Überall ein Fremder

Peter Schlemihls wundersame Geschichte – neu gelesen

Die Kolumne beginnt mit einem Geständnis. Mit dem Eingeständnis, dass ich viele, viele Jahre etwas Wichtiges versäumt habe zu tun. Genauer gesagt: Ich habe versäumt, ein kleines, dünnes Büchlein von rund achtzig Seiten (in der Ausgabe der Insel-Bücherei) zu lesen, ein Büchlein, das eigentlich schnell gelesen ist. Aber es war immer etwas Anderes wichtiger, lag auf dem Stapel oben, verlockte zu lesen. Warum stand das Büchlein seit so vielen Jahren eigentlich zu lesen an? Weil ich es eigentlich schon seit Kindertagen kannte. So halb.

Wie konnte das zugehen? Ich entsinne mich noch sehr gut daran, dass eines Tages in meinem Kindergarten – ein elegantes Schlösschen des neunzehnten Jahrhunderts in Berlin-Lichterfelde – uns Kindern von der damals „Kindergartentante“ genannten Erzieherin verboten wurde, auf die große Terrasse des Gebäudes zum Park hin zu gehen und wir zudem ermahnt wurden, uns auch nicht in der Nähe der Fenster aufzuhalten. Es werde ein Film gedreht. 

Männer mit Zylindern

Natürlich habe ich gerade deswegen durch das Fenster geschielt – und wenn ich mich recht entsinne, wurden wir auch beim täglichen Spaziergang durch den Park nahe an die nämliche Terrasse geführt und sahen Menschen in altertümlichen Kostümen, dazu die Männer mit schwarzen Zylindern. 

Am Wochenende machten meine Eltern mit mir gern Ausflüge im ummauerten West-Berlin, da fuhren wir häufig in den Schlosspark Klein-Glienicke zum Spazieren – und auch da wurde am Wochenende nach den Arbeiten im Garten meines Kindergartens ein Film gedreht. Obwohl ich damals vier oder fünf Jahre alt war, erinnere ich mich genau an den Filmtitel: „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“. Und ich erinnere mich auch noch genau daran, dass der arme Herr Schlemihl seinen Schatten verloren hatte und dass ich als Kind darüber grübelte, wie man es wohl hinbringen könne, seinen Schatten zu verlieren.

Vor einigen Tagen habe ich nun nach vielen Jahren erstmals die Geschichte gelesen, von der ich schon so lange weiß. Und dafür ist die Akademie verantwortlich, die ich seit einigen Jahren leite. Dort wird nämlich gerade darüber diskutiert, ob man die Werke des Berliner Schriftstellers und Naturforschers Adalbert von Chamisso nicht endlich einmal historisch-kritisch edieren solle – und um mich auf diese Diskussion vorzubereiten, informierte ich mich erst einmal gründlicher über diesen 1781 in der Champagne geboren französischen Adligen, dessen Eltern mit dem Kind vor der französischen Revolution nach Deutschland und Berlin flohen. Adalbert, der eigentlich auf die Namen Louis Charles Adélaïde getauft worden war, besuchte das noch heute bestehende Berliner Französische Gymnasium und arbeitete dann als Page am Hof der (ziemlich wunderlichen) Königinwitwe. 

Eine Doppelbegabung

Dann tat er eine Weile im preußischen Militär Dienst, bevor er sich in Berlin als freier Schriftsteller und Naturforscher betätigte. Seit 1819 arbeitete er als Kustos am Botanischen Garten, der damals noch am heutigen Kleistpark beim Dörfchen Schöneberg vor den Toren von Berlin lag, wurde 1835 auf Vorschlag Alexander von Humboldts zum ordentlichen Mitglied meiner Akademie gewählt und starb am 21. August 1838 im Alter von 57 Jahren in Berlin an Lungenkrebs. 

