Ein metaphysischer Widerstand

Wie die Texte von Thomas Mann den Kampf der „Weißen Rose“ beeinflussten
Hans und Sophie Scholl auf einem Graffito in München.
Fotos: picture alliance/imageBROKER
Waren beeindruckt von Thomas Manns Schriften: Hans und Sophie Scholl, hier auf einem Graffito in München.

Zum Ende des Thomas-Mann-Jahres erinnert Robert M. Zoske, Autor von mehreren Büchern über die Geschwister Hans und Sophie Scholl, an den Einfluss des Nobelpreisträgers auf deren Widerstand gegen die Nazis.

Im Jahr 1941 musste die neunzehnjährige Sophie Scholl einen sechsmonatigen Arbeitsdienst verrichten. Mit rund dreißig anderen jungen Frauen arbeitete sie auf einem Bauernhof und war in einem alten Schloss kaserniert. Das Mitbringen von Büchern war den Frauen zwar nicht direkt verboten, es wurde aber missbilligt, denn die „Maiden“ sollten – neben der Arbeit – nationalsozialistisch geschult werden. Jede intellektuelle Ablenkung war daher unerwünscht. Bezeichnend ist, wie Sophie Scholl reagierte. Sie nahm nicht nur ein Buch, sondern drei Bücher mit: die Bibel, Augustinus’ Bekenntnisse und Thomas Manns Zauberberg. Die Auswahl zeigt ihren intellektuellen Widerstandsgeist, denn die Bibel wurde als „jüdisch“ abgelehnt, Augustinus als katholischer Kirchenvater verachtet und die Werke des Regimegegners und Exilanten Thomas Mann waren sogar verboten. Thomas Mann hatte seit 1933 im Schweizer Exil gelebt, sein Vermögen in Deutschland war beschlagnahmt, der Reisepass nicht verlängert, und in München lag ein Haftbefehl gegen ihn vor. Am 9. Dezember 1936 war sein Gesamtwerk vom Propagandaministerium auf die Liste des „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt worden, im Februar 1938 emigrierte er mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten von Amerika.

Aus dem Arbeitslager schrieb Sophie Scholl (Krauchenwies, 10. April 1941): „Auch Thomas Manns ‚Zauberberg‘ habe ich heute Mittag gelesen. […] Es ist sehr exakt gedacht. Und vor allem gedacht.“ Am 13. April ergänzte sie: „Den Zauberberg von Thomas Mann, 2. Band, habe ich fertig.“ Die Literatur in Sophie Scholls Gepäck zeigt nicht nur die Grundlagen ihrer geistigen Opposition, sondern auch die ihres Bruders Hans, dem Kopf der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, denn von ihm hatte sie diese Bücher. Für ihn war der Schriftsteller eine prägende Gestalt. 1938 schrieb der Neunzehnjährige an seine Eltern: „Ich lese augenblicklich die Buddenbrooks [von Thomas Mann] und bin ganz begeistert. Kennt Ihr das Buch schon?“ Seit seiner Kindheit war Hans Scholl durch sein evangelisches Elternhaus mit dem christlichen Glauben vertraut, doch die Würdigung des Christentums als Grundlage des Humanen, die verteidigt werden muss, durch den von ihm hoch geschätzten Schriftsteller, der auf Konfrontationskurs zum NS-Regime und schon früh ins Exil gegangen war, bedeutete für Hans Scholl Bestätigung und Stärkung seiner Widerstandshaltung.

