Von jüdischen Rächern
Nein, es gab nie den „jüdischen Rachegott“ des Alten Testaments, und das biblische Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ist als eine Mahnung zu verstehen, übermäßige Rache zu verhindern. Aber Rachegefühle sind menschlich – und wann und wie sind sie zu bändigen? Dies war eine der schwierigen Fragen, die ein hoch interessantes Filmseminar der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Wiesbaden zu klären versuchte. „zeitzeichen“-Redakteur Philipp Gessler hat zugehört. Und bewegende Filme gesehen.
Zunächst die erstaunlichste Zahl: Wie viele Menschen sind nach dem Zweiten Weltkrieg wegen ihrer Beteiligung am Holocaust aus Rache von Juden getötet worden? Natürlich gibt es dazu keine genauen Zahlen, bestenfalls Schätzungen von Historikerinnen und Historikern. Die aber gehen davon aus, dass es zwischen 1.000 und 1.500 Menschen (meist Männer) waren, getötet von rund 200 bis 250 jüdischen „Rächern“, so der häufig genutzte Ausdruck. Das ist nachzulesen im Buch „Nakam“, vor drei Jahren veröffentlicht von der israelischen Historikerin Dina Porat, die als „Chefhistorikerin“ der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gilt. 1.500 Menschen gegen sechs Millionen Menschen. Ist das zu wenig? Darf man so überhaupt fragen?
Solche Fragen drängten sich auf bei einer mehrtätigen Tagung mit dem etwas sperrigen Titel „Rache – Kulturelle Inszenierung im Film. Zwischen Antisemitismus, Selbstermächtigung und Projektion“. Organisiert wurde das Seminar in Wiesbaden von der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland, genauer von dessen Direktor Doron Kiesel und der Filmwissenschaftlerin Lea Wohl von Haselberg. Es wechselten sich fünf Vorträge und sechs Filme ab. Filmeseminare des Zentralrats zu aktuell brennenden Themen in der hiesigen jüdischen Community sind fast schon zu einer jährlichen Tradition geworden, die in der Regel in Kooperation und im Gebäude der Murnau-Stiftung gepflegt wird. Diese Stiftung hat sich der Bewahrung, Erschließung und Problematisierung der deutschen Filme des 20. Jahrhunderts verschrieben. Zu diesem jahrzehntealten Filmmaterial gehören auch einige Nazistreifen, die im Giftschrank verwahrt sind, aber selbstverständlich nicht vernichtet werden dürfen, will man sich nicht dem Vorwurf der Verdrängung aussetzen.
Schwieriges Umfeld
Nun also das Thema „Rache“ im Film. Im Jüdischen Museum Frankfurt gab es vor drei Jahren die Ausstellung „Rache: Geschichte und Fantasie“, die sowohl beim Publikum wie im Feuilleton gut ankam. Aber das Thema bleibt sperrig, zumal das zeitliche Umfeld der Wiesbadener Tagung schwieriger kaum sein könnte: Das Massaker der Hamas an Israelis mit über 1.200 Toten am 7. Oktober 2023 hat auch das hiesige Judentum traumatisiert oder re-traumatisiert. Weil der blutigste Massenmord an Juden seit dem Holocaust eben sehr stark an ihn erinnerte. Weil Freunde und Familienangehörige in Israel direkt betroffen waren. Weil in einer so verrückten wie schrecklichen Volte seitdem eine Welle des Antisemitismus durch die westliche Welt schwappt. Weil Solidarität mit der jüdischen Minderheit dort in der Regel nur sehr spärlich und kurz aufkam. Weil das Massaker deutlich machte, dass Israel nicht mehr der sichere Hafen ist, den Jüdinnen und Juden weltweit über Jahrzehnte als gegeben betrachtet hatten. Und eben auch, weil die Frage aufkam: War der Krieg der israelischen Armee im Gazastreifen in Reaktion auf das Hamas-Massaker mit Zehntausenden Toten militärisch in dieser Form sinnvoll – oder hatte er eben auch Seiten, die mit dem Begriff „Rache“ für das erlittene Leid passender zu beschreiben wären?
