Francesco Grano (Klavier): Bach. Piano transcriptions. La Bottega Discantica, 2025.
Eine Welt ohne die Musik von Johann Sebastian Bach? Oh nein! Es gibt für viele Menschen, die Musik lieben, keine schlimmere Vorstellung. Doch eigentlich gehört es zu den großen glücklichen Zufällen, dass die Musik Johann Sebastian Bachs überlebte und ein Ende ihrer Wirkmächtigkeit nicht abzusehen ist. Das war keineswegs ausgemacht, galt doch vielen seiner Zeitgenossen die Musik des großen Thomaskantors bereits zu dessen Lebzeiten als überholt.
Selbst die Matthäuspassion, die heute vielen als Gipfelpunkt abendländischen Musikschaffens gilt, war Bachs Zeitgenossen keine öffentliche Äußerung wert, sondern sie musste 1829 vom jungen Felix Mendelssohn wiederentdeckt werden und die h-Moll-Messe, der andere musikalische Achttausender, bezeichnete erst 1818 der Verleger Hans Georg Nägeli als das „größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker“. Und erst sehr zögerlich kam die Bachrenaissance im 19. Jahrhundert in Gang, und der Reichtum des vokalen, orchestralen und kammermusikalischen Schaffens wurde nach und nach wiederentdeckt, seitdem 1850 die erste Gesamtausgabe der Werke Bachs gestartet wurde.
Doch ein Genre der Bachschen Kunst wurde nie ganz vergessen, und das war die Musik für Tasteninstrumente, insbesondere die Sammlung „Das Wohltemperierte Klavier.“ Das Klavier sorgte im 19. Jahrhundert auch für die Verbreitung Bachscher Vokalmusik, und früh entstand das Genre der Transkriptionen Bachscher Werke für Klavier. Tastenvirtuosen wie Franz Liszt und besonders nach ihm Feruccio Busoni schufen mit ihren Bearbeitungen Bachscher Werke ein eigenes Genre, das bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. So ist erst jetzt wieder eine neue CD erschienen, auf der Francesco Grano, ein junger italienischer Pianist, eine sehr berückende Auswahl zusammengestellt hat.
Nicht satthören kann man sich an der Transkription Harold Bauers von „Die Seele ruht in Jesu Händen“ aus Bachs Kantate BWV 127, aus der Grano wirklich alles herausholt. Hier vermählt sich Bachs Melodik und Harmonik in vornehmster Manier mit der Ausdrucksfülle eines Konzertflügels. Und das gilt auch für andere der vielen Glanzpunkte dieser CD, zum Beispiel für die berühmte Bearbeitung des Chorals „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ aus der Kantate BWV 140 von Wilhelm Kempff. Die außerordentliche Qualität dieses Melodiearrangements war Bach wohl bewusst, denn er selbst „zweitveröffentlichte“ diese Choralfassung als ersten in seinen „Schübler Chorälen“ für die Orgel (BWV 645). Um es kurz zu machen: Auf diesem Bach-Silberling Francesco Granos ist jedes Stück ein Treffer und scheint insofern perfekt dafür geeignet, unter möglichst vielen Christbäumen der Welt zu liegen.
Reinhard Mawick
Reinhard Mawick ist Chefredakteur und Geschäftsführer der zeitzeichen gGmbh.