Verantwortung und Vertrauen
Kirche ringt um Orientierung – auch in Fragen von Leitung und Verantwortung. Der Theologe und Organisationsberater Lars Charbonnier zeigt, warum Führung in der Kirche nur dann glaubwürdig ist, wenn sie systemisch reflektiert wird, Entscheidungswege offenlegt und Lernen als geistlichen Prozess ernstnimmt.
Wir sind spätestens seit der Synode der EKD in Dresden auf dem Weg zu einer machtsensiblen Kirche – und damit auch zu einem machtsensiblen Verständnis von Führung. Das freilich ist nichts Neues. Wenn wir über Führung sprechen, sprechen wir immer über Macht, ob wir wollen oder nicht. Das gilt für Organisationen ganz allgemein – und für die Kirche in besonderer Weise, weil Macht dort oft ungern benannt wird und gerade deshalb besonders wirkmächtig ist. Aus systemischer Sicht lohnt es sich, zunächst über Macht in Organisationen nachzudenken und dann zu sehen, wie diese Einsichten für die Kirche gelten, die auf paradoxe Weise sowohl Institution als auch Glaubensgemeinschaft ist.
Gerade weil die evangelische Kirche über viele Jahrzehnte hinweg vermieden hat, über Führung, Leitung, Rollen und Entscheidungswege reflektiert zu sprechen – und weil sie Führung häufig theologisch abgewertet und strukturell unsichtbar gemacht hat –, muss sie sich heute umso intensiver mit Macht und machtsensibler Führung befassen. Diese Situation ist also kein Zufall, sondern Folge einer jahrzehntelangen Ignoranz gegenüber organisationstheoretischem Wissen. Nach Jahren an einer Theologischen Fakultät und in 12 Jahren kirchlicher Führungskräfteentwicklung habe ich oft erlebt, wie schwer sich theologische, pädagogische und soziale Arbeitsfelder tun, Führung überhaupt als professionelle Aufgabe zu verstehen. Stattdessen kursieren Vorurteile und Pappkameraden – auch in theologischen Lehrbüchern. Dabei ist Macht zunächst schlicht die Potenz, etwas zu gestalten – ein genuiner Aspekt des christlichen Menschenbildes.
1. Macht als Strukturphänomen (Kühl) – und Macht in kirchlichen Rollen
Stefan Kühl beschreibt Macht als Strukturphänomen[1]: Sie entsteht in Beziehungen, Rollen und Kommunikationsmustern. Sie ist nie persönlicher Besitz, sondern relational. In Organisationen entscheidet Macht darüber, welche Themen auf den Tisch kommen, welche Stimmen gehört werden und welche Optionen als realistisch gelten. Führung ohne Macht gibt es daher nicht, nur Führung, die ihre Macht reflektiert – oder verdrängt.
Übertragen auf die Kirche heißt das: Wo in kirchlichen Räumen Macht nicht benannt wird, entzieht sie sich der Kontrolle. Die spirituelle Überhöhung von Entscheidungsprozessen („vom Geist geführt“) verdeckt oft, dass reale Entscheidungen in Gremien, Ausschüssen und Verwaltungsstrukturen fallen. Eine machtsensible Kirche benennt daher bewusst, wer welche Verantwortung trägt. Sie fragt: Wer entscheidet? Auf welcher Grundlage? Wer darf das überprüfen? Transparenz ist hier kein Verwaltungsdetail, sondern eine geistliche Praxis, die Vertrauen und Freiheit schützt.
2. Macht als Kommunikationsmedium (Luhmann) – und kirchliche Entscheidungsprämissen
Niklas Luhmann versteht Macht funktional:[2] Macht ist ein Kommunikationsmedium, ähnlich wie Geld oder Liebe. Sie stabilisiert Erwartungen und ermöglicht Anschlussfähigkeit. Führung bedeutet in dieser Logik nicht, „mehr Macht zu haben“, sondern die Entscheidungsbedingungen zu gestalten: Wer entscheidet? Nach welchen Regeln? Welche Erwartungen sind legitim?
Für die Kirche bedeutet das, Entscheidungsprämissen transparent zu machen. Viele Konflikte entstehen, weil die Prämissen unsichtbar sind: Es ist oft unklar, wer eigentlich wofür zuständig ist. Machtsensible Kirchenleitung sorgt dafür, dass die Bedingungen von Entscheidungen sichtbar werden. Denn dort, wo Macht unsichtbar bleibt, entstehen Verletzungen – und es wächst die Versuchung, Macht informell oder pastoral zu legitimieren, statt sie formell zu verantworten.
