Die Rückseite der Dialektik

Warum wir auf unsicherem Boden denken, handeln und predigen müssen
Häuschen der Rettungsschwimmer am Strand auf schiefen stelzen, dahinter ein grauer Himmel mit Regenbogen.
Foto: dpa
Es geht uns wie einem Menschen, der versucht, auf einen Regenbogen zuzugehen, und ihn anfassen will.

Es scheint immer weniger unterscheidbar, was wahr ist und was falsch. Inmitten der sich stärker beschleunigenden Kommunikation und der politisch instrumentalisierten Desinformation schwindet der feste Boden unter den Füßen. Doch das ist kein Rückfall hinter vernunftorientierte, aufgeklärte Diskurse, meint Horst Gorski, der frühere theologische Vizepräsident der EKD. Es ist Teil der Aufklärung.

Die Sozialphilosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno haben in ihrem 1944 im amerikanischen Exil veröffentlichten Buch Dialektik der Aufklärung die These vertreten, dass die Barbarei der Nazi-Diktatur nicht – wie oftmals angenommen – ein Rückfall hinter die Aufklärung in archaisch-barbarische Zeiten war. Vielmehr sei der industriell organisierte Massenmord an Millionen von Menschen gerade die auf die Spitze getriebene dunkle Seite der instrumentellen, zweckrationalen Vernunft der Aufklärung. Die Aufklärung hat uns viel an Freiheit, Toleranz und demokratischer Rechtsstaatlichkeit gebracht, doch sie ist nie einfach nur gut. Sie hat immer auch eine dialektische Rückseite. So hat sie auch die Verelendung durch industri­elle Massenproduktion und Eigendynamiken von Verwaltung und Beherrschung durch Datensammlung mit sich gebracht.

Diese Zusammenhänge sind bekannt und auch schon von Max Weber Anfang des 20. Jahrhunderts untersucht worden. Daraus folgt kein Plädoyer gegen die Aufklärung. Aber: Seitdem muss, wer sich in der Tradition der Aufklärung versteht, diese dialektisch-dunkle Seite immer mit im Blick behalten.

Negative Dialektik

Auf der Linie dieser Gedankenführung formuliere ich die These, dass wir es bei der aktuellen Problematik des Umgangs mit Information und Desinformation, News und Fake-News keineswegs mit einer Polarisierung zwischen vernunftorientiert und rational denkenden Menschen auf der einen und vor-aufklärerisch irrational gesteuerten Populisten auf der anderen Seite zu tun haben. Vielmehr eint alle von links bis rechts der Schreck über die aktuell in ihren Auswirkungen spürbare Erkenntnis Immanuel Kants, dass es keine sichere Erkenntnis vor irgendetwas geben kann. Das ist die dialektische Rückseite vernunftgerichteter Diskurse. Sie bleiben an die Erkenntnismöglichkeiten des Menschen in den Kategorien von Raum und Zeit gebunden, können aber keine Wahrheiten über die „Dinge an sich“ erkennen. Aus der Verunsicherung über diese Dialektik wird versucht, durch die Behauptung von Wahrheiten dennoch vermeintlich sicheren Boden unter den Füßen zu gewinnen. Da dies aber erkenntnistheoretisch ausgeschlossen ist, können die Versuche, sich gegenseitig zu überzeugen, zu keiner Lösung führen. Stattdessen werden die Verwirrung und das Gegeneinander immer größer.

Die erkenntnistheoretischen Hintergründe zu dieser Perspektive hat Adorno 1966 in seinem Buch Negative Dialektik vertieft. Sehr vereinfacht gesagt, ist seine These: So sehr wir uns auch um fortschreitende Erkenntnis bemühen, wir werden am Ende nie etwas in der Hand halten, von dem wir sagen können: „So ist es“. Inmitten seiner höchst abstrakten Ausführungen formuliert er ein schönes Bild. Es gehe uns wie einem Menschen, der versucht, auf einen Regenbogen zuzugehen, und ihn anfassen will. Der Regenbogen wird immer weiter zurückweichen und sich am Ende auflösen.

Gefühlte Bodenlosigkeit

Adorno kritisiert an Hegel, dieser habe die mathematische Logik, dass Minus mal Minus Plus ergibt, unzulässigerweise auf die Erkenntnistheorie übertragen. Aus These und Antithese folge eine Synthese, und damit ein Erkenntnisfortschritt, der uns näher an die Wahrheit „an und für sich“ heranbringe. Doch, so Adorno, in der Erkenntnistheorie gelte umgekehrt, dass Minus mal Minus Minus ergibt. Daher spricht er von „negativer Dialektik“. Fortschreitende Erkenntnis heiße niemals, dass unsere Erkenntnis zu einem „So ist es“ führen kann. Das „So ist es“ von heute wird morgen so fragwürdig sein, wie uns heute das „So ist es“ von gestern erscheint.

