Kirche, Grabstätte und Parlament
Ossip (Joseph) Klarwein gehört zu den herausragenden Architekten des 20. Jahrhunderts. Er war ein deutscher Jude und wirkte bis zu seiner erzwungenen Flucht nach Palästina in Deutschland. Er entwarf nicht nur eine der außergewöhnlichsten Kirchen Berlins, sondern nach seiner Emigration auch die Grabstätte von Theodor Herzl und das Gebäude des israelischen Parlaments, der Knesset. Der deutsch-israelische Journalist Igal Avidan würdigt Klarwein, dem in Hamburg derzeit eine sehenswerte Ausstellung gewidmet ist.
"Kraftwerk Gottes“ – es dauerte nicht lange, da hatte die Berliner Schnauze einen Spitznamen für die evangelische Kirche am Hohenzollernplatz im Stadtteil Wilmersdorf gefunden. Der monumentale Backsteinbau des deutsch-jüdischen Architekten Ossip Klarwein erinnert tatsächlich an ein Fabrikgebäude. Das Gotteshaus hat einen 60 Meter hohen Glockenturm, die Kirche gilt als Meisterwerk des deutschen Backsteinexpressionismus. Klarweins Chef, mit dem er Anfang der 1930er-Jahre die Kirche realisierte, war der legendäre Hamburger Architekt Fritz Höger. Derzeit erinnert eine Ausstellung in Hamburg an den herausragenden Architekten Klarwein.
Die Historikerin Jacqueline Hénard hat vor der Schau in Hamburg eine Ausstellung in Berlin über Klarwein kuratiert. Sie ist zufällig auf den längst vergessenen Architekten gestoßen. „Ich wohne in der Nähe der Kirche und bin gelegentlich über den Hohenzollernplatz gegangen“, erzählt sie. Dort sah sie Werbeschilder für den Moon-Song. Nachdem ihr klar geworden war, dass es sich dabei nicht um eine Veranstaltung der Moon-Sekte handelte, nahm sie an der Konzertreihe teil. So stieß sie auf den Namen Ossip Klarwein und schlug später vor, ein Konzert zu seinen Ehren auszurichten. In der Kirche wusste man zwar seit Jahren, dass er eine Rolle beim Bau der Kirche gespielt hatte, „aber man wusste nicht genau welche“. So begann Hénard im Jahr 2022 die Recherche für die Berliner Ausstellung, die durch mehrere private Stiftungen finanziert wurde. Auch nach dem Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 hat die Historikerin bewusst weitergemacht, um ihren israelischen Partnern ein Zeichen der Hoffnung zu setzen.
Doppelte Migrationsgeschichte
Klarwein ist deshalb besonders interessant und sein Erfolg als Architekt umso bemerkenswerter, wenn man seine doppelte Migrationsgeschichte berücksichtigt. Er wurde 1893 in Warschau in eine wohlhabende, säkulare jüdische Familie hineingeboren. Aufgrund des sich ausbreitenden Judenhasses nach der gescheiterten Russischen Revolution des Jahres 1905 – damals gehörte Warschau zum Zarenreich – wanderten die Klarweins nach Deutschland aus. Er wuchs in Offenbach und Mainz auf und studierte anschließend Architektur in München. 1925 kam er nach Hamburg und wechselte 1926 in das Büro von Fritz Höger, bei dem er bald zum Chefarchitekten avancierte. Gemeinsam bauten sie unter anderem die spektakuläre Berliner Kirche am Hohenzollernplatz.
Offiziell war Fritz Höger, Klarweins Chef und Büroinhaber, für das gesamte Projekt verantwortlich. Die Berliner Historikerin Jacqueline Hénard fand jedoch heraus, dass viele Skizzen und Zeichnungen, darunter auch die Geometrie des Hauptportals, von Klarwein stammen. An der Einweihung der Kirche am 19. März 1933 nahm er allerdings nicht teil. „Offiziell arbeitete er nicht mehr für Höger, und es war der große Auflauf der Parteibonzen.“ Die Kunsthistorikerin Beate Rossié beschreibt die Eröffnungszeremonie in ihrem Buch „Kirchenbau in Berlin 1933–1945: Architektur – Kunst – Umgestaltung” so: „Die Kirche am Hohenzollernplatz wurde trotz ihres modernen Erscheinungsbilds zum Schauplatz einer nationalsozialistischen Inszenierung. Medienwirksam marschierte die SA anlässlich der Einweihung über die ausladende Freitreppe durch das prachtvolle, goldverzierte Portal in das Gotteshaus.“
Martin Germer, Pfarrer im Ruhestand und Kenner der Kirche am Hohenzollernplatz, erklärt das Interesse der Nationalsozialisten an diesem Gotteshaus damit, dass dessen Einweihung nur zwei Tage vor dem „Tag von Potsdam“, der Eröffnung des neu gewählten Reichstags in der Potsdamer Garnisonkirche, stattfand. „Die Nazis haben damals nichts ausgelassen, um irgendwelche großen Veranstaltungen mit vielen Fahnen zu inszenieren und damit zu demonstrieren, wer jetzt die Macht hat“, sagt Germer. „Dazu war die Einweihung dieser Kirche auch ein guter Anlass.“ Bei der Einweihung marschierten nicht nur die SA mit Hakenkreuzfahnen, sondern auch der deutsch-nationale Stahlhelm sowie verschiedene kirchliche Organisationen und Jugendgruppen mit Fahnen und unterschiedlichen Arten von Uniformen. Die evangelische Kirche wollte sich zeitgemäß präsentieren.