Chamisso war offenkundig eine Doppelbegabung: ein begnadeter Naturforscher einerseits und ein talentierter Schriftsteller andererseits. Von seiner freundschaftlichen Verbindung zu den gleichfalls schriftstellerisch tätigen Zeitgenossen Julius Eduard Hitzig und Friedrich de la Motte Fouqué im „Nordsternbund“ geben die Widmungsbriefe von „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“ Kunde, E.T.A. Hoffmann und Karl August Varnhagen erwähnen ihren Freund Chamisso aus der Runde der „Serapionsbrüder“ in ihren Dichtungen und Texten. Zum „Nordsternbund“ gehörte auch der mit Chamisso befreundete spätere Berliner Theologieprofessor August Neander.

1813, als es noch einmal so schien, als ob Napoleon Europa dominieren werde und der Franzose Chamisso in Berlin keinen leichten Stand hatte, schrieb er in einem kleinen, heute zerstörten Schlösschen im Oderbruch jenes so berühmte Märchen unter dem Titel „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“. Das Büchlein gibt sich als Lebensbeichte eines Menschen, der dem als Kaufmann verkleideten Teufel seinen Schatten verkaufte und dadurch scheinbar zu großen Reichtum kam, in Wahrheit aber in großes Elend stürzte. Auf den ersten Blick ein schwungvoll erzähltes Märchen, auf den zweiten Blick eine verkappte Beschreibung der Lebensumstände des Autors, von Adalbert Chamisso, zur Abfassungszeit.

Rastloser Naturforscher

So, wie der vom Teufel um seinen Schatten gebrachte Protagonist allen Menschen unangenehm auffällt, fiel vermutlich der Franzose Chamisso überall in Berlin unangenehm auf. Der verkleidete Teufel gibt Schlemihl für seinen Schatten einen Beutel voller Geld, in dem das Geld wundersamerweise niemals alle wird. Damit spielt der Autor wahrscheinlich auf seine Erfahrung an, dass die Fremdheitserfahrung eines Franzosen in Berlin im Jahre 1813 auch nicht mit Geld und guten Worten zu überwinden war.

Im zweiten Teil des Märchens von Peter Schlemihl wirft der Held dieses besondere Säckchen in den Abgrund und widersteht – auch um den Preis des Verlusts seiner großen Liebe – dem Vorschlag des Teufels, den Schatten für seine Seele wieder zurückzubekommen. Schlemihl entsagt seiner Liebe und zieht ohne Schatten als Naturforscher durch die Welt. Mit dem letzten Geld kauft er ein paar solide Wanderstiefel, die sich als Siebenmeilenstiefel erweisen, mit denen es geschwinde durch alle Erdteile geht: „Durch frühe Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu einem reichen Garten gegeben, das Studium zur Richtung und Kraft meines Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft“. Der schattenlose Schlemihl wird zu einem rastlosen Naturforscher, der durch alle Welt zieht und Tiere, Pflanzen und Steine einsammelt.

Dass Chamisso sich in der Figur des „Peter Schlemihl“ offenkundig selbst portraitierte, wird durch eine bezaubernde Zeichnung seines Freundes E.T.A. Hoffmann deutlich, die dieser drei Jahre nach der Veröffentlichung der wundersamen Geschichte anfertigte. Chamisso, erkennbar portraitiert, fährt zum Nordpol mit einem Schiff, an dessen Bug eine Fahne flattert „Schlemihl for ever“. Im Heck des Schiffs segeln allerlei Tiere mit, darunter ein Eisbär („Zoologisches Museum“ überschrieben); im Bug liegen Pflanzen und Steine („Botanisches Museum“). Der eine langstielige Pfeife rauchende Chamisso betrachtet eine Pflanze, der Nordpol reicht ihm einen Stein.

Chamisso als Peter Schlehmil, gemalt von E.T.A. Hoffmann

E.T.A. Hoffmann, Zeichnung 1816: „Schlemihl segelt zum Nordpol und wird von demselben freundlich empfangen. Für Hitzig gezeichnet“ (Sammlung der Zeichnungen im Kupferstichkabinett – Staatliche Museen zu Berlin, Inv.: SZ Nr. 1; © Staatsbibliothek zu Berlin)