Der Hamburger Judaist und Germanist Sebastian Schirrmeister verwies in seinem Vortrag über „Jüdische Rache“ an die Aussage Hannah Arendts im berühmten Interview mit Günter Gaus 1964: „Wenn man als Jude angegriffen ist, muss man sich als Jude verteidigen.“ Das bedeutet nach der jüdisch-biblischen Tradition einerseits, in der Übersetzung Martin Luthers im 5. Buch Mose (32,25): „Die Rache ist mein, ich will vergelten zur Zeit, da ihr Fuß gleitet.“ Oder sehr ähnlich im Buch der Sprüche (20,22): „Sprich nicht: »Ich will Böses vergelten!« Harre des HERRN, der wird dir helfen.“ Schirrmeister folgert: „Vergeltung ist ein göttliches Privileg.“ Der Mensch sei nach dieser Logik gar nicht in der Lage, „maßvoll Rache zu nehmen“. Andererseits ist die Hebräische Bibel voll von Rachegeschichten. Nur zwei Beispiele: König David nimmt auf ausdrücklichen Befehl Gottes hin Rache an den Amalekitern, und Saul wird sogar als König verworfen, weil er den göttlichen Rachebefehl zur Vernichtung Amaleks nicht bis zum bitteren Ende durchgeführt hat (1. Sam 15,11).
Schlaflose Nächte
Was aber wäre dann „Jüdische Rache“? Schirrmeister erinnerte an den Schriftsteller und Holocaust-Überlebenden Primo Levi der 1960 in seinem Gedicht „Für Adolf Eichmann“ diesem Planer der ‚Endlösung‘ nicht den Tod, sondern ein ewiges Leben voller schlafloser Nächte wünschte, in denen er von seinen Opfern heimgesucht wird. Die deutsch-jüdische Autorin Barbara Honigmann, Kind von Holocaust-Überlebenden, sagte in ihrer Tübinger Poetikvorlesung: „Und wenn ich auch nicht genau weiß, warum ich schreibe und überhaupt zu schreiben begonnen habe, ahne ich, dass das meine kleine Rache ist. Seht mich an: Ich bin noch da, bin nicht zerstört und nichts und niemand wird mich zerstören, solange ich schreibe.“ Schirrmeister bot in Wiesbaden also keine klare Empfehlung für „Jüdische Rache“ an, sondern, passend zu seiner Profession, ein „bescheidenes Plädoyer für die Kraft der Literatur im Angesicht des Unrechts“.
Die Hamburger Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Christine Künzel analysierte „Rape-and-Revenge“-Filme, also ein Genre, in dem eine Rachehandlung als Reaktion auf eine Vergewaltigung dargestellt wird. Der Hintergrund: Rachegedanken etwa von vergewaltigten Frauen waren zwar sicherlich schon immer da, aber vom Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit waren diese weibliche Rache und deren Darstellung verpönt. „Frauen konnten zwar Rachepläne schmieden, mussten sich dann jedoch männlicher Verbündeter bedienen, um die Rache zu vollziehen – wie etwa im Falle der in der Nibelungen-Sage beschriebenen Rache Kriemhilds, die nur durch die Unterstützung des Hunnenkönigs Etzel vollzogen werden kann.“ Auch im modernen Strafrecht ist die Rache geächtet und ausgeschlossen, nicht zuletzt weil sie das staatliche Monopol der Gewaltausübung und Bestrafung in Frage stellt, ja im modernen Denken markiert die Rache einen „blinden Fleck“.
