Schlüssig

Zuversicht in der Krise

Winfried Kretschmann: Der Sinn von Politik ist Freiheit. Patmos Verlag, Düsseldorf, 2025, 158 Seiten, Euro 20,–.

Seit dem Mai 2011 ist Winfried Kretschmann Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Für das kommende Jahr hat er angekündigt, nicht für eine neue Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Da liegt es nahe, nicht nur persönlich, sondern auch öffentlich zu sagen, was ihn in der Zeitspanne eines Vierteljahrhunderts geprägt und getragen hat.

Doch was ihm auf einem langen politischen Weg wichtig geworden ist, schildert er nicht auf einem unmittelbar autobiografischen Weg. Vielmehr orientiert er sich an Hannah Arendt, der in Deutschland aufgewachsenen Jüdin, die angesichts der NS-Diktatur über Frankreich in die USA emigrierte, so dass sie für den Studenten Winfried Kretschmann nur über den Abstand des atlantischen Ozeans hinweg zur akademischen Lehrerin werden konnte. Ihr verdankte er die Neuorientierung seines politischen Denkens und Handelns.

Biografische Wende

Winfried Kretschmann gehörte in den späten 1960-Jahren als Student zum Kommunistischen Bund Westdeutschland, in dessen Auftrag er – weithin vergeblich – versuchte, schwäbischen Arbeitern in Esslingen die Kommunistische Volkszeitung und deren Ideologie nahezubringen. Dass er damit keinerlei Erfolg hatte, veranlasste ihn zum Nachdenken. Für die Befreiung aus der „linksradikalen Abseitigkeit“ und den Weg zu einer politischen Neuorientierung gewann die Begegnung mit den Schriften von Hannah Arendt eine zentrale Rolle. Diese Orientierung bewährte sich auf Dauer.

Das ist eine beeindruckende biografische Wende. Sie erklärt, warum Kretschmanns Verhältnis zu Hannah Arendt ganz und gar von den elementaren demokratischen Einsichten bestimmt ist, die zwar in der Haltung der Philosophin eine große Rolle spielen, aber nicht gerade ihre Einzigartigkeit ausmachen. Denn diese Einzigartigkeit hat untrennbar mit der Kraft zu tun, die Hannah Arendt aufbringen musste, um als Jüdin rechtzeitig vor dem Terror des nationalsozialistischen Regimes zu fliehen und zunächst in Frankreich sowie später in den USA ein neues Leben zu beginnen. Kretschmann hingegen interessiert sich für die elementaren Einsichten demokratischer Politik, die sich bei Hannah Arendt, aber auch bei anderen Vertreterinnen und Vertretern der politischen Wissenschaft finden.

Pluralität der Gesellschaft

Dass jedes der fünf Kapitel mit einem Zitat von Hannah Arendt beginnt, ändert nichts daran, dass damit Wahrheiten angesprochen werden, die zum Pflichtprogramm demokratischer Politik gehören. Pluralität, Freiheit, Macht durch gemeinsames Handeln, Wahrheit im öffentlichen Raum, Zuversicht in schwieriger Zeit. Auch wenn die Überschriften der einzelnen Kapitel auf Zitate von Hannah Arendt zurückgehen, so sind es doch nicht gerade diejenigen, in denen die Einzigartigkeit Hannah Arendts besonders deutlich zum Ausdruck kommt. Von der „Banalität des Bösen“, um nur das berühmteste Beispiel zu nennen, ist nicht die Rede. Ohne Zweifel ist die Einsicht in die Pluralität der Gesellschaft oder die Pflicht der Politik zur Wahrung der Freiheit bei Hannah Arendt markant vertreten. Einen Anspruch auf Ausschließlichkeit hätte sie selbst dafür zuallerletzt in Anspruch genommen.

Immer deutlicher wird aus dem Buch über Hannah Arendt ein Buch über die politischen Prioritäten des Autors. Seine Erfahrungen als Ministerpräsident werden Schritt für Schritt wichtiger als das, was er in einer entscheidenden biografischen Situation von Hannah Arendt gelernt und für sein politisches Leben bewahrt hat. Auch diese Seite des Buchs ist interessant. Dass der Autor sich für eine Politik des „Gehörtwerdens“ einsetzt; warum der Klimaschutz nur zusammen gelingen kann oder warum die demokratische Gesellschaft einen „funktionierenden öffentlichen Raum“ braucht – all das sind Einsichten, die ebenso schlüssig wie bedenkenswert sind.

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Foto: epd

Wolfgang Huber

Dr. Dr. Wolfgang Huber ist ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender, Bischof i. R. und Herausgeber von "Zeitzeichen." Er lebt in Berlin.

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