Tatsächlich war Chamisso schon 1815 aus Berlin als Teilnehmer einer Forschungsreise eines russischen Kapitäns aufgebrochen, der „Rurik“-Expedition, die sich auf die Suche nach der legendären Nordostpassage gemacht hatte und bis 1818 im Pazifik Polynesien, Mikronesien und Hawaii sowie das damals noch russische Alaska erforschte. Chamisso fand und dokumentierte dabei viele unbekannte Pflanzenarten, über 2500 Stück umfasste das leider im Zweiten Weltkrieg verlorene Herbarium. Außerdem deckte er Naturgesetze wie den Generationswechsel bei den Salpen auf, die noch Darwin beeindruckten. Nach ihm, der Alaska kartographierte, wurde die neu entdeckte „Chamisso-Insel“ benannt, die auch noch heute seinen Namen trägt. Als Chamisso von der vorzeitig abgebrochenen Expedition zurückgekehrt war, blieb er allerdings im Unterschied zu seinem Protagonisten Peter Schlemihl in Berlin wohnen und arbeitete im Botanischen Garten als Kustos des Herbariums. Seine freie Zeit verbrachte er mit dem Schreiben von Gedichten und Erzählungen, aber auch mit mildtätigen Aktivitäten für arme Menschen in Berlin und sozialkritischer Prosa. 1836 veröffentlichte er sogar noch einen fesselnd geschriebenen Bericht von seiner Weltreise.

Chamisso bewohnte seit 1822 ein Haus in der Friedrichstraße in Berlin-Kreuzberg, von dem aus er bis zu seinem Tode fast zwanzig Jahre lang jeden Tag morgens den rund fünfundvierzigminütigen Fußweg in den Botanischen Garten antrat und nachmittags wieder zurück ging. Heute findet sich am nach Kriegszerstörungen neu aufgebauten Haus in Berlin eine Gedenktafel, die einen sehr charakteristischen Satz des Dichters und Botanikers trägt: „Ich bin Franzose in Deutschland und Deutscher in Frankreich, Katholik bei den Protestanten, Protestant bei den Katholiken, Jakobiner bei den Aristokraten und bei den Demokraten ein Adliger … Nirgends gehöre ich hin, überall bin ich der Fremde“. Dieses Gefühl eines Fremden, der nirgendwo dazugehört, immer als Naturforscher auf Wanderschaft ist und mit Siebenmeilenstiefeln durch die Welt eilt, hat Chamisso in seinem Märchen „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ gestaltet.

Die Wissenschaft und der Teufel

Vielleicht war es gut, dass ich dieses dünne Heftchen erst jetzt gelesen habe, in einem Alter, in dem ich mit der wundersamen Geschichte zugleich auch den Blick auf seinen Autor werfen kann und die Kontexte besser verstehe. Den Film, der vor meinem Kindergarten und am Schloss Klein-Glienicke gedreht wurde und 1967 in die Kinos gekommen ist, habe ich mir übrigens auch bestellt. Mich interessiert brennend, ob ich als Kindergartenkind zu sehen bin, wie ich verbotenerweise aus dem Fenster schaue.

Peter Schlemihl verschreibt sich in der Erzählung Chamissos dem Teufel, widersteht aber der Versuchung, dem Widersacher Gottes die ganze Seele zu überschreiben. Vermutlich hätte ich, wenn ich das Märchen als Kind gelesen hätte, auch diesen zentralen Zug des Märchens von Adalbert von Chamisso nicht verstanden. Aber heute ist mir klarer, dass sich vor allem im zwanzigsten Jahrhundert viele Menschen dem Teufel verschrieben haben, gerade auch Wissenschaftler dem nationalsozialistischen Deutschland, aber doch ihre Seele retten konnten und sich nach anfänglichem Zögern von dem schlimmen Regime distanzierten. Wer einmal den Bund mit dem Teufel eingeht, so kann man bei Chamisso lesen und von Schlemihl lernen, bleibt sein Leben lang gezeichnet, aber kann dem Widersacher schlussendlich entkommen. Gott spielt bei Chamisso keine Rolle. Der ist abwesend. Dabei hilft er, wenn der Teufel versucht. In welcher Gestalt auch immer. Das haben auch viele Menschen erfahren, nicht nur im vergangenen Jahrhundert.

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