„Ich bin wirklich sehr zuversichtlich“
zeitzeichen: Herr Dr. Foltin, in Ihrem Bericht vor der Synode in Dresden haben Sie davon gesprochen, dass auf der EKD-Klima-Roadmap zur Treibhausgasneutralität ein weiterer Meilenstein erreicht wurde. Inwiefern?
OLIVER FOLTIN: Weil der Klimabericht seit diesem Jahr aus zwei Teilen besteht, Roadmap Monitoring und Treibhausgasbilanzierung. Wir wissen nämlich jetzt, wieviel Treibhausgase jeweils in den 20 Gliedkirchen der EKD ausgestoßen werden. Und wir können diesen Wert, den wir künftig zweijährlich ermitteln, in Beziehung setzen zu den Klimaschutzmaßnahmen in den Landeskirchen. So können wir sehr gut nachvollziehen, wie sich welche konkreten Schritte einer Landeskirche auf die Treibhausgasbilanz auswirken. Und die Landeskirchen können hoffentlich frühzeitig gegensteuern, wenn sich abzeichnet, dass das angestrebte Ziel verfehlt wird.
Wie bewerten Sie denn die Qualität der gesammelten Daten?
OLIVER FOLTIN: Sie sind deutlich aussagekräftiger als im vergangenen Jahrzehnt. Damals enthielten die Berichte meistens eine kleine Tabelle auf einem Drittel der Seite und auf dem Rest der Seite Fußnoten zu unterschiedlichen Erhebungen, Methodiken, Abgrenzungen und so weiter. Es gab also viele Ungenauigkeiten in der Erfassung, das war damals auch noch nicht besser möglich. Mit dem Synodenbeschluss zur Roadmap einher ging dann auch der Auftrag, gemeinsam mit den Landeskirchen zu entwickeln, welche Daten wie auf einheitliche Weise erhoben werden sollen. Und weil jetzt 20 Landeskirchen mit ziemlich identischer Methodik unterwegs sind, ist das mit Blick auf die Daten ein riesiger Qualitätssprung.
Es gibt aber weiter Unsicherheiten.
OLIVER FOLTIN: Ja, denn nur die berlin-brandenburgische Landeskirche hat wegen ihres sehr spezifischen Klimaschutzgesetzes die Energieverbrauchsdaten aller Gebäude erhoben. Bei den 19 anderes Gliedkirchen wurden nur ein bestimmter Prozentsatz erfasst und dann hochgerechnet. Man kann das mit Stichproben so machen, wenn man mindestes 50 Prozent der Gebäude tatsächlich erfasst. Es gibt aber auch vereinzelt Landeskirchen, die noch eher im einstelligen oder sehr geringen zweistelligen Bereich unterwegs sind. Das wird sich aber ändern.
Es verlangt manchmal auch Mut, aus einer Heizungstechnik herauszugehen, die 50 Jahre lang gut funktioniert hat.
Bis zu 80 Prozent der landeskirchlichen Emissionen fallen im Gebäudebereich an. Wie sieht denn die Klimabilanz hier aus?
OLIVER FOLTIN: Der Anteil fossiler Energieträger im kirchlichen Gebäude ist weiterhin noch sehr hoch, höher als im Bundesdurchschnitt. Vermutlich werden sehr viele Anlagen deutlich länger betrieben als in privaten Haushalten oder Gewerbebetrieben. Eine alte Ölheizung in einem Sakralgebäude, die nur am Sonntag hochgefahren wird, hält vielleicht auch länger, als es im privaten Einfamilienhaus der Fall wäre. Und eine neue Heizung für eine solche Kirche kann eine große Investition darstellen. Wobei man sich ja auch die Frage stellen kann, ob tatsächlich das Gebäude beheizt werden muss, oder die Temperierung der Nutzer ausreicht. Etwa durch moderne Infrarot-Sitzbankkissen oder ähnliches. Dann kann das Warmluftgebläse stillgelegt werden.
Drohen dann keine Probleme mit Feuchtigkeit oder Schäden an der Orgel?
OLIVER FOLTIN: Das sind Faktoren, die man berücksichtigen muss, ganz klar. Aber gibt es energiesparende Möglichkeiten und Konzepte, die auch erprobt sind und sehr erfolgreich umgesetzt werden. Es verlangt manchmal auch Mut, aus einer Heizungstechnik herauszugehen, die 50 Jahre lang gut funktioniert hat. Doch wir sollten nicht vergessen: Viele der alten Sakralgebäude waren über hunderte von Jahren gänzlich ohne Heizung und gar nicht darauf ausgelegt. Wir sollten aber nicht nur auf die einzelnen Gebäude schauen.
Was meinen Sie damit?
OLIVER FOLTIN: Über dem Ganzen schwebt ja im kirchlichen Kontext auch eine Frage, die zunächst nichts mit Klimaschutz zu tun hat. Wie viele Gebäude werden in Zukunft noch gebraucht und welche kann und will sich eine Landeskirche leisten? Diese Bedarfsplanung ist aber bisher nur bei der Badischen Landeskirche abgeschlossen. Gut so, denn daran könnten sich andere Landeskirchen jetzt orientieren. Man muss das Rad ja nicht noch 19-mal neu erfinden.
Auch wenn Fahrten und Flüge im kirchlichen Auftrag nur etwa ein Fünftel der Emissionen ausmachen, müssen auch sie sinken. Wie ist der aktuelle Stand in diesem Sektor?
