Mehr Kreuze, weniger Ahnung
Kennen Sie die amerikanische Zeichentrickserie South Park? Die bitterböse Satire um vier Schulfreunde in einem kleinen Städtchen in Colorado läuft seit 27 Jahren auf verschiedenen Kanälen, auch in Deutschland.
Die Serie ist dafür bekannt, dass sie gesellschaftliche Trends aufs Korn nimmt. So tauchte vor einigen Jahren in South Park ein neuer Schuldirektor auf, der sich als „PC Principal“ vorstellte. PC stand für „Political Correctness“, also „politische Korrektheit“, und tatsächlich führte der neue Direktor ständig irgendwelche sinnlosen Regeln für Minderheitenschutz, Feminismus und dergleichen ein. Sein Hang zum Fanatismus wurde ein Running Gag der Serie.
Ein Rollenspiel
In der neuen Staffel, die diesen Sommer gestartet ist, ist PC Principal jedoch mit einer ganz anderen Mentalität aus den Ferien zurückgekehrt: PC steht jetzt für „Power Christian“, der Schuldirektor hat sich zum Christentum bekehrt. Er trieft immer noch vor moralischer Überlegenheit, nur jetzt eben mit der Bibel in der Hand. Und er ist nicht der einzige. Alle möglichen Leute in South Park hängen sich plötzlich Kreuze um den Hals und predigen vermeintlich christliche Werte. Wirklich Ahnung vom Christentum haben sie aber nicht - jedenfalls wenn man Jesus fragt, der an der Schule Vertrauenslehrer ist, für dessen Meinung sich aber niemand interessiert.
Die Serie greift einen Trend auf, der ernsthaften Christ*innen Sorgen bereiten muss: Im derzeitigen politischen Klima wird das Christentum zur Modeerscheinung. In bestimmten Kreisen ist es schick, sich fromm zu geben. Aber nicht im Sinne einer persönlichen Wende hin zu Gott, sondern eher wie ein Rollenspiel, bei dem man sich traditionsreiche Symbole aneignet, um daraus Nutzen für sich selbst zu ziehen.
Auch in Deutschland
In Deutschland ist der Christlichkeits-Boom zwar lange nicht so stark wie in den USA. Aber auch hier erklären „Christfluencer“ auf Instagram und Tiktok im Namen des Christentums, wie schlimm Homosexualität ist. Junge Mädchen feiern den so genannten „Jesus Glow“, also die Idee, der Glaube würde ihre Haut reiner und strahlender machen, und erwachsene Frauen bekennen, dass sie sich gerne ihren Ehemännern unterordnen, weil das so in der Bibel steht.
Angesichts sinkender Mitgliederzahlen mögen manche hoffnungsvoll auf solche Hypes schauen. Aber für Optimismus gibt es keinen Grund. In Wirklichkeit zeigt das alles nur, wie stark die Bedeutung christlicher Traditionen abgenommen hat. Der ganze Quatsch kann sich ja nur deshalb so verbreiten, weil seriöses theologisches Grundwissen in der Gesellschaft kaum noch vorhanden ist.
Das liegt nicht an mangelndem theologischem Bemühen seitens der Kirchen. So hat sich gerade die Vollversammlung der katholischen Bischöfe in den USA in deutlichen Worten von der Anti-Migrationspolitik der Trump-Regierung distanziert. Auch Geistliche aus protestantischen Kirchen melden sich immer wieder zu Wort. Aber ob es was nützt? Das Christentum ist ja keine geschützte Marke. Jeder kann sich so nennen und predigen, was er will. Oder sie.
Lernende und Erleuchtete
Die antiken Christ*innen waren da noch strenger, wie wir aus den Reisebüchern einer spanischen Pilgerin namens Egeria wissen. Sie reiste im 4. Jahrhundert nach Jerusalem und hat unter anderem die Taufrituale der dortigen Gemeinde beschrieben: Wer getauft werden wollte, musste sich beim Bischof bewerben und zwei Zeug*innen mitbringen, die für den guten Charakter und die ernsthaften Absichten bürgten. Anschließend galt es, einen christlichen Lebensstil unter Beweis zu stellen - und damit war nicht gemeint, keinen Sex vor der Ehe zu haben, sondern für Arme und Kranke zu sorgen, den eigenen Reichtum mit den Armen zu teilen, sich von den Mächtigen nicht korrumpieren zu lassen.
Als „Katechumenoi“ - also Lernende - durften die Anwärter:innen nur am ersten Teil des Gottesdienstes teilnehmen, und zwar in einem separaten, von der eigentlichen Gemeinde getrennten Bereich. Erst wenn sie genug gelernt hatten, was mehrere Jahre dauern konnte, durften sie zu den „Photizomenoi“ aufsteigen, zu den „Erleuchteten“. Das bedeutete, dass sie einen achtwöchigen Intensiv-Kurs mit täglichen Unterweisungen und spirituellen wie körperlichen Übungen absolvieren konnten, und danach erst durften sie endlich die Taufe empfangen.
Wie Jesus in South Park
So ein langwieriges Prozedere macht natürlich jeden Hype zunichte. Heute hingegen kostet es überhaupt keine Anstrengung mehr, getauft zu werden, und wenn nicht in dieser Kirche, dann halt in jener, und wenn gar nichts hilft, gründet man einfach selber eine. Dann kann man predigen, was man will, und wenn das Video nur gut gemacht ist, sorgen die Algorithmen von Tiktok und Co. für Reichweiten, gegen die keine Bischofskonferenz etwas ausrichten kann. Die fünf Millionen Views, die das katholische Video zur Migration erreicht hat, sind zwar ganz respektabel., Aber letztlich war es doch nur ein kurzes Aufbäumen im großen Meer der Konkurrenz: Laut Marketingseite „Buzzvoice“ erreichten christliche Influencer*innen im Jahr 2025 über 500 Millionen Follower.
Wahrscheinlich bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als es so zu halten, wie Jesus im South Park-Comic: Wir schauen dem Hype staunend zu, widersprechen, wo es sich anbietet, und hoffen ansonsten, dass der Spuk irgendwann wieder vorbei ist.
Antje Schrupp
Dr. Antje Schrupp ist Journalistin und Politologin. Sie lebt in Frankfurt/Main.