Zeitenwende statt Entfeindung
Die EKD orientiert sich in ihrer neuen Friedensdenkschrift stark an der militärischen Logik der Zeitenwende. Der Theologe und Psychologe Stefan Seidel kritisiert, dass sie Aufrüstung, Abschreckung und Kriegsbereitschaft in den Vordergrund rücke. Damit verliere das biblische Friedenszeugnis an normativer Kraft.
Wes Geistes Kind ist die neue Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland? Nach Lektüre des 146-seitigen Werkes legt sich diese Antwort nahe: Sie atmet den Geist der Zeitenwende. Wohlgemerkt nicht den Geist jener Zeitenwende, den man eigentlich bei einer kirchlichen Denkschrift erwarten sollte: der Zeitenwende, die Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren brachte und die im Kern auch eine Umkehr von der Gewaltlogik zur Friedenslogik war. Nein, es ist der Geist jener Zeitenwende, die im Februar 2022 regierungsamtlich ausgerufen wurde und eine Umkehr von der Friedenslogik zur militärischen Logik bedeutet.
Dabei zielte diese „Zeitenwende“ von Beginn an nicht nur auf eine immense Hochrüstung militärischer Tötungsfähigkeiten und Kriegstüchtigkeit, sondern auch auf einen entsprechenden „Mentalitätswechsel“ (Boris Pistorius), auf eine „Gedankenwende“ (General Carsten Breuer) – weg von pazifistischen Überzeugungen und Haltungen und hin zu Denkmustern und Haltungen, die eine „Kriegstüchtigkeit“ befördern, also der militärischen Logik folgen. So ist auch ein intensiver Krieg um die Köpfe im Gange: Dass möglichst umfassend an die Notwendigkeit und Alternativlosigkeit des militärischen Denkens und Handelns geglaubt und kaum mehr andere Wege als die der Kriegstüchtigkeit gesehen werde. So hat sich neben einer Art Heilsglauben an Waffensysteme aller Art unter anderem ein polarisiertes Denken und Urteilen verfestigt, das scharf zwischen „Freund“ und „Feind“, „Wir“ und „die Anderen“ unterscheidet. Die Verfeindung und Polarisierung werden hochgefahren, auch weil sie eine entscheidende Bedingung für die gewünschte Kriegstüchtigkeit sind.
Fundamentaler Denkfehler
Welchen Platz nimmt in dieser Lage nun die neue Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche ein? Sie folgt weitgehend der Logik und dem Programm jener 2022 ausgerufenen Zeitenwende in Richtung Militärlogik und erklärt letztlich das kritische Potenzial des biblischen Friedenszeugnisses für die gegenwärtige Situation als untauglich. Die Argumentation ist durchtränkt vom Geist der (Gegen-)Gewaltlogik, der sich kaum unterscheidet vom gegenwärtigen militärlogischen Zeitgeist, wie er sich in vielen politischen Ansprachen oder auch in den „Verteidigungspolitischen Richtlinien für die Zeitenwende“ findet. Die Friedensdenkschrift segnet letztlich die im Gange befindliche umfassende Kriegstüchtigmachung samt Hochrüstung, Militarisierung, „nuklearer Teilhabe“ und Kriegsdienst als Mittel einer sogenannten „rechtserhaltenden Gewalt“ ab, die als Bedingung für den Frieden angesehen wird. Zwar wird auch versucht, diese (Gegen-)Gewalt einzuhegen. Jedoch wird de facto die dominierende Annahme der Alternativlosigkeit des Militärischen im Bereich des gegenwärtig Politischen unterstützt.
Dabei weist diese Denkschrift einen fundamentalen Denkfehler auf, eine Art kategorischen Fehlschluss: Von einer bestimmten kategorischen Vornahme aus („die ‚Sicherheitslogik‘/‚Gewaltlogik‘ hat gegenwärtig auch aus christlicher Sicht Vorrang vor der „Friedenslogik“) werden alle weitere Ableitungen getroffen. Wenn jedoch diese Vorannahme als ungültig eingeschätzt werden muss, weil sie nicht übereinstimmt mit den Normquellen einer christlichen Friedensethik (dem biblischen Friedenszeugnis), müssen auch die darauf beruhenden Schlussfolgerungen als falsch angesehen werden. Dieser kategorische Fehlschluss der Denkschrift besteht also in der Grundannahme, dass eine sogenannte „Sicherheitslogik“ – de facto eine militärische (Gegen-)Gewaltlogik – den unhintergehbaren und unangefochtenen normativen Ausgangspunkt der aktuellen christlich-friedensethischen Überlegungen zu sein und gegenwärtig Vorrang vor der Friedenslogik habe, beziehungsweise den Boden für die Friedenslogik zu bereiten habe. Dass es also auch in christlicher Sichtweise so sei, dass die „schwache“ Friedenslogik der „starken“ Sicherheitslogik bedürfe, um überhaupt wirken zu können.
