Konsequent sein

Klartext
Foto: privat

Die Predigthilfe für die kommenden Wochen stammt von Kathrin Oxen, Pfarrerin in Berlin.

Alles oder nichts?

3. ADVENT, 14. DEZEMBER

Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir nun tun? (Lukas 3,10)

Wer mich in diesen Tagen wirklich zum Verzweifeln bringt, sind die Konsequenten. Schon Anfang Dezember schicken sie Weihnachtskarten mit perfekt inszenierten Familienfotos. Wir dagegen kriegen uns schon über den Text unserer Karte in die Haare. Sie haben schon alle Geschenke und wissen, was es an den Feiertagen zum Essen gibt.

Johannes der Täufer ist auch einer von den Konsequenten. Er lebt nicht nur in der Wüste, sondern er lebt die Wüste, kleidet sich in das, was sie hergibt. Sein Gewand ist aus Kamelhaar, der Gürtel aus Leder. Johannes ernährt sich hauptsächlich von wildem Honig und von Heuschrecken, wahrscheinlich mit Stacheln. Außen wie innen ist er kratzig und widerspenstig. Aber als Bußprediger ist Johannes absolut glaubwürdig. Wer so lebt, karg und bedürfnislos, kann mit allem Recht seine Mitmenschen auffordern, umzukehren und ihr Leben zu ändern.

Die Frage der Menschen am Fluss, die von Johannes getauft werden wollen, hat einen leicht verzweifelten Unterton. Du kennst uns und wir kennen uns selbst auch, Johannes. So konsequent wie du, das werden wir nicht hinkriegen. Und sie bekommen eine überraschend sanfte Antwort von Johannes: Es gibt etwas zwischen Alles oder Nichts. Wer zum Beispiel reich ist, muss nicht das letzte Hemd hergeben. Aber wenigstens eines. Muss sich nicht den letzten Bissen vom Mund absparen. Aber teilen. Sogar die Soldaten können Soldaten bleiben. Sie sollen aber niemandem Gewalt und Unrecht tun und sich bereichern. Trotz Kamelhaar und Heuschrecken ist Johannes erstaunlich geschmeidig. Er verlangt nichts Übermenschliches. Wenn man es einigermaßen schafft, der Gier und dem Machtmissbrauch zu widerstehen, gibt es so etwas wie wahres Leben, auch im falschen. Nicht konsequent, aber entlastend.

Schwerer Anfang

4.ADVENT, 21. DEZEMBER

Denn das Ja war in ihm. 
(2. Korinther 1,19)

Die Christen in Korinth finden Paulus inkonsequent. Erst verspricht er, dass er ganz bestimmt kommt. Doch dann muss der Apostel seine Pläne plötzlich ändern. Als wäre er ein Angehöriger der Generation Z, der man Unverbindlichkeit in vielen Dingen nachsagt. Zwischen Paulus und der Gemeinde in Korinth herrscht nicht nur eine leichte Verstimmung. Sie geht vielmehr tiefer. Wenn der, der ihnen die Botschaft von Jesus Christus verkündigt hat, unzuverlässig ist, stimmt dann vielleicht auch etwas mit der Botschaft nicht? Schließlich geht es um Glaubwürdigkeit.

Sein Glaubwürdigkeitsproblem ist Paulus bewusst. Und auch die Gefahr, die seine Unverbindlichkeit mit sich bringt. Die Gemeinde von Korinth ist nämlich noch nicht gefestigt, sondern unerfahren, und vieles ist ihr neu. Da ist es kein Wunder, dass sie ihre eigene Unsicherheit einfach bei Paulus ablädt. Und um Reisepläne geht es dabei gar nicht, sondern um die Frage, ob man dem Apostel und seiner Botschaft wirklich vertrauen kann.