Wir leben in einer Zeit, in der politische Parameter neu ausgehandelt werden, in der Krisenszenarien zu meistern sind und Ängste beschworen werden, in der die digitale Kommunikation immer schneller um den Globus läuft und wahre von falschen Nachrichten kaum noch zu unterscheiden sind. Wir leben also in einer Zeit, in der man sich kaum etwas sehnlicher wünscht, als dass es klare Erkenntnisse von wahr und unwahr gäbe. Ausgerechnet jetzt wird aber die Erkenntnis unausweichlich: Was man sich so sehnlich wünscht, existiert nicht. Gefühlt tut sich eine Bodenlosigkeit auf.

Freiheit bringt Verunsicherung

Doch das Gefühl ist nicht neu. Damit umzugehen, ist noch keiner Generation seit Beginn der Aufklärung leichtgefallen. Adorno kritisiert an Kant, dass er seine Erkenntnis, dass wir kein „Ding an sich“ erkennen können, gewissermaßen aus Angst vor der eigenen Courage dadurch rasch wieder eingehegt habe, dass er eine „praktische Vernunft“ angenommen habe, mit der wir uns trotzdem halbwegs sicher in der Welt bewegen können. Aber derlei Hilfskonstruktionen fallen irgendwann in sich zusammen. Kant konnte bei den Menschen seiner Zeit noch einen Konsens über ein „Sittengesetz“ annehmen, auf das man sich als Richtschnur des Handelns beziehen konnte. Doch je weiter die Aufklärung voranschritt und Freiheit, Toleranz und Pluralität zunahmen, desto kleiner wurde ein solcher einheitlicher Bezugspunkt. Zur Dialektik der Aufklärung gehört, dass Freiheit Verunsicherung mit sich bringt. Und dass vernunftorientierte Dialoge als ihre Rückseite die Grenzen der Einsichtsfähigkeit der Vernunft mit sich führen.

Was aber ist für unsere Zeiten daraus zu gewinnen, wenn wir uns klarmachen, dass die gefühlte Bodenlosigkeit unserer Kommunikation eine echte Bodenlosigkeit ist? Dass wir keinen Rückfall in vor-aufklärerische Zeiten erleben, vielmehr mit unbarmherziger Wucht auf die Dialektik der Aufklärung gestoßen werden?

Bruchstückhaft und vorläufig

Zunächst ist klarzustellen: Das heißt nicht, dass alle Katzen grau sind. Dass eins plus eins zwei ergibt und dass derjenige, der ein anderes Land überfällt, einen Überfall begangen hat, und nicht umgekehrt – derlei Feststellungen sind trotz aller Dialektik möglich und auch notwendig. Dialektisches Denken ist präzise und lebt von genauen Unterscheidungen. Insofern ist es manchmal anstrengend. Aber solche Klärungen sind nur für eine Art Makro-Ebene möglich. Das ist die Ebene, für die Kant eine praktische Vernunft forderte und auf der diese praktische Vernunft auch halbwegs funktioniert. 

Aber es gibt auch die Fragen der vielen Mikro-Ebenen und ihrer verschlungenen Kombinationen: Wie funktioniert unsere globalisierte Welt? Welche Prozesse stehen hinter den Klima-veränderungen? Was kann mit der Sammlung und Musterbildung von Daten Gutes und Schlechtes angestellt werden? Und erst recht: Wie verständigen wir uns über politische Ziele und über gesellschaftliche Werte? Da wird es mit einem „So ist es“ erheblich schwieriger. Da ist auszuhalten, dass unsere Erkenntnisse bruchstückhaft und vorläufig sind und wir doch auf der Basis dieser unzureichenden Erkenntnisse handeln und Daseinsvorsorge treiben müssen.

Blick auf Theologie

Grob vereinfacht: Eine Reaktionsweise auf diese Situation besteht darin, sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus der misslichen Lage herauszuziehen, indem man Wahrheit durch Behauptung schaffen will. Weil ich dieses oder jenes behaupte, ist es wahr. Diese Form der Reaktion kann man in sozialen Netzwerken, aber auch in Teilen der Politik bis in höchste Staatsämter beobachten.

Eine andere Reaktionsweise neigt dazu, in ihrer Verzweiflung methodisch (nicht inhaltlich!) dasselbe zu tun. Sie behauptet, es gebe sichere Erkenntnisse und eben dies sei immer wieder und mit Nachdruck in die verwirrenden Debatten einzubringen, damit wir unseren Kompass nicht verlieren. Diese Form der Reaktion bestimmt (noch) die große Mehrheit von Politik und Gesellschaft, auch die öffentlichen Äußerungen der Kirchen. Aber diese Form der Reaktion funktioniert eben nur für eine Makroebene, auf der die praktische Vernunft greift (und das ist natürlich schon viel, ja). Doch für die Steuerung unserer hochkomplexen Zukunftsfragen und die Verständigung darüber, wie wir leben wollen, reicht das nicht und ist letztlich ebenso eine Verweigerung, die Dialektik der Aufklärung anzuerkennen und auszuhalten. Es ist der Versuch, Eindeutigkeit zu schaffen, wo Eindeutigkeit nicht zu haben ist.

