 973 in Memleben und wurde im Magdeburger Dom beigesetzt. Die Kathedrale bildet heute das Zentrum jener „Straße der Romanik“, die auch die Dome in Naumburg und Merseburg oder die Klöster in Memleben und Jerichow verbindet – wichtige Gedächtnisorte einer deutschen Legende, die man nach der Wende bald als lohnende touristische Landmarken in Sachsen-Anhalt zusammenfasste.

Eine andere Traditionslinie wurde 2011 vom Schloss Köthen her markiert: Die „Neue Fruchtbringende Gesellschaft“, die sich in der Nachfolge einer bedeutenden literarischen Vereinigung aus dem 17. Jahrhundert sieht, rief hier die „Straße der deutschen Sprache“ ins Leben. Mittlerweile finden sich am Wegesrand Stationen wie Merseburg als Fundstelle der althochdeutschen Zaubersprüche oder das anhaltische Dörfchen Reppichau als Geburtsort des Sachsenspiegel-Autors Eike von Repgow, Gräfenhainichen als Heimat des Kirchenlied-Dichters Paul Gerhardt – und natürlich Eisleben und Wittenberg als protestantische Pilgerstätten erster Ordnung. Dass Martin Luther auf dem heutigen Terrain von Sachsen-Anhalt geboren wurde, wirkte und starb, darf man getrost als global wirksames geistiges Erbe reklamieren. Ob sich daraus aber auch jener „Stolz“ herleiten lässt, den der Reformator als „bösen Hund“ beschrieben haben soll, sei dahingestellt. Im Heimatland des wortgewaltigen Bibel-Übersetzers müsste man sich jedenfalls den Doppelsinn des Wortes vergegenwärtigen, das neben dem Bewusstsein des eigenen Wertes eben auch Hochmut und Torheit beschreibt.

Schustersohn aus Stendal

Falls man solche Ambivalenz musikalisch untermalen wollte, würde man in Sachsen-Anhalt ebenfalls fündig: Mit Georg Philipp Telemann und Georg Friedrich Händel wurden zwei der bedeutendsten Barock-Komponisten in Magdeburg beziehungsweise Halle geboren, Johann Sebastian Bach komplettiert dank seiner Jahre als Köthener Hofkapellmeister das illustre Dreigestirn. Wie diesen Herren war auch Heinrich Schütz in Weißenfels oder Reinhard Keiser aus Teuchern die Eitelkeit alles Irdischen bewusst – und „Stolz“ daher bestenfalls als Gefühl für die eigene Leistung geläufig. Dass man dieses Eigene aber auch im Anderen finden und die respektvolle Aneignung fremder Kulturen mit Gewinn betreiben kann, bewies wenig später ein Schustersohn aus Stendal: Johann Joachim Winkelmann prägte mit seinen Gedanken über die Nachahmung der antiken Kunst den Stil des Klassizismus – und damit auch das Wörlitzer Gartenreich, das sich Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau in den Elbauen errichten ließ. Dieses Musterland der Aufklärung könnte längst als Zwischenziel für eine andere Route dienen, die man neben all der Romanik, Sprache und Musik bislang vergeblich sucht: der Straße der Bildung.

