Zayya zu Ehren

Elf Kilo Butter, elf Kilo Mehl und ganz viel Kirchengeschichte
Seit Stunden sitzen sie hier schon und rühren: „Da darf nichts anbrennen.“
Foto: Katja Dorothea Buck
Seit Stunden sitzen sie hier schon und rühren: „Da darf nichts anbrennen.“

Ende Januar kocht Familie Brakhia in Beirut wieder Mordukha. So wird an den Todestag des Heiligen Zayya erinnert. Bereits im vergangenen Mai, zu Zayyas Geburtstag, bekam die Journalistin und Religionswissenschaftlerin Katja Dorothea Buck eine große Portion dieses mächtigen Breis vorgesetzt und erfuhr dabei viel über die Geschichte der Assyrischen Kirche des Ostens. Sie war einst die größte Kirche weltweit. Heute besteht sie nur noch aus wenigen Gemeinden.

Sie könne nicht genau erklären, was Mordukha ist, sagt Viviane Brakhia am Telefon. Das müsse man selbst einmal probiert haben, um es zu verstehen. Am Samstagabend sei es mal wieder so weit. Dann würden sie Mordukha zu Ehren des Heiligen Zayya kochen. Gäste sind willkommen. Es ist Ende Mai, und vom Beiruter Stadtzentrum sind es mit dem Taxi nur 20 Minuten bis nach Sedl Bouchrieh, wo Viviane mit ihrer Mutter wohnt.

Auf der Terrasse hinter dem Haus ist die Party schon in vollem Gange. Vivianes Geschwister sind mit ihren Familien gekommen, außerdem ein paar Cousinen und Cousins sowie einige Nachbarn. Alle haben Kuchen, Brot oder Salat mitgebracht. Die wird es später geben. Die Gesellschaft hat sich um einen riesigen Alutopf versammelt, der auf einem Gaskocher steht. Mit einem mächtigen Spatel rührt Vivianes Bruder George kräftig in einer undefinierbaren, dicken, braunen Masse. „Das darf nicht anbrennen“, sagt seine Mutter. Sie hat sich neben den Sohn gesetzt und beobachtet genau, dass hier nichts falsch läuft. Elf Kilo Butter und elf Kilo Mehl hätten sie dieses Mal verwendet, erklärt Viviane und grinst über die ungläubige Reaktion der Besucherin. „Sonst nichts?“ „Sonst nichts!“ Seit Stunden würden sie hier schon sitzen und rühren. Irgendwann würden noch ein bisschen Wasser und Salz dazukommen. Dann sei die Mordukha fertig.

„Wer will noch mal, wer hat noch nicht?“ George hat den Holzspatel aus der Masse gezogen und reicht ihn in die Runde. Alle müssen beim Rühren mithelfen, das gehört dazu. Und alle sollen sich beim Rühren etwas wünschen oder ein Gebet sprechen. Auch das gehört zu einer richtigen Mordukha. Wenn sie dann fertig sei, würde sie an die ganze Nachbarschaft verteilt, kündigt George an. „Das ist so ein bisschen wie das heilige Abendmahl“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Allerdings könne man sich bei dieser Art der Kommunion mächtig den Magen verrenken. Elf Kilo Butter sind eine Ansage.

Seit einigen Jahren laden die Brakhias immer Ende Mai zu diesem Fest ein. Es ist ihre Form, eine Tradition lebendig zu halten, die eng mit der Geschichte ihrer Kirche und ihrer eigenen Familie verbunden ist. Gefeiert wird der Geburtstag des Heiligen Zayya, der am 26. Mai im Jahr 309 in Jerusalem geboren worden sein soll. Er war ein Wanderprediger, Wunderheiler und Missionar. Nach Mesopotamien zog er aus und missionierte in Bagdad, Mossul und im Hakkari-Gebirge, das im heutigen Grenzgebiet zwischen Irak, Iran und der Türkei liegt. Mehr als 200 Tote soll er wieder zum Leben erweckt, mehrere Tausend von allen möglichen Krankheiten geheilt haben.