OLIVER FOLTIN: Bei der Mobilität ist die Lage mit Blick auf die Datenerhebung noch etwas schwieriger. Der Klimabericht erhebt nur die dienstliche Mobilität und lässt die Fahrten der Mitarbeitenden zur Dienststelle oder zum Einsatzort außen vor. Das würde zu komplex. Zudem erfassen wir nur die abgerechnete dienstliche Mobilität, für die auch valide Daten vorlagen. Wobei auch hier mit pauschalen Erstattungen gearbeitet wird. Zum Beispiel ist das Deutschland-Ticket erfreulicherweise im Einsatz. Aber darüber können sie keine Rückschlüsse ziehen über die gefahrenen Kilometer. Die Datenlage ist also noch unsicher, elf Gliedkirchen haben überhaupt nur Daten zur dienstlich erfassten Mobilität geliefert. Deshalb haben wir noch auf eine Hochrechnung verzichtet, haben aber an die Landeskirchen appelliert die Datengrundlage zu verbessern.
Ein Ampelsystem im Klimaschutzbericht zeigt an, wo die einzelnen Landeskirchen stehen. Blau bedeutet "Keine Angaben". Quelle: EKD
Um im Bild zu bleiben – die Landeskirchen sind weiterhin mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten beim Klimaschutz unterwegs.
OLIVER FOLTIN: Ja, und es war ja ausdrücklicher Wunsch der Synode, den Stand der Dinge vergleichend darzustellen. Deshalb haben wir eine Tabelle mit den zentralen Ergebnissen und einem Ampelsystem zusammengestellt. Jetzt wird sichtbar, wer wo steht. Das ist nicht anklagend, sondern motivierend gemeint. Für alle, die auf Rot stehen, sollte das doch Ansporn sein, beim nächsten Bericht zumindest in den hellgrünen Bereich zu kommen.
Aber wollen das die überhaupt alle? Man hatte zu Beginn des Prozesses schon aus einigen Landeskirchen gehört, dass andere Probleme in den Kirchen gerade sehr viel drängender sind, als der Klimaschutz.
OLIVER FOLTIN: Ich habe den Eindruck, dass dieses Mentalitätsproblem tatsächlich überwunden ist. Wenn es irgendwo hängt, dann liegt es oftmals an den geringen Ressourcen. Und nicht alles, was als Rahmen in der Roadmap vorgegeben ist, passt zu jeder Gliedkirche. Sehr kleine Landeskirchen, etwa Schaumburg-Lippe, oder auch die reformierte Kirche als Nicht-Flächenkirche, sind ganz anders aufgestellt als große Landeskirchen. Es gibt aber einen Punkt, an dem alle Landeskirchen mehr tun könnten
Nämlich?
OLIVER FOLTIN: Nämlich zu untersuchen, welche Gebäude mit Photovoltaikanlagen ausgerüstet werden könnten. Auf Turnhallen, Supermärkten und so weiter sind PV-Anlagen mittlerweile die Regel. Es gibt noch große kirchliche Gebäude, auch Nichtsakralgebäude, die durchaus Potenzial haben, was aber noch nicht gehoben ist. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Größere Anlagen sorgen für zusätzliche Einnahmen. Bei kleinen rechnet sich das vielleicht nicht so schnell, aber auch sie sind ein sichtbarer Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung.
"Beharrlich am Thema bleiben, auch wenn die politische Großwetterlage gerade nicht für Rückenwind sorgt. "
Was sind die nächsten Schritte, die jetzt von Ihrer Seite aus wichtig sind, damit sie im nächsten Jahr erneut einen Fortschritt verkünden können?
OLIVER FOLTIN: Das eine ist die Verbesserung der Datengrundlage für Energiemanagement und Treibhausgasbilanzierung. Dann muss mehr geschehen, um einen treibhausgasneutralen Gebäudebestand zu erreichen. Also: Die Gebäudebedarfsplanung fortführen und zügig abschließen, dann festlegen, welche weiterhin genutzten Gebäude werden wann und nach welchen Standards energetisch saniert werden sollen. Und finanzielle Förderung dafür beantragen. Und das Dritte: Beharrlich am Thema bleiben, auch wenn die politische Großwetterlage gerade nicht für Rückenwind sorgt.
Auf einer Skala von 1 bis 10, wie hoch ist Ihre Zuversicht, dass die EKD mit der Klimaroadmap da landet, wo sie landen soll, also am Ende des Tages wirklich klimaneutral arbeitet?
OLIVER FOLTIN: Meine Zuversicht liegt bei acht. Unsicherheiten gibt es natürlich immer, das ist klar. Aber aktuell überwiegt mir der Elan, das, was jetzt an Zahlen und Daten zusammengestellt worden ist, auch in der Fläche mit Maßnahmen umzusetzen. Da bin ich wirklich sehr zuversichtlich. Wenn man da schaut, was in der Fläche passiert, macht mir das sehr viel Mut.
Welches Beispiel macht Ihnen besonders Mut?
OLIVER FOLTIN: Ich greife eines von mehreren heraus, das auf den ersten Blick mit klassischen Klimaschutzmaßnahmen nichts zu tun hat: Die Pop-up-Churches, also neue Arten der Verkündigung, die nicht mehr so gebäudeabhängig sind. Hier greifen Klimaschutz und andere Transformationsprozesse der Kirche ineinander. Das setzt Innovationskräfte frei und macht Mut zum Handeln.
Information:
Der aktuelle Klimaschutzbericht kann hier heruntergeladen werden.
Oliver Foltin
Dr. Oliver Foltin ist stellvertretender Leiter der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg. Er leitet die Fachstelle Umwelt- und Klimaschutz der EKD
Stephan Kosch
Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens. Zudem ist er zuständig für den Online-Auftritt und die Social-Media-Angebote von "zeitzeichen".