Denn wenn man Luthers Werk und Melanchthons Beitrag auch als pädagogisches Projekt versteht, kann man zwischen Wittenberg und Dessau auf etwa 40 Kilometern rund 400 Jahre Bildungsgeschichte erfahren – und dabei drei UNESCO-Welterbestätten besuchen. Am anderen Ende des Weges wartet nämlich das Bauhaus, das dieser Tage sein 100-jähriges Jubiläum vor Ort feiert … aber als „Irrweg der Moderne“ wegen seiner „abgrundtiefen Hässlichkeit“ nicht zur kulturpolitischen Agenda der AfD gehört. In ihr will man sich – unter ausdrücklicher Berufung auf Donald Trumps Order „Promoting Beautiful Federal Civic Architecture“ – bei öffentlichen Gebäuden künftig lieber am Vorbild des „preußischen Klassizismus“ orientieren, was einerseits den stilbildenden Wörlitzer Impuls schmälert, in dieser transatlantischen Herleitung aber auch das Desinteresse am internationalen Echo assoziiert. Stolz ist ein exklusiver Charakterzug und lässt sich daher vorzugsweise im Ausschlussverfahren gewinnen. Der tiefsinnige Schmerzensmann Friedrich Nietzsche aus Röcken bei Naumburg? Selbstverständlich! Aber der jüdische Toleranz-Denker Moses Mendelssohn aus Dessau? Wohl eher nicht! Der Löbejüner Balladen-Meister Carl Loewe? Unverdächtig! Doch der Dessauer „Dreigroschenoper“-Komponist Kurt Weill? Ziemlich anrüchig! Dass zur überreichen kulturhistorischen Tradition des Landes Sachsen-Anhalt auch die Wahrnehmung und das Aushalten von Widersprüchen gehört, wird geflissentlich übersehen – ebenso wie die Tatsache, dass die Frühgeschichte der Region ohnehin längst besser ausgeleuchtet ist als ihre unmittelbare Vergangenheit. Seitdem die DDR-Bezirke Magdeburg und Halle zu einer Einheit verschmolzen, schlugen in Sachsen-Anhalt 15 Landesausstellungen zu Buche, von denen zwei Drittel den Zeitläuften bis zum 16. Jahrhundert gewidmet waren.

Als Leitfiguren stehen Otto der Große sowie Luther und die Seinen unangefochten an der Spitze, eine Retrospektive auf das 20. Jahrhundert in all seinen Ausformungen sucht man indes vergeblich. Dabei wäre in Sachsen-Anhalt auch über den Zusammenhang von industriellem und kulturellem Fortschritt zu reden, wie er sich beispielhaft in den Beziehungen der Junkers-Werke zum Bauhaus zeigt – oder über den politischen Druck auf Künstler, die hier später vom Arbeiter- und Bauernstaat auf den „Bitterfelder Weg“ gewiesen wurden. Doch der Kulturpalast des Chemiekombinats soll mit Mitteln aus dem Strukturwandel zum Musical-Theater umgebaut werden, während das performative und partizipative „Osten“-Festival als unliebsamer Import einen Spitzenplatz auf der Abschussliste der mit Abstand stärksten Fraktion im Stadtrat – der AfD – einnimmt.

Die Stiftung Bauhaus Dessau immerhin hat ihr Jubiläumsprogramm unter das Motto „An die Substanz“ gestellt und damit nicht nur Stahl, Glas und Beton gemeint, die im Architekturbüro von Walter Gropius 1925/26 als innovative Materialien galten. Vielmehr wird dabei auch über jene historische Substanz zu reden sein, die man als kulturelle Essenz künftig hinter einem Hashtag verschlagworten will. Die politische Aufarbeitung der Bauhaus-Geschichte, die extreme Ausschläge nach links wie rechts verzeichnet, hat man im Vorfeld der eigenen Hundertjahr-Feier freilich den Verbund-Partnern in Weimar überlassen müssen – kurz bevor die dortigen Landtagswahlen in Thüringen mit 32,8 Prozent für die AfD, fast zehn Prozent mehr als die CDU des jetzigen Ministerpräsidenten Mario Voigt, einen bitteren Vorgeschmack für das kommende Jahr in Sachsen-Anhalt lieferten. Auch in dieser Hinsicht könnte sich Geschichte zwischen Thüringen und Anhalt wiederholen …

Wettbewerb ausgelobt

Dass die Kunststiftung des Landes just in diesen Tagen einen Gestaltungswettbewerb ausgelobt hatte, bei dem ein neuer Sarg für die nur noch notdürftig behausten Gebeine von Otto dem Großen entstehen sollte, ist übrigens symptomatisch. Der Sieger-Entwurf der Schmuckkünstlerin Silke Trekel, die an der halleschen Burg Giebichenstein studiert hat, zeigt nach Ansicht der Jury in seiner Verbindung aus Titan, Blatt- und Feingold „eine überzeugende Synthese aus historischer Symbolik, technischer Innovation und ästhetischer Klarheit“ und vermittelt durch seine „aufsteigend wirkende Form Dynamik, Modernisierung und Fortschritt im Sinne Ottos“. So kann man #moderndenken – und konservativ handeln.

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