Milch weinende Steine

In Gawar, dem Ort, aus dem Familie Brakhia ursprünglich stammt, soll er eine Kirche gebaut haben, in der er dann auch beerdigt wurde. Das war im Jahr 431, sagen diverse Heiligen-Lexika. Der Heilige Zayya muss sehr alt geworden sein. „Er ist der Schutzpatron unseres Dorfes. Und an ihn wollen wir mit der Mordukha erinnern“, erklärt George und rührt weiter. Dass Gawar heute Yüksekova heißt und rund 1 300 Kilometer entfernt liegt, scheint keine große Rolle zu spielen. Auch nicht, dass niemand der Feiernden je in Gawar/Yüksekova war. Das Dreiländereck Türkei-Iran-Irak gilt als unsicher. Zwischen der türkischen Armee und kurdischen Milizen, die für einen eigenen Staat kämpfen, kommt es dort immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen.

Die Kirche aus dem fünften Jahrhundert gebe es noch, sagt George, allerdings sei sie nicht mehr in Funktion. Es gebe auch eine Wundergeschichte vom Bau der Kirche vor mehr als 1500 Jahren, von Steinen, die Milch weinten. So ganz genau wisse er das aber nicht. Die Heilige Apostolische und Katholische Assyrische Kirche des Ostens, wie die Kirche, zu der Familie Brakhia gehört, offiziell heißt, kann auf viele Heilige wie Zayya verweisen, die in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung nach Osten auszogen und den neuen Glauben zu den Menschen außerhalb des Römischen Reiches brachten. Über Indien bis nach China schafften sie es, gründeten Gemeinden und tauften Menschen. Zwischen dem 7. und dem 14. Jahrhundert war die Assyrische Kirche die weltweit größte.

Dass sie „katholisch“ in ihrem Namen führt, hat nichts mit einer Verbindung zur Römisch-Katholischen Kirche zu tun. Im Gegenteil. Die Assyrische Kirche war die erste, die sich beim Konzil von Ephesus 431 wegen theologischer Differenzen über die Natur Christi von den anderen Kirchen trennte. „Katholisch“ meint in diesem Zusammenhang „allgemein“ oder „allumfassend“. Heute ist von ihrer einstigen Größe nicht mehr viel übrig.

Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts war das Hakkari-Gebirge eines der Hauptsiedlungsgebiete der assyrischen Christen. In Qudschanis (heute Konak) hatte das Assyrische Patriarchat über mehrere Jahrhunderte seinen Sitz. Und in Dörfern wie Gawar lebten fast nur Christen, vielleicht noch ein paar wenige Juden. Heute gibt es in dieser Gegend so gut wie keine Christen mehr und auch keine Juden. Vivianes und Georges Großvater ist noch in Gawar geboren. Er war ein Kind, als die so genannten Jungtürken zur treibenden Kraft am Ende des Osmanischen Reiches wurden. In ihrem Plan von einem ethnisch und religiös einheitlichen Staat hatten alle, die nicht sunnitisch-muslimisch und türkisch-stämmig waren, keinen Platz mehr. Und wenn eine Minderheit in den Wirren des Ersten Weltkriegs auch noch Schutz bei anderen Mächten wie dem Russischen Zaren oder den Kolonialmächten England und Frankreich gesucht hatte, war dies für die Jungtürken der Vorwand, um mit aller Brutalität gegen diese Gruppen vorzugehen. Ab 1915 brachten sie systematisch die Männer und Jungen unter den armenischen, aramäischen, assyrischen, chaldäischen und griechischen Christen um. Die Frauen und Kinder, die bei den Massakern nicht umkamen, trieben sie in die Flucht. Diese endete oft genug auch tödlich.

„Mein Großvater überlebte nur, weil seine Mutter ihn zusammen mit seiner Schwester und einem Cousin in einem Mauerloch im Haus in Gawar verstecken konnte“, erzählt Viviane. Der Vater, die anderen Geschwister, die Großeltern, alle Onkel und Tanten seien getötet worden. Sie zählen zu den 25 000 Assyrern, die damals allein in der Provinz Hakkari umgebracht wurden. Die Mutter floh mit den drei Kindern erst in den Iran und später nach Russland, wo Vivianes und Georges Großvater heiratete. „Meine Großmutter war bei der Eheschließung noch sehr jung, vielleicht zehn oder elf Jahre alt“, erzählt Viviane. „In ihrer Familie war sie die Einzige, die den Genozid überlebt hatte.“ Mit der Heirat sei sie dann endlich wieder versorgt gewesen.