Blinder Fleck
Genau dies stellte Fabian Bernhardt 2021 in seiner Studie „Rache. Über einen blinden Fleck der Moderne“ fest, nämlich dass Rache „keineswegs immer dysfunktional oder von exzessiver Grausamkeit“ sei, sondern in anderen historischen und kulturellen Kontexten als „äußerst elaborierte und kontrollierte Form der Gewaltregulierung“ fungiere. Das ist eine fast schon positive Sicht von Rache. In diese Richtung gehen einige Rape-and-Revenge-Filme. Die Inversion der Vergewaltigungssituation und die damit einhergehende Transformation des Opfers zur selbstbestimmten Akteurin ist häufig ein zentrales Paradigma dieser Erzählungen auf der Leinwand. Die Filmwissenschaftlerin Julia Reifenberger sieht hier eine „Selbstermächtigung der Protagonistin zur Gewaltfähigkeit“ und „eine radikale Form der Selbsttherapie“.
Rache mag ethisch sehr zweifelhaft sein, aber mindestens einen kurzen Augenblick lang kann sie manchmal offenbar zu einer psychischen Entlastung und dem Verlassen der Opferrolle führen. An mehreren Stellen ist das etwa in dem während der Tagung gezeigten Quentin-Tarantino-Spielfilm „Inglourious Basterds“ (2009) zu sehen, der als eine große Rachephantasie an den NS-Mördern gelesen werden kann. Die jüdischen Protagonisten nehmen darin blutigst Rache an ihren Nazi-Verfolgern – bis zur natürlich fiktiven Szene gegen Ende des Films, bei dem jüdische „Rächer“ Adolf Hitler mit einem Maschinengewehr nicht nur töten, sondern geradezu das Gesicht zerfetzen.Der große Filmtheoretiker Georg Seeßlen hat diese Tat mit dem Ausdruck „Hitler kaputt“ auf den Punkt gebracht.
„Aufgeklärter“ Judenhass
Der evangelische Theologe Christian Staffa, Studienleiter an der Evangelischen Akademie zu Berlin und Antisemitismus-Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, erinnerte in seinem Vortrag daran, dass die lange im Christentum tradierten Klischees eines angeblich rachewütigen Jahwe im „Alten Testaments“ als Gott eines imaginierten „rachsüchtigen Volkes“ Israels Ausdruck einer Abgrenzung christlicher Theologen gegen das Judentum sind, meist verbunden mit schlichtem, aber tödlichem Judenhass. Zwar ist in der modernen Theologie schon lange Konsens, dass der scheinbar zur Rache aufrufende Slogan „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ aus der Hebräischen Bibel (Exodus 21,23-25) im wesentlichen ein Gebot zur Eindämmung von Rache ist – aber dieses theologisches Wissen dringt nur sehr langsam in breite Teile der weltweiten Christenheit vor. Interessant ist auch, dass ausgerechnet scheinbar aufklärerisch-religionsferne Denker gerade das Judentum mithilfe von Klischees über seine angebliche Rachsucht besonders kritisch und oft mit antisemitischen Vorurteilen bedacht haben, wie Staffa anhand von Aussagen Voltaires und des modernen Religionskritikers Richard Dawkins zeigen konnte.
Die Ambivalenz des Rachegefühls zeigte der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth auf, der Verleger des Psychosozial-Verlages und außerplanmäßiger Professor an der Goethe-Universität Frankfurt ist. Eine Aktion der Rache könne zwar als eine „befreiende Aktion“ empfunden werden. Ein lang gehegter Rachewunsch aber könne leicht zu einem Gefühl des Ressentiments gerinnen, das den Rache übenden oder erhoffenden Menschen langsam vergifte. Die Folge könne sein, dass dann keine Offenheit mehr herrsche für andere Gefühle, etwa das Gefühl der Empathie oder des Mitleids. Eine Kränkung des Gruppennarzissmus infolge einer Opfererfahrung könne über Generationen weitergegeben werden. Dabei sei Trauer über das eigene, aber auch über fremdes Leid nötig. Menschen müssten ihre Opferrolle überwinden und die Gefühle des anderen besser zu verstehen versuchen, was ein sehr langfristiger Prozess sei. Und spätestens hier war man auf der Tagung in Wiesbaden wieder ganz nahe am so schrecklichen Geschehen des Massakers der Hamas und des israelischen Krieges im Gazastreifen.
