Einzigartige Menschenseele

Hannah Arendt zum 50. Todestag – eine herausragende Denkerin des 20. Jahrhunderts
Schwarz-Weiß-Portraitbild von Hannah Arendt mit Zigarette aus dem Jahr 1969
Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS
Von den Kirchen hat Hannah Arendt nur selten gesprochen. Aber wenn es geschah, war der Anspruch deutlich.

Am 4. Dezember 1975 verstarb die Philosophin Hannah Arendt in New York. Der ehemalige EKD- Ratsvorsitzende Wolfgang Huber erinnert zu ihrem 50. Todestag an ihren Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit und an ihr Eintreten für eine an den Menschenrechten orientierte Politik.

Es ist mehr als angemessen, wenn die großartige politische Philosophin Hannah Arendt fünfzig Jahre nach ihrem Tod in Deutschland, wie auch in den USA und anderswo, geehrt wird.

In Linden, das heute zu Hannover gehört, kam sie 1906 in einer säkularen jüdischen Familie zur Welt. Im preußischen Königsberg wuchs sie auf. Nach dem frühen Tod des Vaters wurde sie von ihrer Mutter freiheitlich erzogen. Ihr philosophisches Interesse zeigte sich bald; für die Lehrer war das offenkundig eine Überforderung. Noch vor dem Schulabschluss folgte sie ihrer philosophischen wie theologischen Neugier durch Studien an der Berliner Universität. Diese Interessen setzten sich in der Heidelberger Universität fort, wo sie bei dem Philosophen Karl Jaspers im Alter von 23 Jahren mit einer 1929 erschienen Dissertation über den lateinischen Kirchenvater Augustin promoviert wurde.

Politisches Gespür

Ihre wissenschaftliche Begabung verband sich mit einem außerordentlich wachen politischen Gespür. Bereits 1931 rechnete sie mit der bevorstehenden Herrschaft der NSDAP, schon 1932 beschäftigte sie sich mit dem Gedanken der Emigration. Im März 1933 war es so weit. Sie verließ Deutschland zu der Zeit, zu der einer ihrer wichtigen akademischen Lehrer, der Freiburger Philosoph Martin Heidegger, in die NSDAP eintrat und das Rektorat der Universität Freiburg übernahm. Es mag auch damit zusammenhängen, dass sie sich nie als Philosophin bezeichnete, obwohl sie dies ohne Zweifel war. Aus diesem zutiefst unsachlichen Grund schwanken noch heute die Bezeichnungen ihrer Profession. Der Sache nach ist es jedoch unbegreiflich, dass immer noch darüber gerätselt wird, welchem akademischen Fach sie zuzuordnen sei. Sinnvoller wäre es zu fragen, warum sie nicht darauf beharrte, als Philosophin bezeichnet zu werden. In jedem Fall wirkt es auf peinliche Weise gedankenlos, ja fatal, wenn sie in Wikipedia als eine „politische Theoretikerin und Publizistin“ bezeichnet wird. Wer war eine Philosophin, wenn nicht sie?

Man muss es als Glück im Unglück betrachten, dass sie sich bereits im März 1933 dazu entschloss, Deutschland zu entfliehen. Über Karlsbad und Genf emigrierte sie nach Paris, wo sie in jüdischen Einrichtungen als Sozialarbeiterin tätig wurde. Nachdem das nationalsozialistische Regime sie 1937 ausgebürgert hatte, war sie 14 Jahre lang – seit 1941 in den USA lebend – staatenlos.

Reiche publizistische Tätigkeit

Ihr Beispiel zeigt auf bedrückende Weise den maßlosen menschlichen und kulturellen Verlust, den die nationalsozialistische Herrschaft vom ersten Tag an heraufbeschwor. Es zeigt aber auch, welch unverdientes Geschenk es war, wenn diesem bleibenden Verlust neue Möglichkeiten zur Seite traten. Es dauerte lange, bis sie in den USA eine angemessene Aufgabe erhielt. Mit empirischen Forschungen zur Lage jüdischer Immigranten sowie Publikationen in dem aus Berlin emigrierten jüdischen Schocken-Verlag. Schließlich wurde sie in die New School for Social Research in New York aufgenommen, in der eine Reihe deutscher Emigrantinnen und Emigranten Zuflucht gefunden hatten. Darüber hinaus entfaltete sie eine reiche publizistische Tätigkeit.

Die hochbegabte Hannah Arendt blieb nach dem Ende des Naziregimes in den USA, die ihr in schwerer Zeit Rettung gewährt hatten. Erst im Jahr 1951, zehn Jahre nach der Übersiedlung von Frankreich in die USA, erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. Im Jahr zuvor hatte sie zum ersten Mal seit der Flucht vor dem Nazi-Regime ihre einstige Heimat wieder aufgesucht. Sie war eine der ersten Emigrantinnen und Emigranten, die sich nach 1945 zu diesem Schritt entschlossen. Sie tat das mit wacher, gegebenenfalls auch scharfer Beobachtung. In ebenso aufklärender wie beunruhigender Weise verdeutlichte sie die fortdauernden Auswirkungen von „Drittem Reich“ und Zweitem Weltkrieg im Bewusstsein der Deutschen.

