Feindesliebe, Pazifismus, Waffen

Ist der Frieden noch zu retten? Drei unterschiedliche Antworten auf diese Frage
Gewachsene Europakarte mit Friedenstaube als aus Sonnenblumen, Hanf und Mais in Utting am Ammersee
Foto: Picture Alliance/dpa/Peter Kneffel
Das Labyrinth "Ex Ornamentis" aus Sonnenblumen, Hanf und Mais in Utting am Ammersee.

Ein bekannter Psychologe, ein pazifistischer Philosoph und ein evangelischer Außenminister beschreiben unterschiedliche Rettungswege für den Frieden. Wer hat recht?

Dreimal kommt der Begriff „Feindesliebe“ in der neuen EKD-Friedensdenkschrift, stets in Form von „Nächsten- und Feindesliebe“, quasi im Gesamtpaket jesuanischer Friedensethik. Nächstenliebe und ihre Radikalisierung in Form von Feindesliebe haben einen wichtigen und orientierenden Wert, betont die neue Friedensdenkschrift immer wieder. Doch sie beschriebt eben auch die Grenzen des Konzepts, vor allem vor dem Hintergrund des Krieges Russlands gegen die Ukraine. Was genau würde aber die konkrete Anwendung der Feindesliebe in dieser Situation bedeuten? 

Cover des Buches "Feindesliebe", Handreichung über Stacheldraht hinweg

Zumindest Hinweise liefert Wolfgang Schmidbauer, Psychologe und Psychoanalytiker, nicht zuletzt bekannt durch seine Kolumne für das Zeit-Magazin. Er hat jüngst ein Buch veröffentlicht, das den Titel „Feindesliebe“ trägt und ein Plädoyer sein will für ein „fast vergessenes Prinzip“. Das ist es ehrlicherweise nicht, dafür fehlt dem Buch der stringente Aufbau und die argumentative Logik eines Plädoyers vor Gericht. Aber als produktive Irritation taugt das Buch allemal.

Unrecht leiden statt Unrecht tun?

Tatsächlich benennt Schmidbauer nämlich gleich zu Beginn des Buches den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Wobei er klar macht, dass schon diese Formulierung eine Interpretation ist. „Die Zuschauer glauben zum Teil, dass die Ukrainer wirklich für ihre Freiheit kämpfen, während die Russen den Einflüsterungen eines Faschisten folgen. Der andere Teil glaubt, dass die Russen wirklich für ihr Land… usw.“ 

Soweit, so aufgeklärt, denn seit Kant ist klar, dass jede Bewertung der Welt auf einer bestimmten Wirklichkeitskonstruktion beruht, die eben nicht objektiv ist, sondern abhängig von der Gesellschaft, in der wir leben und die unser Bewusstsein prägt. Oder, wie Schmidbauer es an anderer Stelle ausdrückt: „Feindesliebe gebietet, dem Mitmenschen zuliebe die eigene Überzeugung in Frage zu stellen.“

Dass darin aber eine große Zumutung stecken kann, wird in den folgenden Sätzen im Zusammenhang mit der Ukraine deutlich: „Wer denkt noch daran, dass es besser sein könnte, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun? Wir erzählen uns Geschichte einseitig“, meint Schmidtbauer und verweist auf die Verachtung des britischen Ministerpräsidenten Chamberlain und seiner Appeasement-Politik gegenüber Hitler und die Anerkennung, die wir seinem Nachfolge Winston Churchill und seiner „Blut-Schweiß- und Tränen“-Politik zollen. „Aber Auschwitz ist durch Krieg nicht verhindert worden, im Gegenteil. Wir wissen nicht einmal, ob sich ohne Krieg der deutsche Antisemitismus gleich grausam entwickelt hätte.“ Nicht die einzige Stelle in Schmidbauers Buch, an der man schlucken muss. Aber kann man widersprechen? Wie gewiss sind unsere friedensethischen Gewissheiten?