Die Glocken der benachbarten Georgskirche läuten zum Abendgebet. Die Mordukha ist noch nicht fertig. In die Kirche zieht es jetzt niemanden. An anderen Tagen ist Viviane immer wieder in der Kirche zu finden. Gebaut hat sie ebenjener Großvater zusammen mit anderen assyrischen Christen, die ebenfalls in den 1930er-Jahren in den Libanon gekommen waren. „Sie haben gleich begonnen, Land zu kaufen“, erzählt Viviane. „Mein Großvater hat immer gesagt, dass man die eigene Identität und Kultur nur bewahren könne, wenn man Land besitze.“

Nach dem Genozid 1915 war die Frage nach einem eigenen Land für die assyrischen Christen zentral geworden. Das damalige Kirchenoberhaupt, Mar Eshai Shimun XXIII., der sich auch als politischer Führer verstand, hatte sich dafür bei den damaligen Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich immer wieder stark gemacht. Sogar vor dem Völkerbund durfte er einmal die Interessen seines Volkes vortragen. Doch wie die Kurden gingen damals auch die Assyrer leer aus.

Und es kam noch schlimmer. Wegen seiner politischen Ambitionen erklärte die irakische Regierung Mar Shimun XXIII. zur persona non grata und verbannte ihn 1933 ins Exil, erst nach Zypern, später dann in die USA. Ab 1940 hatte die Assyrische Kirche ihren Sitz in Chicago, während das Kirchenvolk als Geflüchtete im Irak, in Syrien oder eben im Libanon einen Neuanfang versuchte.

In Beirut hatten assyrische Christen mit der Georgskirche einen Anlaufpunkt. Die Gemeinde wuchs. Bald schon machte die Kirche gleich nebenan eine eigene Grundschule auf. Ein assyrisches Viertel entstand. Doch auch diese Zeiten sind vorbei. Seit Jahrzehnten wird die Gemeinschaft der assyrischen Christen im Libanon immer kleiner. Wer kann, wandert nach Europa, Australien oder Amerika aus. Bürgerkrieg, Krieg und Krisen bieten Gründe genug für die Auswanderung. Und wenn man wie die assyrischen Christen im Libanon nicht einmal auf eine lange Geschichte vor Ort zurückblicken kann, den hält es noch weniger. Es fehlen die Wurzeln. Der Großvater habe immer davon geträumt, nach Gawar zurückzukehren und dort auch begraben zu werden, erzählt Viviane. Vergebens. „Er liegt auf dem kleinen assyrischen Friedhof hier in Beirut.“

Die Mordukha ist jetzt fertig. Vivianes Mutter gibt das Zeichen, dass jetzt das kochende Salzwasser hinzugefügt werden kann. Die teigige Mehlschwitze wird auf einmal cremig. Noch dampfend, werden kleine Portionen auf Teller gegeben, und jeder holt sich ein Fladenbrot, um es zusammen mit der Mordukha zu essen. Auf Plastiktellern werden die Portionen vorbereitet, welche Viviane morgen in der Nachbarschaft verteilen wird. „Alle freuen sich, wenn sie etwas abbekommen. Das schweißt uns als Gemeinschaft zusammen“, sagt sie. Je kleiner die Gruppe werde, umso wichtiger seien solche Traditionen. Anfang Januar wird dann in Sedl Bouchrieh wieder Mordukha gekocht. Dann ist nämlich der Todestag des Heiligen Zayya. 


 

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Katja Dorothea Buck

Katja Dorothea Buck ist Religionswissenschaftlerin und Politologin und arbeitet seit vielen Jahren zu religiösen Minderheiten und Religionsfreiheit im Nahen Osten.   

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