Very British

Acht Glocken und ein Toter

Dorothy L. Sayers:  Der Glocken Schlag. Rowohlt Verlag, Hamburg 2024, 448 Seiten, Euro 22,–.

Die Engländerin Dorothy L. Sayers (1893–1957) war eine begabte Schriftstellerin. Und als Pfarrerstochter kannte sie sich in der anglikanischen „Kirche von England“ (CofE) aus. Beides wird in dem Krimi Der Glocken Schlag deutlich. Er spielt in einem kleinen Dorf in der englischen Region East Anglia. Und für die Lösung des Falls ist das in England übliche Wechselläuten (change ringing) der Kirchenglocken entscheidend. Dabei werden die Glocken jedes Mal in einer anderen Reihenfolge geläutet. Mit der Handlung des Krimis werden Glocken originell verknüpft.

Der Glocken Schlag ist der neunte Fall des Hobbydetektivs Lord Peter Wimsey. An einem Silvesterabend ist er, begleitet von seinem Butler, auf dem Weg zu Freunden in East Anglia. Doch bei dichtem Schneetreiben fährt Wimsey den Daimler in den Straßengraben. Die Dunkelheit erschwert den beiden Männern die Orientierung in der Moorlandschaft. Aber dann hören sie eine Kirchenglocke. Und der Lord ruft aus: „Wo eine Kirche ist, da ist Zivilisation.“ Er und der Butler werden von Pfarrer Theodore Venables und seiner Frau im Pfarrhaus von Fenchurch St. Paul aufgenommen und großzügig bewirtet. Dass sie ein Dienstmädchen und einen Gärtner beschäftigen (können), zeigt, dass Der Glocken Schlag 1934 veröffentlicht wurde. Mittlerweile hat die Kirche von England viele Dorfpfarrhäuser verkaufen müssen.

Pfarrer Venables begeistert sich für das Wechselläuten. So ist er überglücklich, dass Lord Wimsey für einen erkrankten Glöckner (bell ringer) einspringt. Nun können die acht Glocken des Kirchturms – wie geplant – von Mitternacht bis neun Uhr geläutet werden. Dorothy Sayers porträtiert die sieben Bell Ringers, vom 75-Jährigen, der seit 60 Jahren dieselbe Glocke läutet, bis zum „schüchternen Jüngling“, der das Wechselläuten noch lernt.

Spannung steigt

Bevor Lord Wimsey Fenchurch St. Paul verlässt, erfährt er noch, dass vor längerer Zeit bei der Familie Thorpe im Herrenhaus des Ortes eingebrochen und eine wertvolle Halskette gestohlen wurde. Und dieses Ereignis spielt im Verlauf des Krimis eine wichtige Rolle An Ostern schreibt Pfarrer Venables Lord Wimsey, man habe in Lady Thorpes Grab, als es für ihren Mann ausgehoben wurde, die entstellte Leiche eines Unbekannten entdeckt. Wimsey kehrt auf Bitte des Geistlichen nach Fenchurch St. Paul zurück und ermittelt in viele Richtungen.

Theodore Venables nimmt seine Pflicht ernst, als Pfarrer der CofE nicht nur für Anglikaner da zu sein. So hält er die Beerdigung des Toten, dessen Konfession natürlich ebenfalls unbekannt ist. In der Schilderung des Trauergottesdienstes zeigt Dorothy Sayers, dass sie sich mit Glaubensfragen auseinandergesetzt hat. Als in der Schriftlesung von der Auferstehung die Rede ist, fragt sich Lord Wimsey: „Glauben es alle die Leute hier? Glaube ich es? Glaubt’s überhaupt einer?“ Die Vernehmung von Zeugen und Verdächtigen geraten wie Wimseys Gespräche mit der Polizei etwas langatmig. Trotzdem steigt die Spannung. Und die Lösung des Falles überrascht.

Die Übersetzung aus dem Englischen ist gut – ausgenommen kirchliche Begriffe. So wird Church of England mit „Hochkirche“ übersetzt. Dabei wird so nur ein Flügel der CofE bezeichnet. Eine Dorfbewohnerin ist Nonconformist. Deutsche würden „Mitglied einer Freikirche“ (denn das ist gemeint) sicher besser verstehen als die wörtliche Übersetzung „Nonkonformistin“. Die Geistlichen der Kirche von England werden meist als Vicar bezeichnet. Aber die Übersetzung mit „Vikar“ ist falsch. Denn ein Vikar ist in den evangelischen Landeskirchen Deutschlands ein Geistlicher, der (wie ein Rechts- oder Studienreferendar) die praktische Berufsausbildung zwischen erstem und zweitem Examen durchläuft.

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