3. French & Raven: Machtbasen – und die Frage, welche Machtformen Kirche nutzt
French und Raven beschreiben klassisch sechs Machtbasen:[3] legitime Macht aus der Position, Belohnungsmacht, Zwangsmacht, Informationsmacht, Expertenmacht und Vorbildmacht. Moderne Organisationen bewegen sich zunehmend weg von Zwang und Position hin zu Kompetenz, Vertrauen und Glaubwürdigkeit.
In der Kirche ist diese Verschiebung bislang nur begrenzt angekommen. Hier wird Führung noch immer primär aufgrund theologischer (oder juristischer) Kompetenz besetzt, nicht aufgrund von Führungskompetenz. Das verstärkt legitimierte Amtsmacht und schwächt die Professionalität von Leitung. Machtsensible kirchliche Führung fragt daher: Wie bauen wir Vertrauen, Orientierung und Expertise auf, sodass Macht geteilt werden kann, ohne Wirkung zu verlieren? Das ist auch der blinde Fleck, den z.B. der Deloitte-Bericht aus Westfalen offenlegt.
4. Deutungshoheit und Sensemaking (Karl Weick) – und die theologische Macht über Sinn
Karl Weick beschreibt Organisationen als Sinnproduzenten.[4] Wer Deutungsrahmen prägt, beeinflusst Verhalten und Wahrnehmung. Führung ist daher immer auch Deutungsarbeit. In Kirchenräten, Synoden und theologischen Diskursen ist diese Macht der Deutung besonders sichtbar – und zugleich besonders umkämpft.
Kirche ist ein Ort der Deutung existenzieller Fragen: Leben, Tod, Hoffnung, Schuld, Freiheit, Gnade. Wer diese Deutungen prägt, hat enorme Macht. Machtsensible theologische Leitung öffnet daher Räume, in denen verschiedene Stimmen und Perspektiven nebeneinanderstehen dürfen. Evangelische Freiheit lebt davon, dass Widerspruch möglich ist – nicht davon, dass Deutung monopolisiert wird. Hier haben auch die theologischen Fakultäten zu lernen: Der Konstruktivismus ist in der Theologie noch lange nicht angekommen, wie selbst in Dresden wieder sichtbar wurde.
5. Lernen und Systemdenken (Peter Senge) – und Lernen als geistlicher Prozess
Peter Senge beschreibt Organisationen als lernende Systeme:[5] Rückkopplungen, Feedbackschleifen und Kritikfähigkeit entscheiden darüber, ob eine Organisation sich weiterentwickeln kann. Macht kann Lernen entweder fördern – oder blockieren.
Für Kirche bedeutet das: Lernen ist nicht nur organisatorisch, sondern geistlich. Fehlerkultur heißt nicht nur: „Wir entschuldigen uns“, sondern: „Wir ändern Strukturen, die Fehler begünstigen.“ Aufarbeitung, Evaluation, Feedback in Gemeinden und Einrichtungen sind Formen geistlicher Erneuerung – Formen von Umkehr. Eine machtsensible Kirche lernt strukturell, nicht nur moralisch.
6. Balance von Autonomie und Steuerung (Stafford Beer) – und kirchliche Subsidiarität
Stafford Beer betont, dass lebensfähige Systeme eine Balance brauchen:[6] Autonomie auf den unteren Ebenen und gleichzeitig Koordination im Gesamtsystem. Ohne Autonomie erstarrt ein System, ohne Koordination zerfällt es.
Kirche hat genau dieses Spannungsfeld: Gemeinden, Dekanate, Landeskirchen und Werke brauchen sowohl Entscheidungsfreiheit als auch Rückkopplung. Machtsensible Leitung hält diese Balance: lokal ermöglichen, zentral koordinieren, gemeinsam reflektieren. Machtverteilung heißt nicht Machtauflösung, sondern Struktur für ein vitales Ganzes.
7. Autopoiesis und Resonanz (Maturana/Varela) – und Reformfähigkeit der Kirche
Maturana und Varela sehen Organisationen als autopoietische Systeme:[7] Sie reagieren nur auf das, was innerlich anschlussfähig ist. Führung kann nicht steuern im Sinne von Anordnen, sondern nur irritieren, Resonanz ermöglichen, Sinnangebote machen.
Kirchliche Reformen scheitern oft daran, dass sie „von außen“ eingetragen werden. Eine machtsensible Kirchenleitung setzt auf Einladung statt auf Druck, auf Beteiligung statt auf Durchgriff. Sie schafft Resonanzräume, in denen sich Kirche geistlich wie organisatorisch erneuern kann. Veränderung gelingt nur, wenn das System innerlich darauf antworten kann.