Eine Freundschaft
Aus heutiger Sicht mag das enge Verhältnis zwischen Höger und Klarwein überraschen. Der Hamburger Stararchitekt, der durch das 1924 fertiggestellte "Chilehaus" weltberühmt wurde, war nämlich NSDAP-Mitglied und Präsident der nationalsozialistisch orientierten „Wirtschaftlichen Vereinigung deutscher Architekten“, wie Hénard im Begleitkatalog zur Berliner Ausstellung schrieb. Klarwein wiederum war jüdisch. „Mit der Zeit ist in dieser Zusammenarbeit eine Freundschaft nach den Maßstäben der 1920er- und 1930er-Jahre entstanden“, fügt Hénard hinzu. „Die Beziehungen zwischen Menschen insgesamt waren hierarchischer und förmlicher.“ Klarwein schrieb von „einer erfolgreichen und harmonischen Zusammenarbeit“ und nannte folgende Projekte: der Sprinkenhof in Hamburg, ein neunstöckiges Bürohaus, das „Haus Neuerburg“, eine Zigarettenfabrik in Hamburg-Wandsbek, sowie das Rathaus in Wilhelmshaven, das auch als „Burg am Meer“ bezeichnet wird. Alle sind prägende Bauten des deutschen Expressionismus.
Bald wurde Klarwein jedoch eine politische Belastung für Höger, dessen Büro stark unter Druck geriet, weil er einen Juden beschäftigte. Höger wurde anonym bei der Reichskulturkammer denunziert und öffentlich sowie vom Verband Deutscher Architekten boykottiert und angegriffen. Daher kündigte Klarwein zum 1. Januar 1933. „Er hat ihn dann weiterbeschäftigt“, sagt Hénard. Auf einem handgeschriebenen Dokument steht in Bleistift von Höger, für welche Aufträge Klarwein weiterbeschäftigt wurde und welches Honorar er dafür bekam. Oben rechts steht ‚geheim‘, und unten links ‚einverstanden, Klarwein‘. Das war im Februar 1933, als Klarwein seine Flucht nach Palästina, das damals ein britisches Mandatsgebiet war, vorbereitete. Höger verabschiedete ihn mit einem äußerst lobenden Arbeitszeugnis und verhalf ihm zu einem Touristenvisum. Ende 1933 kam Klarwein in Haifa an. Höger schrieb dem „lieben Klarwein“, wünschte ihm „ein gutes neues Jahr“ und schloss mit dem deutschen Gruß: „Heil Hitler!“
Es birgt eine gewisse Ironie, dass der jüdische Architekt, der zweimal flüchten musste und kein Hebräisch sprach, in seiner neuen Heimat rasch zu Aufträgen kam. Der Opportunist Höger, der dem völkischen Denken nahestand und laut Hénard in seinen Schriften „eine sehr antisemitische Grundhaltung gezeigt hat“, bekam hingegen keine Aufträge mehr. „Es ging ihm um einiges schlechter als dem Neuankömmling in Palästina.“
Fünf Grabstätten
Klarwein, der in Israel offiziell Joseph hieß, wurde dort berühmt – allerdings nicht für die vier Wohnhäuser, die er auf dem Berg Karmel in Haifa plante, sondern für seine zionistischen Bauten. Am 16. Juni 1933 wurde Chaim Arlosoroff, einer der Anführer der Arbeiterpartei, am Strand von Tel Aviv erschossen. Dies war die Folge einer rechtsnationalen Hetzkampagne gegen den Unterhändler des Transferabkommens mit dem Reichswirtschaftsminister. Dieses Abkommen erleichterte deutschen Juden die Emigration nach Palästina mit ihrem Hab und Gut und förderte zugleich den deutschen Export.