In den Briefen, die Paulus an seine Gemeinden schrieb, bekommen wir ein gutes Gefühl dafür, was die ersten Christinnen und Christen bewegte. Vor allem wird deutlich: Es war am Anfang des Christentums nicht alles besser. Im Gegenteil, als zum ersten Mal Menschen zum Glauben an Jesus Christus kamen, war alles noch viel schwieriger. Denn es gab keine Strukturen und Institutionen, sondern nur einzelne Menschen wie Paulus und seine Mitarbeiter Silvanus und Timotheus. Paulus macht deswegen noch einmal klar, dass das mit dem Ja und dem Nein passiert. Wir sind nicht perfekt und auch nicht immer glaubwürdig. Aber die große Sehnsucht nach dem Ja hat Gott mit der Geburt Jesu beantwortet. Und in Jesus ist die absolute Glaubwürdigkeit zu finden, die wir unter uns manchmal vergeblich suchen. Ein konsequentes Ja, zu dieser Welt, zu uns Menschen, mit unseren Stärken und unseren Schwächen.

Unerwarteter Besuch

HEILIGABEND, 24. DEZEMBER

Freue dich und sei fröhlich, 
du Tochter Zion! Denn siehe, 
ich komme und will bei 
dir wohnen, spricht der Herr. 
(Sacharja 2,14)

Gott meldet sich zu Weihnachten an, wie das Besucherinnen und Besucher tun, und lässt durch den Propheten Sacharja ausrichten: „Ich komme und will bei dir wohnen.“ Und die „Tochter Zion“ soll sich darüber auch noch freuen. Dabei hat sie gerade alles andere im Sinn als Besuch zu empfangen. Die Tochter Zion ist die Stadt Jerusalem am Berg Zion. Und dort gibt es nicht nur ein paar unordentliche Ecken. Die Stadt und der Tempel sind vielmehr zerstört und die Bevölkerung zum großen Teil noch vertrieben. Die Tochter Zion gleicht wohl eher einer Trümmerfrau, ist also das Gegenteil einer entspannten Gastgeberin. Aber nun will Gott kommen und bei ihr wohnen.

„Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem“, singen wir gerne. Aber der echten Tochter Zion war nicht zum Singen und Jauchzen zumute. Müde war sie, erschöpft. Wäre sie ehrlich gewesen, dann hätte sie sagen müssen: Lieber Gott, das passt gerade schlecht.

Gott gehört aber leider zu der Sorte Besuch, die auf zarte Andeutungen nicht reagiert. Ihn interessiert in bemerkenswerter Konsequenz überhaupt nicht, ob es gerade passt, dass er kommt. Das war damals in Jerusalem so und später, zu Weihnachten in Bethlehem, genauso. Gott fragt nicht, ob wir eingerichtet sind auf seinen Besuch. Schon immer kommt er und richtet sich ein in der Welt, wie sie nun mal ist. Wie gut, dass Gott sich konsequent weder vom Stand unserer Vorbereitungen noch den Umständen unseres Lebens davon abhalten lässt. Denn dann wäre es wohl nie so weit. Denn es bleibt ja immer noch etwas aufzuräumen oder schönzumachen. Aus den Vorbereitungen auf Weihnachten kennt jede und jeder das Bedürfnis, die Tür hinter sich zuzumachen. Es ist viel größer ist als der Wunsch, jetzt auch noch Besuch zu bekommen. Aber dann ist es doch gut, dass er kommt.

Gnädiger Rückblick

SILVESTER, 31. DEZEMBER

Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, 
welches geschieht durch Gnade. (Hebräer 13,9)

Widerstand und Ergebung hieß das Buch. Auf dem Cover, leicht abstrahiert, Gitterstäbe und etwas, das wohl eine Schreibfeder sein sollte. In den christlichen Kreisen, in denen ich mich als Jugendliche bewegte, war der Name Dietrich Bonhoeffer einer, den man kennen musste, so wie in anderen, spannenderen Kreisen bestimmte Bands. Dieses Buch würde mir sicher helfen, endlich zu verstehen, warum Dietrich Bonhoeffer ins Gefängnis gekommen und dann, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, von den Nazis ermordet wurde.