Wirft man von diesem Gedankengang einen Blick auf die evangelische Theologie, kann man – vielleicht überraschend – feststellen, dass Adornos „negative Dialektik“ die genaueste philosophische Entsprechung des Evangeliums ist. Denn: Der auferstandene Christus, den wir predigen, hat sich bei den Erscheinungen, die die Evangelien berichten, genauso dem Zugriff entzogen wie der Regenbogen in Adornos Bild. In Emmaus verschwindet er während des Essens vor den Augen der Jüngerinnen und Jünger. Es gehört zum Kern des Glaubens und seiner Verkündigung, dass es kein „So ist es“ im Sinne eines Dingfestmachens gibt.

Tröstende Lügner

So gesehen, müsste die evangelische Theologie für Adorno große Sympathien haben. Doch das ist wohl nicht so. Offenbar neigt die evangelische Theologie, neigt die protestantische Kultur dazu, dass am Ende doch etwas Positives stehen muss. So wie schwer ausgehalten wird, wenn ein Gespräch mit einem Dissens zu Ende geht. Was man weitergeben will, ist Trost und Orientierung. Und dafür ist der Auferstandene, der sich dem Festhalten entzieht, nur bedingt geeignet. Also greift man, vielleicht vergleichbar mit Kants „praktischer Vernunft“, zu einer affirmativen Sprache, die Halt geben soll, aber ihre eigene Unhaltbarkeit doch nicht aus der Welt räumen kann. Diesen Mechanismus hat der Marburger Theologe und Adorno-Kenner Henning Luther 1991 in seinem Aufsatz Die Lügen der Tröster kritisiert und als Gegenentwurf formuliert, der Trost des Evangeliums bestehe eben gerade darin, nichts beschönigen zu müssen und die darin liegende Beunruhigung aushalten zu können.

Was ist zu gewinnen mit dieser Perspektive? Zunächst ist noch einmal festzuhalten: Was auf der Makroebene mit praktischer Vernunft zu fassen ist, das muss ausgesprochen werden. Wer behauptet, rot sei blau und die Erde sei eine Scheibe, dem ist zu widersprechen. Behauptungen erzeugen keine Wahrheiten. Doch, wie die Erfahrung zeigt, sind damit die, die von der Wahrheit ihrer Behauptungen überzeugt sind, selten zu gewinnen.

Dialog und nochmals Dialog

Es braucht deshalb noch etwas anderes. Der hier entfaltete Gedankengang könnte helfen, von der verwirrenden Kommunikation, von den Polarisierungen und Empörungen einen Schritt zurückzutreten, weil man versteht: So unterschiedliche Standpunkte vertreten werden, so sehr leiden wir alle gemeinsam unter einem Aspekt der Dialektik der Aufklärung, dass es die sichere Erkenntnis eines „So ist es“ nicht gibt. Erkenntnistheoretisch sitzen wir alle im selben Boot. Und doch müssen wir handeln und die Zukunft unserer Welt gestalten. Dafür braucht es Dialog und nochmals Dialog, und zwar nicht (nur) mit Affirmationen, sondern mit der Einsicht in die Dialektik unseres Erkennens. Mit einer solchen Haltung könnte manches für die Versöhnung innerhalb unserer Gesellschaft getan werden. Und, wie gesagt, der christliche Glaube bringt mit seinem Evangelium vom auferstandenen Christus dafür allerbeste Voraussetzungen mit. Denn auch der auferstandene Christus ist nicht dingfest zu machen – und doch gibt der Glaube an ihn Halt, die Beunruhigungen des Lebens ohne Beschönigungen auszuhalten.

Damit dieser Beitrag nun nicht seinerseits zu platt affirmativ endet, bekenne ich noch eine persönliche Unsicherheit: Es hat in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren eine Kontroverse zwischen Jürgen Habermas und Niklas Luhmann gegeben über die Möglichkeiten vernünftiger Konsensfindung. Habermas traute der Vernunft (und traut ihr auch noch in seinen neuesten Veröffentlichungen) zu, in öffentlich geführten Diskursen zu gesellschaftlichen Verständigungen zu führen. Luhmann (verstorben 1998) fragte seinerzeit süffisant zurück: „Wessen Vernunft?“ Es dürfe am Ende nicht eine Vernunft triumphieren, die sich gegen eine andere durchgesetzt hat. Luhmann meinte, für die Abwägung von Risiken und Gefahren von Leben und Tod (damals Aufrüstung, Ost-West-Konflikt, Atomkraft und ökologische Krise) gebe es schlicht keine „den Konsens steuernden Verfahren“. Wir könnten uns immer nur durch produktive Irritationen vorläufig verständigen.

Meine eigene Befindlichkeit schwankt immer wieder zwischen diesen beiden Standpunkten. Ich möchte der Vernunft (in all ihrer Dialektik) am liebsten so viel zutrauen wie Habermas. Aber dann wieder scheint mir Luhmanns skeptische Einschätzung realitätsnäher. Eine solche Unsicherheit einzugestehen, gehört meines Erachtens auch zum Umgang mit der Dialektik der Aufklärung.

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Horst Gorski

Dr. Horst Gorski ist Theologe und war unter anderem von 2015 bis Juli 2023 theologischer Vizepräsident der EKD und Leiter des Amtsbereiches der VELKD in Hannover. 

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