8. Psychologische Sicherheit (Amy Edmondson) – und Schutzräume im kirchlichen Kontext
Edmondsons Forschung zeigt: Teams lernen nur, wenn psychologische Sicherheit besteht.[8] Machtgefälle sind der Hauptgegner von Offenheit.
In kirchlichen Kontexten gilt dies doppelt: Hier geht es um Vertrauen, Seelsorge und existenzielle Fragen. Wo Menschen Angst haben, Widerspruch zu äußern oder Fehler einzugestehen, wird auch der Glaube eng. Machtsensible Kirche baut daher Strukturen, die Sicherheit ermöglichen: Beschwerdewege, Ombudsstellen, Supervision, Transparenz. Sie sagt nicht: „Vertraut uns“, sondern: „Ihr dürft uns prüfen.“
Kirche im Licht der systemischen Einsichten
Aus all diesen systemischen Einsichten entsteht ein gemeinsames Bild:
Machtsensible Führung versteht Macht als Kommunikationsmedium, macht Entscheidungswege transparent, teilt Verantwortung, fördert Diversität, ermöglicht Feedback, achtet auf Autonomie und Resonanz. Und all das ist handwerklich lernbar.
Kirche hat dieses Wissen über Jahrzehnte ignoriert – und muss deshalb jetzt umso intensiver über Macht und Führung nachdenken. Wer Führung nur theologisch betrachtet, aber nicht systemisch versteht, wird Macht immer moralisch diskutieren, nie strukturell bearbeiten oder gar konstruktiv gestalten. Was man über die Zusammenarbeit in landeskirchlichen Kollegien hört, ist erschütternd, und wird oft nur von Theologischen Fakultäten übertroffen…. Aber das muss ja nicht so bleiben.
Kirche trägt mehrere Logiken gleichzeitig: Sie ist Institution, Organisation und Bewegung; Verwaltung, Glaubensgemeinschaft und Symbolsystem. Gerade deshalb wird Macht oft unsichtbar – oder geistlich überhöht. Das macht machtsensible Führung nicht einfacher, aber notwendiger.
1. Macht sichtbar machen
Eine Kirche, die sagt: „Hier hat niemand Macht“, verhindert Verantwortung. Macht benennen heißt, Macht begrenzen zu können.
2. Lernen als geistlicher Prozess
Fehlerkultur braucht strukturelle Veränderung, nicht nur Moral.
3. Machtverteilung statt Auflösung
Subsidiarität ist Balance, nicht Beliebigkeit.
4. Sinn und Deutung als Machtfaktor
Theologische Führung muss Räume öffnen statt Deutung monopolisieren.
5. Sicherheit und Schutz
Psychologische Sicherheit ist nicht Luxus, sondern Grundlage geistlichen Lebens.
6. Selbstorganisation und Resonanz
Kirche verändert sich durch innere Bewegungen, nicht durch äußere Anordnung.
Machtsensible Führung in der Kirche bedeutet:
Macht wird reflektiert, geteilt und transparent gemacht.
Sie dient nicht der Selbsterhaltung, sondern dem Leben.
Führung ist die Kunst, Macht zu teilen, ohne Wirkung zu verlieren.
[1] So u.a. bei seinem Vortrag vor der Synode der EKD in Dresden, nachzusehen hier: https://www.youtube.com/watch?v=fvx7uz0zw_4 (21.12.2025).
[2] Luhmann, N. (2012): Macht, Konstanz 4. Aufl.
[3] French, J. R. P./Raven, B. (1959): The bases of social power. In: Cartwright, D. (Hg.): Studies in Social Power. Ann Arbor, S. 150-165.
[4] Karl E. Weick (1995), Sensemaking in Organizations, Thousand Oaks.
[5] Peter M. Senge (2011): Die fünfte Disziplin. Kunst und Praxis der lernenden Organisation, Stuttgart 11. Aufl.
[6] Stafford Beer (1994): Brain oft he Firm, Chichester et al. 2. Aufl.
[7] Wolfgang Böcher (1996): Humberto Maturana und Francisco Varela: Die Autopoiese. In: Selbstorganisation, Verantwortung, Gesellschaft, Wiesbaden.
[8] Amy Edmondson (1999): Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44, 350–383.
Lars Charbonnier
Dr. Lars Charbonnier ist Geschäftsführer der Akademien für Kirche und Diakonie in Berlin.