Ein Lied hatte er auch geschrieben. Das sang ich zum ersten Mal auf einer Silvesterfreizeit und mochte es lieber als das Buch, das ich nach kurzer Zeit wieder weglegte. Das Buch gab mir das unangenehme Gefühl, dass es meinem jugendlichen Glauben noch an Ernsthaftigkeit fehlte. Denn es war alles nett im Jugendkreis und bei der Silvesterfreizeit. Aber wegen meines Glaubens ins Gefängnis kommen, gar sterben müssen, das wollte ich natürlich nicht. In mir regte sich Widerstand gegen diese Art von Ergebung. Viele Jahre blieb Dietrich Bonhoeffer so etwas wie ein Heiliger für mich, so entsetzlich konsequent. Erst als ich den Briefwechsel zwischen ihm und seiner Verlobten las, dachte ich zum ersten Mal, dass sich da kein Heiliger äußert. Da schreibt ein Mensch, in dem mindestens so viel Widerstand wie Ergebung ist. Einer, der liebt, einer, der sich sehnt.

Heute, am Übergang vom alten zum neuen Jahr, halte ich einen Moment inne, wie es an diesem Tag wohl jeder tut. Ich sehe auf das vergangene Jahr, auf das, was war, und auf das, was kommt.

Auf meinen jugendlichen Glauben sehe ich gnädiger als damals. Jetzt bin ich in der viel zitierten Mitte des Lebens angekommen und habe längst meine eigenen Erfahrungen damit gemacht, wo Widerstand von mir verlangt wird und wo Ergebung. Und dass man beides nicht voneinander trennen kann. Das gilt für das große Ganze und noch mehr für das eigene kleine Leben und was es an Widerständen und Ergebungen von mir verlangt. Konsequent ist nicht alles, was ich getan habe. Aber je älter ich werde, desto mehr glaube ich: Der Glaube beginnt gar nicht mit einem festen Herzen. Sondern er macht ein festes Herz, durch das ganze Leben hindurch.

Hinten angestellt

1. SONNTAG NACH EPIPHANIAS, 11. JANUAR

Jesus aber antwortete und 
sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! (Matthäus 3,15)

Wir sind am Anfang der Geschichte unseres Glaubens. Das Kind, dessen Geburt wir gerade erst gefeiert haben, wird jetzt getauft. Bis jetzt wurde immer nur über ihn gesprochen. Matthäus hat von ihm erzählt: von dem neugeborenen Kind, das von den Weisen angebetet wurde. Von dem Baby, das den König Herodes in Panik versetzt und zu einer Gewaltorgie angestiftet hat, der es selbst nur knapp entkommt. Auch von Johannes, dem Täufer, dem wir gerade erst begegnet sind. Und nun ist das Kind plötzlich schon erwachsen und kommt auf eigenen Füßen an den Fluss. Er reiht sich ein in die Schlange, die sich am Ufer gebildet hat und wartet, bis er dran ist. Er steht da zwischen all den Menschen, die den Fehler bei sich selbst suchen, die nicht bleiben wollen, wie sie sind, die neu werden wollen. Einmal ganz untertauchen und Wasser in die Ohren kriegen. Einmal untertauchen und die Augen ganz fest zusammenkneifen. Einmal untertauchen und den Mund zumachen müssen. Und dann auftauchen, wie aus dem allerersten Wasser, wie neugeboren. Die Ohren frei machen und hinhören. Die Augen öffnen und nicht mehr wegsehen. Wenn es sein muss, auch den Mund aufmachen. Neue Menschen kommen aus diesem Wasser, Gottes Kinder, Söhne und Töchter. Und Gottes Sohn kommt dazu und stellt sich erst mal hinten an.

Johannes der Täufer weiß gleich, mit wem er es zu tun hat. Dem kann ich nicht das Wasser reichen. Den kann ich doch nicht taufen. „Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde“, sagt er deswegen zu Jesus. Und Jesus antwortet nur: „Lass es jetzt geschehen.“ Das sind die allerersten Worte, die man von Jesus selbst in dieser Geschichte hört. Du oder ich, das spielt doch keine Rolle. Wir sind beide nicht die Macher. Wir lassen es nur geschehen. Ein anderer macht es.

Und als Johannes es geschehen lässt, als es dann geschehen ist, öffnet sich der Himmel, und es ist wie damals, wie ganz am Anfang, als die Erde noch wüst war und leer und nur der Geist Gottes über dem Wasser schwebte. Es ist wie damals, als die Taube nach der großen Flut mit dem Ölzweig im Schnabel über all das Wasser flog. Es fängt neu an. Eine große Chance für alle Menschen. Und es beginnt mit einem, der sich konsequent hinten anstellt. Und es geschehen lässt. 

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