Unvoreingenommen

Über Jakob Böhme

Thomas R. Elßner: Jakob Böhme zur Einführung. Herder Verlag, Freiburg i. Br. 2025, 160 Seiten, Euro 24,–.

Angesichts des 400. Todestags und des 450. Geburtstags Jakob Böhmes (1575–1624) hätte man erwarten dürfen, dass die evangelische Theologie einen der vielleicht größten protestantischen Laienphilosophen neu ins Gespräch bringt. Doch war es erst der katholische Alttestamentler Thomas R. Elßner, der mit seiner Einführung nun eine theologische Auseinandersetzung vorlegt, die dem Rang dieses „Gotteswanderers im breiten Strombett des so genannten Geistchristentums“ (so Elßner) gerecht zu werden sucht.

Dass es dazu kam, ist ein Glücksfall – und mehr als ein Akt interkonfessioneller Gastfreundschaft in der katholischen Reihe „Theologie im Dialog“. Elßner bringt nicht nur einen theologisch unvoreingenommenen Blick mit, sondern auch ein – exegetisch geschultes – Gespür für die Quellen, die Böhmes Denken speisten. So bietet das Buch nicht bloß einen Nachvollzug von Böhmes Leben und Werk, sondern eine theologische Vermittlungsleistung, indem es den Leser in das Denken Böhmes einführt. Böhmes Lebensweg – von der Görlitzer Schusterwerkstatt zum Verfasser eines theosophischen Œuvres – wird von Elßner mit klarem Blick auf die lückenhafte Quellenlage entfaltet. Statt spekulativer Dramatisierung trifft man auf eine wohltuend zurückhaltende, um historische Plausibilität ringende Darstellung. Diese biografische Erdung ist Voraussetzung für den eigentlichen Schwerpunkt des Buches: die Darstellung von Böhmes Theologie.

Diese wird mit Nachdruck aus den Primärtexten entwickelt. Der Autor schärft Böhmes theologisches wie philosophisches Profil – in Abgrenzung von gängigen Etikettierungen, etwa als mystisch. „Für den Theo-Philosophen Böhme ist das Letzte und Tiefste nicht (wie für die Mystik) die Einheit, sondern der Gegensatz und die Zweiheit“, heißt es an zentraler Stelle. Leben sei für Böhme nur möglich, „wo der Gegensatz ist“ – und Gott sei „nur deshalb der offenbare Gott, weil er den Gegensatz in sich trägt, aus dem die Welt geworden ist“. Solche Einsichten offenbaren ein Denken, das – inspiriert von der Bibel ebenso wie von Kabbala und Naturphilosophie – in spezifischer Weise nach einer theologischen Deutung von Welt, Mensch und Gott strebt. In eigener Weise anregend sind jene Abschnitte, in denen Elßners alttestamentliche Expertise hervortritt. Wenn er etwa auf Böhmes Umgang mit Genesis-Texten oder auf dessen „Sophia“-Vorstellungen eingeht, geschieht dies nicht nur philologisch präzise, sondern theologisch ausdeutend – ein Gewinn für die Leserinnen und Leser, die sich auf einen existenziellen wie spekulativen Denker einlassen wollen.

Das Buch folgt einer klaren Struktur: Nach einem Auftakt über das Geburtsjahr 1575, das Elßner als „Zeitenwende“ deutet, folgt ein biografischer Teil, in dem prägende Gestalten wie Schwenckfeld, Kopernikus und Paracelsus ebenso behandelt werden wie Böhmes Konflikte in Görlitz. Die zentrale theologische Ausarbeitung beginnt mit der „Morgenröte im Aufgang“ und vollzieht sich über Böhmes „Theo-Philosophie“ und das „Mysterium Magnum“ bis hin zu einer Auseinandersetzung mit Böhmes Verhältnis zur Reformation – sowie einem bemerkenswerten Kapitel zu Böhmes Vorstellung der Androgynität Gottes. Ein Schlusskapitel gibt der Rezeptionsgeschichte Raum. Besonders instruktiv ist der Abschnitt zur DDR-Rezeption: Differenziert nach marxistischer, humanistischer und theologischer Lesart macht Elßner deutlich, wie unter den spezifischen Bedingungen des Wissenschaftsbetriebs in der DDR an Böhmes Denken angeknüpft wurde. Wünschenswert wäre, dass das sorgfältig ausgearbeitete Buch eine Folgeauflage erfährt – nicht nur, weil dies die Möglichkeit gäbe, vereinzelte Mängel in Lektorat und Satz auszubessern, sondern vor allem, weil Elßner hier einen Erschließungsweg eröffnet, dem weitere Schritte folgen sollten: ökumenisch offen, theologisch ambitioniert, geistlich inspirierend.

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Foto: Andreas Helle

Tilman Asmus Fischer

Tilman Asmus Fischer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und schreibt als Journalist über Theologie, Politik und Gesellschaft

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