Nur ein Prozent
Doch immer wieder ging es auf dem Seminar erneut zurück in die Vergangenheit. Der Jurist und Publizist Achim Doerfer zeigte auf, dass jüdische „Rächer“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit ihren Taten in gewisser Weise das offensichtliche „injustice gap“ (die Gerechtigkeitslücke) zu schließen trachteten. Warum? Da viele Holocaust-Täter unterzutauchen versuchten, Beweise ihrer Untaten zerstört wurden und kaum staatliche Gerichtsbarkeit vorhanden war, etwa weil der Staat Israel erst 1948 entstand. Nach Doerfers Schätzung wurde von den Hunderttausenden deutschen Holocaust-Tätern nur etwa ein Prozent staatlich verurteilt, und das mit häufig lächerlichen Strafen.
In einem sehr eindrucksvollen Vortrag schilderte der Jenaer Historiker Philipp Dinkelaker, wie nach 1945 staatliche Stellen, aber auch Jüdische Gemeinden (durch „Ehrengerichte“) mit vermuteten jüdischen Kollaborateuren beim Holocaust umgingen. Deutlich wurde dabei, dass diese oft nur scheinbaren Mittäter jüdischer Herkunft nicht selten strenger bestraft wurden als die vielen nichtjüdischen Täter, die man meist gar nicht oder nur sanft verurteilte. Insgesamt, so der junge Wissenschaftler, falle nach dem Holocaust auf jüdischer Seite eher die „erstaunliche Abwesenheit von Rache“ auf. „Es ist nicht passiert.“
Gift gegen Millionen
Ein Höhepunkt der Tagung in Wiesbaden war schließlich die Vorführung, Analyse und Diskussion des deutsch-israelischen Spielfilms „Plan A“ von Doron und Yoav Paz (2021). Geschildert werden darin einerseits die historisch verbürgten Exekutionen von NS-Tätern durch Soldaten einer jüdischen Einheit innerhalb der britischen Armee am Ende des Zweiten Weltkriegs. Andererseits wird der Versuch von mehreren Zellen jüdischer „Rächer“ (Nakam-Kommandos) gezeigt, im besiegten Deutschland unmittelbar nach Kriegsende mithilfe von Gift im Trinkwasser einen Massenmord an den Deutschen vorzunehmen, was ebenfalls den historischen Fakten entspricht. Motto: Sechs Millionen für sechs Millionen.
Der Plan schlug fehl, obwohl das Gift aus Palästina schon bereitstand. Verhindert wurde er verrückter Weise ausgerechnet von den im Aufbau befindlichen israelischen Untergrund-Streitkräften, der Hagana, die durch die erwarteten internationalen Reaktionen auf eine solche Racheaktion an Millionen von Deutschen den Aufbau eines jüdischen Staates gefährdet sah. Zwar war es in Wirklichkeit wohl nicht ganz so dramatisch, wie der Film „Plan A“ dies darstellt. Aber historisch richtig ist offenbar schon, dass eine Information der Hagana zur Verhaftung des „Rächers“ Abba Kovner auf einem britischen Schiff führte. Kovner war schon auf dem Rückweg nach Deutschland, konnte aber das Gift vor seiner Festnahme noch rechtzeitig über Bord werfen. Ein Kernsatz des Films „Plan A“ konnte dabei fast wie ein Fazit der Tagung in Wiesbaden verstanden werden: Ein „Rächer“ verzichtet am Ende des Films auf Rache, er schaut nach vorn und wagt die Zukunft (in Israel). Mit dem Satz: „Ein gutes Leben zu haben, das war meine Rache.“
Philipp Gessler
Philipp Gessler ist Redakteur der "zeitzeichen". Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Ökumene.