Radikale Bereitschaft

Wie viel Hans Scholl inhaltlich mit Thomas Mann verband, belegt ein maschinenschriftliches Exzerpt aus Manns Aufsatzband Leiden und Größe der Meister. Wahrscheinlich hat Scholl diesen Auszug im ersten Halbjahr 1942 angefertigt. Die Abschrift ist einem Reisetagebuch entnommen, das Thomas Mann vom 19. bis 29. Mai 1934 während seiner ersten Schiffsreise nach Amerika führte. Die Abhandlung trägt den Titel „Meerfahrt mit Don Quijote“ und ist eine Würdigung des spanischen Schriftstellers Miguel de Cervantes. Scholl setzte mit seiner Abschrift an der Stelle ein, wo der Schriftsteller darlegt, Don Quijote sei bereit gewesen, todesmutig mit einem Löwen zu kämpfen. Als dieser, trotz Possen und Schmähungen, „kneift“ und dem Helden „seine hinteren Teile“ zuwendet, interpretiert Quijote das als Feigheit und beansprucht Ruhm und Heldenmut für sich. Thomas Mann legt dar – und Scholl übernimmt diese Zeilen –, Cervantes habe eine „radikale Bereitschaft“ gehabt, „seinen Helden zugleich zu erniedrigen und zu erhöhen“. „Erniedrigung und Erhöhung“ seien „ein Begriffspaar voll christlichen Empfindungsgehaltes, und gerade in ihrer psychologischen Vereinigung“ zeige sich, „was das Christentum für die Welt der Seele, der Dichtung, für das Humane selbst und seine kühne Erweiterung und Befreiung denn doch ewig bedeutet“.

Mit der Deklamation „Sagt, was ihr wollt“, hob der Schriftsteller dann zu einer großen Würdigung des Christentums an, das, neben der „mediterranen Antike“ der „Grundpfeiler“ der „abendländischen Gesittung“ sei. Ohne den Nationalsozialismus explizit zu nennen, stellte er fest: „Die Verleugnung einer dieser Grundvoraussetzungen unserer Sittlichkeit und Bildung, oder gar beider, durch irgendeine Gruppe der abendländischen Gemeinschaft würde ihr Ausscheiden aus dieser und eine unvorstellbare [...] Zurückschraubung ihres humanen Status [...] bedeuten.“

Verteidigung des Christentums

Hans Scholl hat diesen Text übernommen und aufbewahrt, weil er, wie Thomas Mann, im Christentum das „Ewige“ im Gegensatz zum „bloß Epochalen“ sah und weil ihm dessen Abgrenzung der „Freiheit“ vom „Liberalismus“, in dem sich neben Zeitlosem auch Zeitbedingtes gegenüberstünden, entsprach. Thomas Mann konstatierte: „Aufgeregte Zeiten, wie die unsrige, [...] halten jeden Ernsteren und Freieren, der nicht nur mit dem Zeitwinde flattert, dazu an, auf die Grundlagen zurückzugehen, sie sich wieder bewusst zu machen und abweisend auf ihnen zu bestehen.“ Damit forderte Thomas Mann nicht nur ein Festhalten an der christlich-abendländischen Tradition, sondern auch eine aktive, abwehrende Verteidigung des Christentums gegen Angriffe. Die kritischen Korrekturen, die das „Jahrhundert am Christlich-Moralischen“ übe, blieben, „so tief sie reichen, so umgestaltend sie wirken mögen, Oberflächenbewegungen“.

Als Hans Scholl und sein Freund Alexander Schmorell im Sommer 1942 daran gingen, Flugblätter gegen das NS-Regime zu verfassen, wurde der Einfluss von Thomas Mann auf sie ganz deutlich. Eine signifikante Vorlage für die Flugblätter waren Thomas Manns Rundfunkansprachen. Im amerikanischen Exil verfasste er zwischen Oktober 1940 und Mai 1945 fünfundfünfzig Radiosendungen nach Deutschland, die er ab März 1941 selbst einsprach. Jeden der meist fünf- bis achtminütigen Beiträge übertrug die British Broadcasting Corporation (BBC) wiederholt von ihrem Hauptsitz London aus ins Deutsche Reich.

Spirituelles Ringen

Für Thomas Mann und Hans Scholl besaß der Kampf gegen den Nationalsozialismus eine metaphysische Dimension, eine geistige Auseinandersetzung, ein endzeitliches, spirituelles Ringen auf Leben und Tod: „Woran ich unverbrüchlich glaube, das ist, daß Hitler seinen Krieg nicht gewinnen kann – es ist das weit mehr noch ein metaphysischer und moralischer als ein militärisch begründeter Glaube“, erklärte Mann im Vorwort zu seinen Radiosendungen (Deutsche Hörer!, 15. September 1942). Ähnlich schrieb Hans Scholl im vierten Flugblatt: „Wer aber heute noch an der realen Existenz der dämonischen Mächte zweifelt, hat den metaphysischen Hintergrund dieses Krieges bei weitem nicht begriffen.“

