Solidarisch und sichtbar
Es ist 100 Jahre her, dass sich in Marburg an der Lahn der Konvent evangelischer Theologinnen gründete. Anlass genug, neben einem Blick zurück auch die Aufgaben für die Zukunft zu benennen, wie es die evangelische Theologin Cornelia Schlarb tut.
Hundert Jahre Theologinnenkonvent in Deutschland regen an, zurückzuschauen und vorwärts zu blicken. Wie fing alles an, welche Ziele verfolgten die Theologinnen über die Jahrzehnte hinweg? Welche Verbindungen und Netzwerke wurden geknüpft und welche Aufgaben stehen in Zukunft an?
Die Verbandsgründung fällt in die Zeit der 1920er-Jahre, als die Zahl der evangelischen Theologiestudentinnen zu wachsen begann. 1924 studierten bereits mehr als 60 Frauen Theologie an deutschen Universitäten, und gegen Ende des Jahrzehnts stieg die Zahl auf über 230. Die evangelischen Landeskirchen mussten sich nach dem Ersten Weltkrieg neu strukturieren, und der Zeitpunkt, um rechtliche Regelungen im Blick auf eine pastorale Tätigkeit der akademisch gebildeten Theologinnen in den Kirchenordnungen zu verankern, war günstig.
Im März 1925 erfolgte die Verbandsgründung, und auf der Oktobertagung in Marburg wurden die Ziele formuliert: Da war zunächst die Mitgestaltung der kirchlichen Gesetzgebung durch schriftliche und mündliche Eingaben. Zum Zweiten sollten der Austausch über die praktische Arbeit und die Gemeinschaft gefördert werden. Außerdem wurde die Unterstützung bei der Stellenvermittlung eingefordert. Der vierte Punkt umfasste die Vertretung einer gemeinsamen Position im Blick auf die Tätigkeiten als akademisch gebildete Theologin. Um dem Verband mehr Gewicht bei den Verhandlungen mit den Landeskirchen zu verleihen, wurden ab 1927 nur noch examinierte Theologinnen als ordentliches Mitglied aufgenommen. 1928 zählte der Verband 102 Mitgliedsfrauen, 64 ordentliche und 38 außerordentliche Mitglieder (Studentinnen und ausländische Theologinnen).
Abspaltung
Spätestens nach der Verabschiedung des in der Theologinnenfrage restriktiv verfassten Kirchengesetzes der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union von 1927 verschärften sich die Auseinandersetzungen um das Theologinnenamt innerhalb des Verbandes. Die Mehrheit der Theologinnen unter dem Vorsitz von Erna Haas, die 1925 das Fakultätsexamen in Marburg absolvierte und seit November 1927 mit dem späteren Neutestamentler Heinrich Schlier verheiratet war, beharrte auf einem zuarbeitenden, das Pfarramt ergänzenden Frauenamt, das so genannte Amt sui generis mit Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung im eigenverantworteten Arbeitsgebiet.
Eine Minderheit, die sich um die Theologinnen Carola Barth, Ina Gschlössl, Annemarie Rübens und Aenne Schümer formierte, forderte das volle Pfarramt mit öffentlicher Wortverkündigung, Sakramentsverwaltung und Gemeindeleitung und spaltete sich im Januar 1930 als „Vereinigung evangelischer Theologinnen“ ab. Der Austritt der Vereinigungsfrauen bedeutete eine Schwächung der Arbeit des Gesamtverbandes, der nun nicht mehr mit einer Stimme in Stellungnahmen sprechen konnte.
Nach 1933 löste sich die „Vereinigung evangelischer Theologinnen“ gezwungenermaßen auf, weil ihre Mitglieder teils Berufsverbot erhielten, in den Ruhestand versetzt wurden oder andere Einschränkungen hinnehmen mussten.
