Ich und Tanzen

Egoexpress: Illustre Werkschau

Egoexpress: A Piece of the Action.  (1995–2005) Bureau B/Indigo, 2025.

Auch größte Bedenkenträger von damals geben heute zu: Olaf Scholz ließ 2017 beim G20-Gipfel die Polizei die Falschen jagen. Hätte er sich mal an jene in der Elbphilharmonie gehalten, der Welt wäre viel erspart geblieben … Aber Hamburg war immer mehr als das: Die Indie-geprägten Freunde Mense Reents und Berndt ‚Jimi‘ Siebels zog es 1990 dahin, als sich im Kielwasser der Goldenen Zitronen gerade die „Hamburger Schule“ bildete (Tocotronic, Die Sterne, Blumfeld und andere), die dann Diskursrock wurde. Reents und Siebels aber packte die Bassdrum: „blunt, immediate, and liberating“, schreibt Patrick Ryder in seinen konzisen Liner Notes.

Mit DIY-Ethos und Klangfaszination droschen sie ihre Prägung durch Punk, Mod-Kultur, NDW und das Faible für die hypnotische Intensität von Suicide oder Bohannon zu Elektromusik, die bis heute kickt. Sie hat Bumms, Kante, Funk und Witz, der die nahrhafte Ursuppe spiegelt: Seit 1995 waren sie das House-Duo Egoexpress Siebels als bildender Künstler, Reents auch bei den Zitronen. Er hat aus dem Œuvre nun „A Piece Of The Action (1995–2005)“ kuratiert, eine wunderbare Werkschau mit 16 Tracks.

Sie reißen vom Punkt weg in Bewegung, Fröhlichkeit und gewichtig ins Leichte. Schulterrollen und Hüftkreisen beschert gleich der erste, das funky-euphorisch entflammte We Are Here, erst recht, wenn die Bassdrum zurückgeknallt kommt. Drumkraft ist abstrakt, sperrig, Intelligent Techno. Spätestens Hot Wire My Heart (Edit) lässt die Wohnung beim Gang zur Kaffeemaschine indes alles schnöde Vertraute verlieren und die Arme nach oben fliegen, wenn Drum und Basslinie wieder hochgezogen werden – Körper, Geist, Seele wippen. Musik, die auch für den Lauti beim Gegenprotest taugt, weil sie mit Erinnerung an gemeinsam gefeierte Nächte flutet. Und so viele Details: Ska-Bläser, Knef-Stimme, Latin-Drive, Dub on Speed, Yello, doch können sie auch anders, ins fett Psychedelische oder dicht an Aphex-Twin-Knarzen.

Prätentiös ist das alles nie, tanzbar immer, eben: Beautiful Music/Dangerous Rhythm. Können Lust und Ausgelassenheit sozial sein? Eminent sogar, Egoexpress schultern elegant die Beweislast. Liebling bleibt Knartz IV mit einer herrlichen Intro-Collage aus Gesprächs- und historischen, eine „Zurück in die Zukunft“-Szene imitierenden Tanzmusikfetzen (diese Details!), die mit einem gedämpften „Oh, my God, it’s techno music!“ endet. Dann geht es ab. Munter klaubender Mundraub zwischen Erfinden und Erkunden. Die Kanten rund, Effekte teils gar Ambient. Das reißt mit, umarmt, grooved, tröstet, „ist Ich und Tanzen“, sexuell wie das cunnilinguale „Hohl von innen“ oder setzt wie „Weiter“ mit seinem Mantra „man muss immer weiter durchbrechen/gehen“ Impulse. Dem obwaltendem Irrsinn steht freundlich Lebendigkeit entgegen, und dies entschieden. Anstand, der kickt. Und wie.

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