Keine Peinlichkeit beim Grillabend

Simone Ziermann hat untersucht, was es bedeutet, „das Evangelium zu kommunizieren“
Sonja Ziermann
Foto: Jens Schulze

„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Das stimmt leider nicht, hat Simone Ziermann in ihrer Habilitationsschrift ermittelt. Es gibt keinen direkten Weg vom Glauben zur Gestaltung eines Gesprächs.

Theologie hat mich schon immer interessiert – dennoch habe ich nach dem Abitur lange überlegt, wie es für mich weitergehen soll, und außerdem wollte ich mal etwas Praktisches arbeiten. Mein Freiwilliges Ökologisches Jahr habe ich dann auf einem Demete-Bauernhof verbracht, und eines Tages, zwischen Hasenstall und Gemüsebeet, war endlich klar: Germanistik und Theologie werde ich studieren.

Auch nach dem Studium bin ich beiden Fächern treu geblieben. In meiner Dissertation habe ich ein pastoraltheologisches Thema sprachwissenschaftlich bearbeitet, anschließend hat mich in einem Forschungsprojekt die Frage beschäftigt, wie sich religiöse Sprachfähigkeit verbessern lässt. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zu meinem Habilitationsthema „Evangelium der Kommunikation. Zur Bedeutung des christlichen Glaubens für das zwischenmenschliche Gespräch”.

In meiner Habilitationsschrift gehe ich der Frage nach, ob und wie ich meine zwischenmenschliche, verbale Kommunikation als gläubiger Mensch auf besondere Weise gestalten kann. Im Hintergrund stand für mich die grundsätzliche Überlegung, welche Bedeutung mein Glaube – also einfach gesagt: meine Antwort auf die Anrede Gottes – für meinen Umgang mit der Welt hat.

Die Antwort darauf ist nicht so einfach, wie es zunächst scheint. Mich hat lange der Bibelvers beschäftigt: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ (Matthäus 12,34). Ich war überzeugt, zu wissen, was hier gemeint ist: Wenn mein Herz voller Glauben ist, dann wird mein Mund ganz automatisch davon erzählen. Begeistert, glaubwürdig, ansteckend – so war meine Theorie.

In der Praxis aber sieht das ganz anders aus. Tatsächlich rede ich im Alltag kaum über meinen Glauben. Und gleichzeitig ertappe ich mich dabei, wie ich selbst irritiert bin, wenn andere Christen besonders lautstark Zeugnis geben. Beim Grillabend ungefragt von Jesus zu erzählen – ist das ein starkes Glaubenszeugnis? Oder einfach nur peinlich?

Ausgangspunkt meiner Arbeit war nun die Beobachtung, dass praktisch-theologische Texte zwar viel über Kommunikation im Horizont des Glaubens sagen, aber wenig darüber, was genau ich als einzelne Person eigentlich tun kann. Was bedeutet es denn konkret, wenn jemand versucht, „das Evangelium zu kommunizieren“?

Um das herauszufinden, habe ich Texte aus Religionspädagogik und Gottesdienstpraxis (Lesepredigten und Gebete) mit kommunikationspsychologischen Werkzeugen untersucht, vor allem mit denen von Watzlawick und Schulz von Thun: Ich habe Kommunikation als wechselseitigen Austausch von Inhalts- und Beziehungsbotschaften verstanden, die mit Selbstkundgaben und Appellen einhergehen. Mit diesem Modell des Kommunikationsquadrates von Schulz von Thun konnte ich typische Muster sichtbar machen. Mein Ziel war eine Art „Metakommunikation“: Ich wollte klären, wie ich sinnvoll über Kommunikation im Horizont des Glaubens nachdenken kann.

Im Laufe der Analyse wurde immer deutlicher: Das konkrete verbale Kommunikationsgeschehen lässt sich nicht spezifisch aus dem Glauben heraus gestalten. Es gibt keine Kriterien, die einen direkten Zusammenhang zwischen meinem Glauben und meinem Kommunikationsverhalten belegen würden. Das gilt für meine Gefühle, also für mein „inneres Zumutesein“, ebenso wie für mein sichtbares Verhalten.

Viele religiöse Ideale erweisen sich in der Kommunikation sogar als hinderlich – etwa das Ideal, permanent „nah dran zu sein“, oder der Wunsch nach mutigem Auftreten. Je stärker ich versuche, solche Ideale zu erfüllen, desto weniger gelingt stimmige Kommunikation, die ja immer von der jeweiligen Situation abhängt. Mut kann angemessen sein, aber Angst auch. Freude kann passen, aber manchmal wäre sie zynisch.

Auch bei Konflikten zeigt sich, dass Glaube und Kommunikation nicht direkt zusammenfallen. Wenn Menschen ablehnend auf ein Glaubenszeugnis reagieren, kann das etwas mit ihrem Glauben zu tun haben – muss aber nicht. Manchmal schützt jemand einfach seine Grenzen oder reagiert aus sozialen Rollen heraus.

Ein weiteres Beispiel ist die Vorstellung, man sei als Christin im Gespräch mit anderen eigentlich nur „Botin Gottes“. Diese Vorstellung ist zwar verbreitet, aber keineswegs hilfreich für gelingende Kommunikation. Wenn ich mit jemandem rede, aber „eigentlich“ nur Gott vertrete, entziehe ich mich der unmittelbaren Begegnung. Kommunikation gelingt aber nur, wenn ich als Person wirklich anwesend bin – mit meinen Fähigkeiten, Grenzen und meiner Verantwortung.

Es ist also überhaupt nicht sinnvoll, sich als „Resonanzraum Gottes“ zu verstehen. Wenn Kommunikation im Horizont des Glaubens gelingen soll, muss ich akzeptieren, dass meine Aufgabe zuerst darin besteht, klar Mensch unter Menschen zu sein.

Das passende Bild für Kommunikation im Horizont des Glaubens ist daher für mich nicht etwa das Dreieck (Mensch – Gott – Mensch), sondern das Kreuz: eine klare vertikale Beziehung zu Gott und eine ebenso klare horizontale Beziehung zu anderen Menschen. Beide Ebenen gehören zusammen, dürfen aber nicht vermischt werden.

Zusammenfassend bedeutet das: Auch als gläubiger Mensch habe ich keine spezielle kommunikative Aufgabe, die sich aus meinem Glauben ergibt. Es gibt keinen direkten Weg von meinem Glauben zur Gestaltung eines Gesprächs. Ich stehe vor denselben Herausforderungen wie jeder andere auch: stimmig sprechen, Verantwortung übernehmen, Konflikte verstehen, Gefühle ernst nehmen und zwischen Inhalt und Beziehung unterscheiden. Mein Glaube verändert nicht die Form meiner Kommunikation – aber er prägt, wer ich bin, während ich kommuniziere. Denn neben dem unmittelbaren Kommunikationsgeschehen ist da ja noch die Ebene der Metakommunikation. Wenn ich mich auf die Metaebene begebe, also bewusst über meine eigene Kommunikation nachdenke, kann der christliche Glaube eine sehr wichtige Rolle spielen. Ich kann die Gespräche, die ich mit anderen Menschen führe, mit dem biblischen Zeugnis abgleichen oder im Gebet mit Gott „besprechen“, und zwar mit allem Scheitern und allem, was gut gelingt. Das kann Rückwirkungen auf mein unmittelbares Gesprächsverhalten haben – muss es aber nicht. 

Aufgezeichnet von Philipp Gessler

Simone Ziermanns Habilitationschrift ist als Open-Access-Publikation erschienen und unter folgendem Link abrufbar.

www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:15-qucosa2-962304

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