Für Thomas Mann wurde der Kampf geführt um „das Lebensrecht des deutschen Volkes, seine Freiheit“ (Dezember 1941). Hans Scholl schrieb im ersten Flugblatt: „Wenn das deutsche Volk […] den freien Willen preisgibt, die Freiheit des Menschen preisgibt, dann verdienen sie den Untergang.“

Thomas Mann postulierte: „Je länger der Krieg dauert, desto verzweifelter verstrickt dieses Volk sich in Schuld.“ Der Tag der „Liquidation, der Abrechnung, der Sühne“ komme (Januar 1942). Das zweite Flugblatt der Studenten betont, niemand könne sich freisprechen. Ein jeder sei „schuldig, schuldig, schuldig!“

Apokalyptische Lausbuben

Thomas Mann verkündete: „Nicht siegen müsst ihr, denn das könnt ihr nicht. Ihr müßt euch reinigen. Die Sühne, um deren Vermeidung ihr kämpft, muß euer eigenstes Werk sein, das Werk des deutschen Volkes“ (Januar 1942). Das zweite Flugblatt der Studenten formulierte: „Aber wenn diese Katastrophe uns zum Heile dienen soll, so doch nur dadurch: durch das Leid gereinigt zu werden.“

Thomas Mann stritt mit einer Vielzahl biblischer Metaphern gegen „diese apokalyptischen Lausbuben“ (24. Januar 1943). „Die Hölle, Deutsche, kam über euch, als diese Führer über euch kamen. Zur Hölle mit ihnen und all ihren Spießgesellen!“ (November 1941). Das vierte studentische Flugblatt gebraucht dieselbe Sprache: „Jedes Wort, das aus Hitlers Mund kommt, ist Lüge. Wenn er Frieden sagt, meint er Krieg, und wenn er in frevelhaftester Weise den Namen des Allmächtigen nennt, meint er die Macht des Bösen, den gefallenen Engel, den Satan.“

"Ihr sollt nicht umsonst gestorben sein"

Thomas Mann wusste nichts von der Wertschätzung, die Hans Scholl ihm entgegenbrachte. Aber seine Reaktion auf die Hinrichtung der Münchner Freiheitskämpfer bestätigt ihre geistige Verwandtschaft. In einer Rundfunksendung vom 27. Juni 1943 würdigte er das Vorbild der Studenten. „Ich sage: Ehre den Völkern Europas! Und ich füge etwas hinzu, was im Augenblick manchem, der mich hört, befremdlich klingen mag: Ehre und Mitgefühl auch dem deutschen Volk!“ Dass man zwischen dem deutschen Volk und dem Nationalsozialismus unterscheiden müsse, bewiesen ihm „die Vorgänge an der Münchener Universität, wovon die Nachricht durch Schweizer und Schwedische Blätter, erst ungenau, dann mit immer ergreifenderen Einzelheiten“ durchgedrungen sei: „Wir wissen nun von Hans Scholl […] und seiner Schwester, von Christoph Probst, dem Professor Huber und all den anderen; von dem österlichen Aufstande der Studenten [...], von ihrem Märtyrertod unterm Beil, von der Flugschrift, die sie verteilt haben und in der Worte stehen, die vieles gutmachen, was in gewissen unseligen Jahren an deutschen Universitäten gegen den Geist deutscher Freiheit gesündigt worden ist. Ja, sie war kummervoll, diese Anfälligkeit der deutschen Jugend – gerade der Jugend – für die nationalsozialistische Lügenrevolution. Jetzt sind ihre Augen geöffnet […]. “

Die Studenten hätten „das junge Haupt auf den Block“ gelegt „für ihre Erkenntnis und für Deutschlands Ehre“. Sie hätten „im Angesicht des Todes bezeugt: ‚Ein neuer Glaube dämmert an Freiheit und Ehre!‘ Brave, herrliche junge Leute!“, deklamierte er visionär: „Ihr sollt nicht umsonst gestorben, sollt nicht vergessen sein.“ Die „deutsche Revolution, die wirkliche“, werde ihnen in einem freien Deutschland „Denkmäler“ setzen, ihre „Namen verewigen“, ihnen, „die ihr, als noch Nacht über Deutschland und Europa lag, wusstet und verkündetet: ‚Es dämmert ein neuer Glaube an Freiheit und Ehre!‘

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