Ohne Ansehen der Person

Jan Sanders van Hemessen schickt Jesus zum Aufräumen in die Kathedrale
Foto: Privat

Einer der anmutigsten Plätze in Europa befindet sich in Nancy: Place Stanislas, benannt nach dem letzten Herzog von Lothringen, gebaut zu Ehren des Schwiegersohns, Ludwig dem XV, 1983 in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Das Geviert aus Rathaus, die Oper, das Grand Hȏtel de la Reine und das Museum der Schönen Künste umschließen den Platz, bewacht von 100 Maskaronen: Fratzengesichtern, ein Physiognomiekabinett, in das man sich verlieben kann. Abundanz an großen Pforten: Ein goldenes Gitter-Gewitter von Jean Lamour. Und bitte Zeit nehmen für den Brunnen im Rokokostil. 

Lange war Nancy die Kunstmetropole Lothringens, bis im nahen Metz eine Außenstelle des Centre Pompidou eröffnet wurde, auch architektonisch ein großer Wurf. Das Musée des Beaux Arts de Nancy steht seitdem im Schatten dieses Museums. Und doch habe ich dort ein mich fesselndes Gemälde von Jan Sanders van Hemessen (1500-1566) entdeckt. Aufmerksam geworden war ich auf ihn vor vielen Jahren durch sein Gemälde Die Goldwägerin (1530). 

Magere Biographie

Seine Biographie ist mager. Er gehört nicht zu den bekanntesten Malern des 16. Jahrhunderts, wurde mit Malerkollegen einmal aus Antwerpen vertrieben, weil sie verdächtigt wurden, zu den Anabaptisten und Freigeistern zu zählen. Spannend aber: Er hat seine Tochter Catarina bis zum 20. Lebensjahr in Malerei unterrichtet, sie gilt als erste flämische Künstlerin, die mit ihrem eigenen Namen signierte. Später wurde sie von Maria von Kastilien, Königin von Böhmen und Ungarn, Prinzessin von Spanien und Erzherzogin von Österreich, sehr vornehm und nachhaltig gefördert. 

Jan Sanders Van Hemessen: Le Christ chasssant les marchands du temple, 171 X 67,3, um 1538, Datierung unklar. Quelle: Wikimedia

Jan Sanders Van Hemessen: Le Christ chasssant les marchands du temple, 171 X 67,3, um 1538, Datierung unklar. Quelle: Wikimedia

Zur Zeit von Van Hemessen war Antwerpen eine blühende Gewerbestadt und laute Finanzmetropole. Das religiöse Klima war beherrscht vom Streit zwischen Reformation und Gegenreformation. Aufregend ist der move, den Van Hemessen mit der biblischen Geschichte eines zornigen Jesus, der die Tauben-Händler und Geldwechsler aus dem Tempel in Jerusalem vertreibt (Mt 21,12ff., Joh 2,13ff.), unternimmt: die Szene spielt jetzt in der Kathedrale in Antwerpen. Was für die tradierte Geschichte gilt, gilt auch noch hier; Stichwort: Räuberhöhle und Kaufhaus statt Bethaus. Angedeutet wird die Kathedrale im Gemälde durch hohe Säulen und Rundbögen im Hintergrund. Zwar beherrschte das Thema Ablassstreit zu dieser Zeit nicht mehr die Agenda, aber van Hemessen nutzt die tradierte Geschichte, um den bleibenden religiösen Pomp der katholischen Kirche mit dem Urbild des umherziehenden, mittellosen Jesus zu kontrastieren. 

Jesus taucht zweimal im Bild auf, einmal oben links, schon nah am Ort des Geschehens, aber noch im Gespräch, vielleicht auf Einsicht bauend, dann übergroß, die linke Hälfte dominierend. Die Forschung spricht von Simultan- oder besser: von Kontinuitäts-Darstellungen, die die Narration verzeitlichen, aufeinander folgende Bilder, die auf das spätere Filmmedium vorverweisen. Dieser Jesus, im schlichten Dress eines armen Wandercharismatikers gekleidet, in gedecktem grau-braun unterwegs, sich deutlich von den farbenfrohen Gewändern der Umgebung abhebend, barfüßig, holt zur Bewegung aus.

Es trifft immer die Richtigen

Aber während der Körper ganz von der Dynamik beherrscht wird, bleibt, und das ist die Pointe des Bildes, das Antlitz zwar konzentriert, aber nicht zornig, keine prophetische Verbissenheit im Blick, beinahe Freundlichkeit und Demut ausstrahlend, die Augen bleiben geschlossen, der Blickkontakt, der Einhalt gebieten könnte, wird verweigert, ohne Ansehen der Person wird hier die ganze Bagage Antwerpens hinausgeprügelt. Es trifft immer die Richtigen, denn alle, die sich im Dunstkreis der Gegenreformation aufhalten, verraten die durch Luther wiederentdeckte arme Urkirche. Kehraus mit Antwerpen. Der Aufruhr ist beträchtlich. Es herrscht ein Tohuwabohu, ein heilloses Durcheinander. Und warf der historische Jesus nur die Tische der Händler um und scheuchte sie hinaus, hat hier der Jesus aufgerüstet. Oder holt er nur drohend zum Schlag aus? 

Besonders erwähnenswert: Mit dem Twist in die Kirche vermeidet van Hemessen es, die verstörenden antisemitischen Stereotypen zu bedienen, die diese Szene in der christlichen Ikonographie sehr lange beherrschten, wenn es galt, die Geldwechsler und Taubenverkäufer dazustellen.

Nancy, also. Das Museum der schönen Künste.

Seit heute nicht länger ein Geheimtipp. 

 

 

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.

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