Der deutsche Emigrant Klarwein gestaltete das Grabmal Arlosoroffs auf dem alten Friedhof in Tel Aviv. Auch das Grabmal des ersten Bürgermeisters von Tel Aviv, Meir Dizengoff, und dessen Frau Zina, die Grabstätte des Dichters Saul Tschernichowski sowie das Massengrab für die 128 Opfer der Bombenangriffe auf Tel Aviv während des Zweiten Weltkriegs stammen von ihm. Im Jahr 1951 erhielt er den Auftrag zur Gestaltung des Grabmals von Theodor Herzl am Herzlberg in Jerusalem. An dieser nationalen Pilgerstätte wurden später etliche Premierminister und andere führende Persönlichkeiten des Zionismus beerdigt. „Klarwein hat den Gesamtentwurf gemacht und anschließend das Grab von Herzl in verschiedenen Stufen gestaltet“, sagt Hénard.
Größte Kränkung
Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus, kämpfte für die Entstehung eines Judenstaates und sah dessen Gründung voraus. Er wurde im Juli 1904 auf dem Döblinger Friedhof in seiner Heimatstadt Wien neben seinem Vater Jakob beerdigt. In seinem Testament bat er darum, dass „das Volk Israel meinen Leichnam in das Land Israel überführt“. Die israelische Regierung gründete bereits Ende 1948, nur wenige Monate nach der Staatsgründung und vor dem Ende des Unabhängigkeitskrieges, eine Kommission zur Überführung von Herzls sterblichen Überresten.
In der jüdischen Tradition sind Bestattungen außerhalb von Friedhöfen nicht zulässig. Dennoch bestimmte die Kommission, dass Herzls sterbliche Überreste in einer eigenen, separaten Grabstätte bestattet werden sollten – auf dem höchsten Hügel im Westen des geteilten Jerusalems. Das Oberrabbinat stimmte dieser Entscheidung zu. Im Jahr 1951 erhielt der Architekt Ossip Joseph Klarwein den Auftrag zur Gestaltung des Grabmals. Seine monumentale Kuppel aus Beton, die an das „Reichsehrenmal“ für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs erinnerte, wurde jedoch nicht realisiert. Auf einem Sockel liegt ein glatter schwarzer Stein, in den nur Herzls Name eingemeißelt ist.
Sichtachse zwischen Knesset und Herzlberg
Und Klarwein konnte in Israel weiter herausragend wirken: 1957 gewann er den ersten Preis beim Wettbewerb um den Bau des israelischen Parlaments. Die Knesset sollte Klarweins letztes großes Werk und sein wichtigstes Projekt in Israel werden. Es wurde jedoch aufgrund anhaltender Kritik an seinem Entwurf und eines jahrelangen Streits darüber zugleich zu seiner größten Kränkung. Ein Grund für den Streit war Geld, wie Hénard erklärt. „Neun Tage vor der Bekanntgabe der Ergebnisse ist der Mäzen Baron Maurice de Rothschild gestorben und hat in seinem Testament ein Vermächtnis für den Bau der Knesset ausgesetzt. Damit war auf einmal Geld vorhanden. Einige Architekten hatten sich aufgrund der schlechten Finanzierung nicht am Wettbewerb beteiligt.“ Für Klarwein war dieses staatstragende Projekt offenbar wichtig, aber nun hatte er auf einmal Konkurrenten. „Andere Proteste galten der Tatsache, dass Klarwein ein Vertreter der älteren Generation war und einen Baustil pflegte, der den jüngeren Architekten nicht mehr zeitgemäß erschien.“
Die Knesset wurde auf dem Ram-Hügel in Jerusalem, direkt gegenüber dem Kreuzkloster, errichtet. Trotz der zahlreichen Bauprojekte ist die Sichtachse zwischen der Knesset und dem Herzlberg erhalten geblieben. Klarwein entwarf ein kompaktes, rechteckiges Gebäude mit dem Plenarsaal zwischen zwei Innenhöfen. Die vier Fassaden sollten von hohen Pfeilern gesäumt sein, die an die Säulen des jüdischen Tempels erinnern. „Es sollte etwas Bleibendes zeigen.“ Am meisten verletzte Klarwein die Kritik, sein Bau sei faschistisch, schließlich war er vor dem Faschismus aus Berlin geflüchtet. „Würde der Bürger in diesem Bau den Geist der israelischen Demokratie erleben?”, wurde er anlässlich der Einweihung 1966 in der Zeitung Haaretz gefragt. Klarweins Antwort ist aktueller denn je: „Wenn er wüsste, dass die Regierung demokratisch agiert, dann ja.“
Information:
Bis zum 8.Februar wird eine Ausstellung über Klarwein in Hamburg gezeigt. Sie heißt „Ossip Klarwein: Ein Architekt zwischen Hamburg und Haifa.“ Sie wurde anlässlich der Jüdischen Kulturtage im Ernst-Barlach-Haus eröffnet.
Igal Avidan
Igal Avidan ist Nahostexperte und Journalist. Er lebt in Berlin.