De facto suspendiert
So heißt es etwa in der Denkschrift: Die Friedenslogik könne „nur dort Raum gewinnen, wo die Sicherheitslogik die Bedingungen dafür geschaffen hat“. Oder: Die Kriterien, die in der Tradition der Lehre vom bellum iustum (Lehre vom gerechten Krieg) entfaltet wurden, dienen „nun auch weiterhin als Maßstäbe für die ethisch legitimierbare Anwendung von (Gegen-)Gewalt als ultima ratio“. Noch etwas realpolitischer heißt es: „Wer für Verhandlungen als Weg zum Frieden eintritt, muss auch die Mittel bereitstellen, um diese Verhandlungen abzusichern. Angesichts einer sich verschiebenden geopolitischen Tektonik und der Deutlichkeit, mit der die USA von Europa mehr sicherheitspolitisches Engagement verlangen, weil sie nicht mehr bereit sind, die Hauptlast militärischer Abschreckung zu tragen, muss Deutschland in enger Abstimmung mit den Staaten der Europäischen Union und der NATO in die sicherheitspolitische, aber auch in die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit investieren.“ Und im Blick auf die „nukleare Teilhabe“ wird verlautbart: „In dieser Konstellation auf nuklearen Schutz gänzlich zu verzichten, wäre sicherheitspolitisch kaum zu verantworten.“ Schließlich heißt es im Blick auf die Wehrpflicht, es gelte, „eigene Fähigkeiten zur Landes- und Bündnisverteidigung substanziell auszubauen. Ein allgemein verpflichtender Wehrdienst könnte helfen, diese Fähigkeiten zu sichern (…).“
Es muss als grundsätzliches Problem benannt werden, dass hier die Vorrangstellung von militärischer Logik, Abschreckung, Hochrüstung, (Gegen-)Gewaltlegitimation, Verfeindung, Glaube an die Überlegenheit militärischer Konfliktbearbeitung, kurz: der Glaube an die Gewaltlogik als die unabdingbar gültige Vornahme christlich-friedensethischer Positionierungen gesetzt wird. Das ist eine Setzung, die sich eher aus der Übernahme der gegenwärtig forcierten politischen Militärlogik herleitet, als aus dem eigentlich bindenden biblischen Friedenszeugnis. Die mit Jesus von Nazareth verbundene Friedenslogik wird de facto suspendiert und für die Anwendung im Bereich des gegenwärtig Politischen für untauglich erachtet.
"Entfeindung" erst am Ende eines Prozesses?
Zusammenfassen beschrieb das der Vorsitzende des „friedensethischen Redaktionsteams“, welches die Friedensdenkschrift erstellt hat, Reiner Anselm, in einem Radiobeitrag am Buß- und Bettag: „Uns ist es wichtig zu betonen, dass einen heißen Krieg, wie wir ihn im Augenblick in der Ukraine als sogenannten 'Full-Scale-War' erleben, mit Methoden der zivilen Friedensarbeit befrieden zu wollen, dass das naiv ist. Das führt völlig in die falsche Richtung und rückt aber auch diese Praktiken in ein falsches Licht. Die brauchen wir in dem Augenblick, in dem die Waffen schweigen. Es wird notwendig sein, Entfeindung zu betreiben, aber wir müssen beide Dinge komplementär sehen und können nicht sagen, das eine ist richtig und das andere brauchen wir deswegen nicht mehr. Und das gilt sowohl für die zivile Friedensarbeit, als auch für die robusten Sicherheitskräfte, wir brauchen beides."
„Entfeindung“ – ein Schlüsselbegriff des biblischen Friedenszeugnisses – wird also an das Ende eines Prozesses gesetzt, den man meint, zunächst gewaltförmig gestalten zu müssen. „Entfeindung“ wird nicht dorthin gesetzt, wohin sie entsprechend des biblischen Zeugnisses und der Friedenslogik eigentlich gehört: An den Anfang eines Prozesses der Friedenssuche und Konfliktlösung. „Entfeindung“ ist nicht eine ferne Frucht am Ende eines robusten Gewaltweges, sondern die Bedingung für die Möglichkeit eines Weges aus der Gewalt heraus in Richtung Frieden. „Entfeindung“ ist keine Ergänzung der (Gegen-)Gewaltlogik, sondern ihr Ersatz. Denn erst dann, so die biblische Logik, kann ein echter Prozess in Richtung Frieden überhaupt erst möglich werden. Doch diese Richtung kehrt die Denkschrift einfach um – und müsste deshalb vom Kopf auf die Füße gestellt werden.
