Forschungslücke in der Ethik

Ulrike Peisker untersucht in ihrer Dissertation göttliche und menschliche Vergebung
Ulrike Peisker, Junge Frau mit langen blonden Haaren.
Foto: Marian Nestmann
"Wir sollten etwas sparsamer von zwischenmenschlicher Vergebung reden, vor allem von der Aufforderung zu vergeben."

Begonnen habe ich mein Studium als Lehramtsstudium der Evangelischen Religionslehre und Englisch in Saarbrücken, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich so sehr für die Theologie (und insbesondere die Systematische Theologie) brenne, dass ich mich diesem Fach vollständig widmen wollte. Entsprechend bin ich für einen Wechsel in den Magisterstudiengang an die Universität Mainz gegangen, wo ich meinen Abschluss gemacht und später eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Systematischen Theologie angetreten habe. Ich war nach dem Studium einfach noch nicht fertig, wollte mehr wissen. Und so ist meine an der Universität Frankfurt/Main vor zwei Jahren abgeschlossene Dissertation über Vergebung eine Fortführung meiner Magisterarbeit.

Vergebung ist ein zentraler Begriff in der Theologie und für die theologische Ethik. Aber tatsächlich habe ich in der Literatur kaum etwas dazu gefunden, was Vergebung eigentlich bedeutet. Im Prinzip bin ich auf eine Forschungslücke gestoßen. Es wird wie selbstverständlich von Vergebung geredet. Aber was passiert eigentlich, wenn Menschen einander vergeben? Und worin unterscheidet sich davon die göttliche Vergebung?

Mit Negativfolie begonnen

Zunächst habe ich mir andere Umgangsmechanismen mit zwischenmenschlicher Schuld angeschaut, wie Strafe und Rache. Meine Hoffnung war, auf dieser Negativfolie ein klareres Bild zu bekommen, was Vergebung sein könnte. Diese Vorarbeiten aus meiner Magisterarbeit habe ich in der Dissertation weiterentwickelt. Dabei ging es mir um eine Analyse des Phänomens und nicht in erster Linie um eine theologiegeschichtliche Darstellung zu dem Thema.

Entsprechend schwierig hat sich der Anfang der Arbeit gestaltet. Nach sehr viel Lektüre habe ich das Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven immer weiter einzukreisen versucht. Was sagen Psycholog:innen über Vergebung? Welche Konzepte gibt es in den Rechtswissenschaften? Ebenso wichtig waren Eindrücke aus der Belletristik. Wie wird Vergebung in Romanen dargestellt? So habe ich eine Vielzahl von Eindrücken erhalten und konnte am Ende – im Anschluss an die Phänomenologie von Jacques Derrida und Jean-Luc Marion – eine Option vorstellen, wie man zwischenmenschliche Vergebung konsequent durchdenken und ausformulieren kann.

Befreit zur Vergebung

In der Theologie wird unter dem Begriff der Vergebung meistens göttliche Vergebung thematisiert, obschon oft ein Zusammenhang zwischen göttlicher und menschlicher Vergebung formuliert wird. Am Ende hat mir dieser große Zusammenhang nicht eingeleuchtet. Ich komme aus einer lutherischen Tradition und verstehe göttliche Vergebung entsprechend von der Rechtfertigungstheologie her. Göttliche Vergebung ist hier gleichbedeutend mit Rechtfertigung. Damit wird deutlich, warum wir zwischenmenschliche und göttliche Vergebung nicht parallelisieren können. Wenn man Rechtfertigung klassisch lutherisch versteht, als Anrechnung der fremden Gerechtigkeit und einer Gerechtsprechung, obwohl man nicht gerecht ist, dann ist eine Analogie unplausibel.

Auf dieser Grundlage war mir wichtig, dass sich nur schwer Appelle formulieren lassen, wie der, dass wir Menschen vergeben sollen, wie Gott uns vergibt. Die Rede von bedingungsloser göttlicher Vergebung wird ja teils als Begründung dafür genutzt, von Menschen Vergebungsbereitschaft einzufordern. Das ergibt sich logisch aber daraus nicht. Gleichzeitig war es mir wichtig zu zeigen, dass göttliche Vergebung beziehungsweise Rechtfertigung gegebenenfalls dazu befreien kann, dass wir vergeben. Aber nur so wie göttliche Rechtfertigung auch zu anderem befreien kann, wie etwa das Leben genießen oder in der Gegenwart aufgehen. Und das kann sich eben auch dergestalt äußern, dass man sich wieder liebevoll demjenigen zuwendet, der einen verletzt hat. Aber die Quintessenz ist, dass zwischenmenschliche Vergebung realiter wohl seltener ist, als die Rede von ihr und ihre Popularität implizieren.

Es muss nicht immer Vergebung sein

Zwischenmenschliche Vergebung ist nämlich in. Es gibt unzählige Coaching-Angebote, wie man lernen kann und sollte, für den eigenen Seelenfrieden zu vergeben. Zwischenmenschliche Vergebung ist gesellschaftlich moralisch hoch angesehen, anders als Rache zum Beispiel. Vor dem Hintergrund meiner theologischen Analyse, dass man allenfalls von Gott dazu befreit sein kann zu vergeben, Vergebung aber nicht selbst „herstellen“ kann, sollten wir meiner Meinung nach jedoch etwas sparsamer von zwischenmenschlicher Vergebung reden, vor allem von der Aufforderung zu vergeben.

Wenn ich in kirchlichen Foren mit meinen Thesen auftrete, kommt das oft nicht gut an. Ich habe den Eindruck, die Leute fürchten, ich wolle ihnen ihr Kernthema Vergebung wegnehmen, das sie an den Mann und die Frau bringen möchten. Es gibt jedoch auch andere gute und befriedigende Möglichkeiten, mit Brüchen in Beziehungen umzugehen. Es muss nicht immer Vergebung sein.

Praktische Relevanz

Die ForuM-Studie zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und der Diakonie in Deutschland ist kurz nach meiner Dissertation veröffentlicht worden. Mit ihrer Lektüre wurde mir vieles bestätigt, was ich theoretisch herausgearbeitet hatte. Mir wurde deutlich, welche praktische Relevanz meine Analyse tatsächlich hat. Denn dieses große Wort der Vergebung wird oftmals theologisch falsch und dadurch missbräuchlich benutzt. So wird von den Opfern solcher Gewalt des Öfteren zwischenmenschliche Vergebung verlangt und moralischer Druck aufgebaut. Damit wird Macht ausgeübt. Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, sich klarzumachen, dass sich Vergebung theologisch nicht legitimerweise von Menschen einfordern lässt. Vor allem aber auch, dass diese Option niemand anderes als die Betroffenen ins Spiel bringen dürfen.

Inzwischen habe ich meine wissenschaftliche Laufbahn fortgesetzt und habilitiere mich an der Universität Mainz. Hier beschäftige ich mich mit dem doppelten Ausgang des Gerichts und frage mich, ob das überhaupt noch aktuelle Relevanz hat. An diesem Beispiel möchte ich prüfen, wie wir mit Glaubensinhalten umgehen, die zwar in den Bekenntnissen noch vorkommen, die aber niemand mehr so richtig mit Leben füllt. 

Aufgezeichnet von Kathrin Jütte

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Foto: privat

Ulrike Peisker

Dr. Ulrike Peisker ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Systematische Theologie und Sozialethik an der Universität Mainz.

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