Krise im Verband
Die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 und die Maxime des Verbands, Neutralität zu wahren beziehungsweise das Gespräch untereinander nicht durch einseitige Positionierung abbrechen zu lassen, lösten 1935 eine weitere innerverbandliche Krise aus. Die westfälischen Theologinnen beantragten den korporativen Anschluss an die Bekennende Kirche (BK). Und die Berliner Theologinnen setzten sich erneut für die Bildung einer Art Schwesternschaft auf dem Boden der Bekennenden Kirche ein. Beides wurde intensiv diskutiert, fand aber keine Mehrheit. Letztlich verlagerte sich die inhaltliche und kirchenpolitische Arbeit in die regionalen Theologinnenkonvente, die sich seit den 1920er-Jahren gebildet hatten. Der Gesamtverband, der 1935 noch 253 Mitgliedsfrauen zählte, reduzierte seine Tätigkeit auf die Herausgabe der Verbandszeitung, die von 1931 bis 1943 erscheinen konnte. In den 1940er-Jahren begleitete der Vorstand die Neufassung der Theologinnengesetze zunächst im Vikarinnenausschuss der BK, dann in den Landeskirchen der sich bildenden EKD.
Die Teilung Deutschlands beeinträchtigte die Verbandsarbeit in zunehmendem Maße. 1951 wurden neue Richtlinien verfasst, die den Verband nur noch als lose Arbeitsgemeinschaft definierten. Diese lockere Arbeitsform und der Name „Arbeitsgemeinschaft evangelischer Theologinnen“ hielt sich bei den Theologinnen in der DDR bis zur politischen Wende 1989/90. Im Westen setzte sich spätestens ab der Neuauflage der Verbandszeitschrift 1954 der Name „Konvent“ durch. Die Mitgliedschaft war nurmehr auf die im EKD-Bereich tätigen Theologinnen beschränkt.
Unter der Leitung von Christine Bourbeck, die das Vikarinnenseminar der Evangelischen Kirche der Union in Berlin leitete, standen vor allem Ausbildungs- und theologisch relevante Gegenwartsfragen auf der Agenda. Den letzten gemeinsamen Vorstand wählten die Theologinnen 1961 in Berlin.
Um im geteilten Deutschland sinnvoll weiterarbeiten zu können, erfolgte im Herbst 1964 und im April 1965 die Wahl getrennter Vorstände. Im Osten wurde Ingeborg Becker, die Leiterin des Burckhardthauses und erste Ephora des Sprachenkonvikts in Ost-Berlin, zur 1. Vorsitzenden gewählt und im Westen Annemarie Grosch, Leiterin der landeskirchlichen Frauenarbeit in Schleswig-Holstein. Gemeinsame Tagungen nach dem Mauerbau fanden jährlich einmal in Ost-Berlin statt. Zwischen den Berlin-Tagungen trafen sich Ost- und West-Theologinnen zu separaten Besprechungen oder Tagungen.
Am Puls der Zeit
Mit ihren Tagungsthemen lagen die Theologinnen am Puls der Zeit. Sie behandelten stets aktuelle gesellschaftlich, kirchlich und theologisch relevante Sachverhalte.
Im Ost-Konvent wurden seit 1987/1988 Aufgaben und Struktur der Arbeitsgemeinschaft neu diskutiert, aber erst 1990 wählten die Theologinnen ein fünfköpfiges Leitungsteam. Der West-Konvent öffnete mit einem neuen Satzungsentwurf 1969 die Konventszugehörigkeit wieder für alle Theologinnen mit bestandenem erstem Examen oder einer entsprechenden Prüfung.
Ende der 1960er-Jahre kämpfte der West-Konvent mit einer gewissen Verbandsmüdigkeit, zumal die Gesetzgebungsarbeit in den meisten Landeskirchen im Wesentlichen als abgeschlossen galt und unklar war, welche Aufgaben und Ziele der Konvent weiterverfolgen sollte. Eine Umfrage 1970 ergab, dass eine feste Organisationsform mehrheitlich erwünscht war und vor allem die Ost-West-Tagungen in Berlin und der strukturierte Austausch mit den Kolleginnen in den östlichen Kirchen als wichtigste Projekte angesehen wurden und erhalten bleiben sollten.
Stellungnahmen zu kirchlichen Gesetzen, die Interessensvertretung beim Dachverband, den Evangelischen Frauen in Deutschland (EFD), und bei der EKD zählten zu den Hauptaufgaben des Vorstands im Westen. Mit der Einführung der Vereinsstruktur 1980 sicherten die Theologinnen den Konvent finanziell und institutionell ab. Gemeinsam mit den Studentinnen des Frauenforschungsprojekts zur Geschichte der Theologinnen an der Universität Göttingen wurde zur EKD-Synode 1989 die Ausstellung „Das Weib schweigt nicht mehr – Wie das Amt der Theologin Wirklichkeit wird“ entworfen und gezeigt.