In Verbindung geblieben

Der Bericht über ihren „Besuch in Deutschland“ beeindruckt noch heute nicht nur durch seine darstellerische Präzision, sondern ebenso durch eine tiefe Menschlichkeit, in der sie allen Widrigkeiten zum Trotz dem Land ihrer Herkunft ebenso die Treue hielt wie ihren philosophischen Lehrern. Nicht nur mit Karl Jaspers blieb sie in Verbindung, der unter dem Naziregime seine Professur in Heidelberg verloren hatte; ebenso verhielt sie sich gegenüber Martin Heidegger, der sich seit seinem Rektorat an der Universität Freiburg im Jahr 1933 in den Dienst der Naziherrschaft stellte. Auch mit ihm setzte sie nach dem Ende des Krieges die Verbindung fort.

Später versuchte sie, unter anderem mit längeren Forschungsaufenthalten in Deutschland, nicht nur die zwiespältige geistige Lage in der Bundesrepublik der 1950er-Jahre wahrzunehmen, sondern auch zu ihrer Veränderung beizutragen. Sie gehörte zu den Emigrantinnen und Emigranten, die zwar nicht auf Dauer in ihre ehemalige Heimat zurückkehrten, aber gleichwohl zu deren Erneuerung entscheidende Beiträge leisteten.

Einsatz für Menschenrechte

Dazu gehörte auch ihr Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Er beschränkte sich keineswegs auf die Entscheidung, 1961 in Jerusalem an dem Prozess gegen den ehemaligen deutschen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann teilzunehmen und mitzuerleben, wie dieser für den millionenfachen Mord an Jüdinnen und Juden zur Verantwortung gezogen wurde. Mit Schrecken musste Hannah Arendt sich in diesem Zusammenhang vor Augen stellen, dass nur „gute Menschen“ eines schlechten Gewissens fähig sind. Das meinte sie, wenn sie von der „Banalität des Bösen“ sprach. Mit offenkundiger Wehmut nahm sie wahr, dass ausgerechnet dieser von ihr geprägte Begriff Schule machte und mit ihrem Namen verbunden blieb wie kein anderer. Noch im Rückblick verdient ihre heroische Entscheidung, sich dieser Banalität des Bösen auszusetzen, demütige Bewunderung.

Doch von ebenso großer Bedeutung ist ihr Eintreten für eine an den Menschenrechten orientierte Politik. Nicht in Amerika, sondern in Deutschland veröffentlichte sie kurz nach der Verkündigung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen einen Aufsatz mit dem Titel: „Es gibt nur ein einziges Menschenrecht“. Der Ausgangspunkt ihrer Überlegung war die Erfahrung, dass gerade während des zwanzigsten Jahrhunderts Menschen in massenhafter Form recht- und heimatlos wurden, so dass ihnen das Notwendigste fehlte. Mit harten Worten geißelte sie den Umgang von Menschenrechten in einer Form, „deren sich nur die Bürger der blühendsten und zivilisiertesten Länder erfreuen“. 

Hoher Anspruch an die Kirchen

Aus eigener Erfahrung kritisierte sie, dass die recht- und heimatlos gewordenen Menschen als „displaced persons“ bezeichnet wurden. Während die Bezeichnung als „staatenlos“ wenigstens noch die Andeutung eines rechtlichen Mangels enthält, kann bei „displaced persons“ davon auf keine Weise die Rede sein. Nicht einmal in negativer Form wird ihnen ein Verhältnis zum Staat zuerkannt, mit dem die Verpflichtung auf Achtung ihrer Rechte verbunden sein könnte. Man spürt die Empörung, wenn Hannah Arendt schreibt, der Begriff der „displaced persons“ sei erfunden worden, um die störende „Staatenlosigkeit“ ein für allemal aus der Welt zu schaffen. In diesem Zusammenhang hat Hannah Arendt das Recht, Rechte zu haben, als das grundlegende Menschenrecht nicht nur bestätigt, sondern präzisiert. Die Voraussetzung dafür besteht in dem Recht jedes Menschen auf Mitgliedschaft in einem politischen Gemeinwesen. Darin liegt ein Beitrag nicht nur zur Theorie, sondern ebenso zur Praxis der Menschenrechte, der an Relevanz und Dringlichkeit auch heute nicht überholt ist.

Von den Kirchen hat Hannah Arendt nur selten gesprochen. Aber wenn es geschah, war der Anspruch deutlich. Sie sah in ihnen – unter den Bedingungen der USA – die „einzige öffentliche Kraft, die das soziale Vorurteil bekämpfen kann“. Dafür berief sie sich auf die „Einzigartigkeit der menschlichen Person“, die ihren Grund in der „Einzigartigkeit der Menschenseele“ habe. Und sie fügte hinzu: „Die Kirchen sind eigentlich der einzige öffentliche Versammlungsort, wo es auf Äußerlichkeiten nicht ankommt, und wenn sich Diskriminierung in die Gotteshäuser einschleicht, dann ist dies ein untrügliches Zeichen für das religiöse Versagen der Kirchen. Sie sind dann gesellschaftliche Einrichtungen geworden und keine religiösen Institutionen mehr.“ Aus dem Mund einer säkularen Jüdin hat ein solcher Appell an die christlichen Kirchen ein besonders Gewicht. Zumal man die säkulare Jüdin keineswegs als atheistisch verstehen darf. Denn das hieße nach Hannah Arendt, „etwas vorzugeben, was man nicht wissen kann“

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Wolfgang Huber

Dr. Dr. Wolfgang Huber ist ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender, Bischof i. R. und Herausgeber von "Zeitzeichen." Er lebt in Berlin.

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