Mit Friedenslogik beginnen
Es käme entscheidend darauf an, mit der Friedenslogik zu beginnen. Diese müsste als das begriffen werden, was sie ist: Ein entscheidender „Gamechanger“ zur Transformation einer gewaltverstrickten Situation. Das hat die Friedens- und Konfliktforschung längst umfassend herausgearbeitet: Dass die Bedingungen für die Möglichkeit von Frieden diese sind: Entfeindung, Vertrauensbildung, Beziehung, Entpolarisierung und schrittweise Konflikttransformation durch Dialog. Dafür müsste die Friedenslogik am Anfang stehen und alle weiteren Schritte prägen. Was heute wenige sehen – und was leider auch die Friedensdenkschrift nicht sieht –: Gewaltlogik verhindert oft die Eröffnung eines solchen Prozesses in Richtung Frieden. Sie verhindert die Schaffung von Bedingungen für die Möglichkeit von Friedenswegen. Mehr noch: Immer wieder zeigt sich, dass Gewalt und Gegengewalt eher Konflikte verschärfen, vertiefen, verlängern, anstatt sie in Richtung eines Auswegs zu öffnen und zu befrieden. Denn die militärische Logik kennt letztlich nur Wege in den Krieg hinein, aber nicht aus ihm heraus.
In gewisser Weise gilt auch hier der Satz: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Matthäus 6,24). Man kann nicht der Gewaltlogik dienen und der Friedenslogik. Kriegslogik und Friedenslogik sind zwei voneinander kategorisch zu unterscheidende Wege. Krieg (oder Gegenkrieg) schafft keinen Frieden. Er kann es einfach nicht. Gewaltminderung, Entfeindung und Friedenslogik sind der Anfang von allem. Und sie sind der Weg.
Mythos der erlösenden Gewalt
Das berührt letztlich die mentale oder spirituelle Frage: Von welchem Geist, welchem Muster, welcher Norm lasse ich mich in meinem Denken, Fühlen und Handeln leiten? Der US-amerikanische Theologe Walter Wink (1935-2012) hat herausgearbeitet, dass der heute am weitesten verbreitete Glaube der Glaube an den Mythos der erlösenden Gewalt sei – letztlich eine Spielart eines verblendeten Götzenglaubens in der Spur der gewaltgläubigen babylonischen Marduk-Religion. Dem widerspricht das christliche Gottesverständnis. Der christliche Weg bestünde in einer „Verwandlung der gefallenen Mächte“, also jener Mächte, die nicht mehr dem gemeinsamen Menschsein, sondern dem Egoismus und der gewaltbewehrten Durchsetzung eigener Herrschaft dienen.
Das setzt entscheidend eine mentale Desidentifikation mit den herrschenden (gefallenen) Mustern und Prinzipien voraus – eine geistige Entkopplung vom Glauben an Gier, Selbstsucht und die Notwendigkeit des Tötens. Man muss ihnen auf einer anderen Ebene begegnen, sie verwandeln. Walter Wink schreibt: „Eine biblisch gegründete Mystik ist der Versuch, 'diese Welt' zu übersteigen auf eine alternative Wirklichkeit hin, die die alte Ordnung durchdringt. Sie zielt darauf, jenes Mind-Set abzulegen, das sagt 'Gier ist gut', 'Selbstsucht ist normal' und 'Töten ist notwendig'. Mystik im biblischen Verständnis bedeutet nicht Weltflucht, wie es vielfach verzerrend behauptet wird, sondern einen Kampf für ethisches Verhalten und sozialen Wandel."
Der Anfang von allem
Es ist also ein „Mind-Set“ nötig, das sich an der Wurzel entkoppelt hat von der Gewaltlogik, um den Geist, den „Spirit" dieses Friedens wirklich wirksam werden lassen zu können. Damit ein Feld entsteht, in dem überhaupt erst andere Ableitungen als die der Gewalt und des Gegeneinanders möglich sind. Dieser „Spirit“ ist nicht etwas, das als schöne Zierde am Ende von Waffengängen hervortritt – das wäre der trügerische, illusorische und mythische Gehalt des Glaubens an die erlösende Gewalt. Sondern dieser „Spirit“, dieses „Mind-Set“ ist der Anfang von allem. Dieser „Spirit“ muss gewagt werden. Man muss ganz und gar in ihn eintauchen und kann ihn nicht als bloße Taktik oder ferne und nachrangige Option behandeln.
Es spricht leider vieles dafür, dass die aktuelle Friedensdenkschrift der EKD die Chance vertan hat, einen Weg zu diesem „Spirit“ zu eröffnen und somit die Wirksamkeit des christlichen Friedensgeistes und der Macht der Gewaltlosigkeit zu befördern. Zu mächtig scheint die Verstrickung in einem anderen „Mind-Set“.
Stefan Seidel
Stefan Seidel ist Theologe und Psychologe. Er war langjähriger Leitender Redakteur der Evangelischen Wochenzeitung „Der Sonntag“ in Leipzig. Zuletzt ist von ihm das Buch erschienen: „Entfeindet Euch! Auswege aus Spaltung und Gewalt“ (Claudius Verlag).