Krise im Verband
Mit der Wiedervereinigung ließen sich die Theologinnen Zeit. Wichtig war zunächst, aufeinander zu hören und die getrennten Entwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten wahrzunehmen. Dietlinde Cunow, gebürtig aus Breslau, 1972 in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers ordiniert, Vorsitzende von 1987 bis 1996, wertete im Nachhinein die gemeinsamen thematischen Berlintagungen mit den intensiv erlebten Abendmahlsgottesdiensten am Ende jedes Treffens als Kitt, der die Theologinnen in Ost und West trotz aller Unterschiede zusammengehalten hatte. Der erste gemeinsame Vorstand nach 29 Jahren (1964 bis 1993) Trennung wurde 1994 gewählt. Cunow sowie Anette Reuter aus Dessau/Evangelische Landeskirche Anhalts, die seit 1992 im Leitungsteam-Ost mitarbeitete, setzten sich sehr für eine gemeinsam gestaltete Zukunft des Konvents ein. Das institutionelle Zusammenwachsen erfolgte in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre.
Der Konvent ist Mitglied im Christinnenrat, bei den Evangelischen Frauen in Deutschland, dem Ökumenischen Forum Christlicher Frauen in Europa, im Frauennetzwerk des Lutherischen Weltbundes und in der International Association of Women Ministers. Einmal jährlich erscheint die Konventszeitschrift online auf der Homepage www.theologinnenkonvent.de. Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag präsentiert der Konvent seine Arbeit auf dem Markt der Möglichkeiten. Im Jubiläumsjahr verzeichnet der Konvent 216 Einzelmitglieder sowie zwölf korporative Mitglieder.
Fokus erweitert
Bereits Anfang der 1930er-Jahre traten die deutschen Theologinnen mit Kolleginnen im benachbarten Ausland wie in den Niederlanden und der Schweiz in Kontakt, um die dortige Lage der akademisch gebildeten Theologinnen und ihre Berufsmöglichkeiten kennenzulernen. Die NS-Zeit und der Krieg beendeten diese Beziehungen vorerst. Nachweislich seit 1951 wurden wieder ausländische Gäste aus dem westlichen (Finnland, Schweden, Schweiz) wie östlichen Ausland (ČSSR, Ungarn, Polen) zu den Tagungen eingeladen. Heute pflegt der Konvent enge Beziehungen zum Theologinnenkonvent in Lettland, lädt regelmäßig Theologinnen aus Ost- und Westeuropa zu seinen Jahrestagungen ein, unterstützt römisch-katholische Reformbewegungen.
In der Vergangenheit bot der Konvent eine Möglichkeit, sich solidarisch und unterstützend mit den wenigen Theologinnen zu treffen, sich auszutauschen und zu stärken, besonders in der Zeit des geteilten Deutschlands. In den vergangenen Jahren hat sich der Fokus auf den ökumenischen und interreligiösen Austausch und die Netzwerk-Arbeit in Europa und weltweit erweitert. Die Jubiläumstagung im vergangenen Juni in Marburg/Lahn verstärkte neben der Funktion des Konvents als Solidargemeinschaft und als Ort der Weiterbildung den Aspekt, die gesellschaftlich-politische Stimme der Theologinnen effektiver zu Gehör zu bringen. Erweiterte Satzungsziele, wie das Sichtbarmachen aller als weiblich gelesener Personen in der Satzung sowie im Namen „Konvent Evangelischer Theologinnen in der Bundesrepublik Deutschland e.V.“, oder der Modus, eine Online-Mitgliederversammlung durchzuführen, stehen auf der kommenden Tagung zur Disposition. Die Festschrift, die anlässlich des Jubiläums im Mai 2025 erschienen ist, informiert kompakt über die Geschichte des Gesamtkonvents und der regionalen Konvente. Erstmals präsentiert sie die Entwicklungen der Frauenordination in den Nachbarländern und stellt Pionierinnen sowie frühere Konventsvorsitzende vor.
Cornelia Schlarb
Dr. Cornelia Schlarb ist bei der Redaktion Theologinnenheft des Konvents ev. Theologinnen in Deutschland tätig.