Relativer Pazifismus

Schmidbauer verweist an mehreren Stellen auf die Beispiele Südtirol und Elsass, an deren Zugehörigkeit zu Italien und Frankreich „fast alle Bewohner“ nichts mehr ändern wollten. Das liege „auch an den Erinnerungen, wie sinnlos und erschöpfend die früheren Auseinandersetzungen waren.“ Dass dies im Falle der Ukraine auch so sein könne, sagt Schmidbauer nicht. Aber er zitiert den Berliner Philosophieprofessor und Pazifisten Olaf L. Müller, der es für wichtiger hält, dass ein Vater für seine Familie da sein kann, anstatt tot zu sein, weil er sein Land verteidigt hat. „Die Freiheit kann zurückkehren, der Tod ist unabänderlich.“  Auch angesichts der russischen Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung spricht Müller von einem „widerlichen Dilemma“: In der Tat läuft meine Position darauf hinaus, dass ich mich durch die unterlassene Hilfe schuldig mache.“

Blick auf das Podium in der Evangelischen Akademie zu Berlin von schräg oben

Blick auf das Podium während der Veranstaltung der Evangelischen Akadmie zu Berlin (v.r.n.l.): EKD-Ratsvorsitzender Kirsten Fehrs, Olaf L. Müller, Philosophie Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin, das Moderatorenteam Uwe Trittmann, Evangelische Akademie Villigst und Dr. Carola Hausotter, Evangelische Akademie Bad Boll, Dr. Gerlinde Niehus, frühere stellv. Direktorin in der NATO für Sicherheitskooperation mit den Partnerländern und Dr. Anna Sauerbrey, Journalistin und Außenpolitische Koordinatorin der ZEIT, Hamburg Foto: Dreyer/EAzB

Dieses „Schuldbekenntnis“ wiederholte Müller am vergangenen Donnerstag bei einer Veranstaltung der Evangelischen Akademie zu Berlin zur neuen Friedensdenkschrift der EKD. Er vertrete seine Position des sogenannten relativen Pazifismus in dem „Bewusstsein, dass ich schuldig werde gegenüber der Ukraine“, etwa wenn er Waffenlieferung ablehne. Wobei es ihm, anders als den Anhängern des Gesinnungspazifismus, um einen differenzierten Blick auf das Thema Waffen gehe. So halte er bei konventionellen Waffen die Androhung von „Rache“, und die entsprechenden Angriffswaffen dafür, für äußerst zweifelhaft. Doch es gebe ja auch die Möglichkeit, die Defensive am Boden so sehr zu stärken, dass die Chancen Russlands gegen null gingen.

Beim Thema Abschreckung mit Atomwaffen kritisierte Müller die EKD-Denkschrift deutlich. Einerseits heißt es dort klar: Hinter die Ächtung von Atomwaffen, wozu auch die Androhung eines nuklearen Schlags gehört, gibt es kein ethisches Zurück.“ Andererseits sei ein Verzicht darauf in der jetzigen konkreten politischen Situation wiederum „kaum politisch zu vertreten“, so die Denkschrift  weiter. Auch die nukleare Teilhabe oder der Besitz von Nuklearwaffen könne also vor diesem konkreten Hintergrund eine ethisch begründbare Entscheidung sein.

Zwei Schritte zur Entspannung

Es sei „schockierend, wie zurückhaltend die Denkschrift an diesem Punkt urteilt“ sagte Müller. „Alle Atomwaffen müssen weg“. Er schlug zwei Schritte vor, die deeskalierend wirken würden. Zum einen müsse der Westen darauf verzichten, sich den Erstschlag vorzubehalten. „Das ist Teufelszeug“, sagte Müller, das man im kalten Krieg benötigt habe, weil der Warschauer Pakt konventionell so übermächtig war. Doch das habe sich nun geändert. „Wenn es darum geht, sich gegen einen konventionellen Anschlag zu wappnen, brauchen wir keine Atomwaffen.“ Deswegen müsse die NATO auf diese Option verzichten, so wie es China bereits getan habe. 

Zudem solle der Westen das Prinzip des „Launch on warning“ aufgeben, wobei die eigenen Raketen bereits dann gestartet werden, wenn auf dem Bildschirm angezeigt wird, dass Russland Atomwaffen gestartet hat und bevor diese einschlagen. Das sei mit Blick auf mögliche Fehlalarme „supergefährlich“, zumal mittlerweile KI an dem Prozess beteiligt sei, die nicht immer nachvollziehbar agiere.

Weiterhin kritisierte Müller den Begriff der „Ultima Ratio“ beim Einsatz rechterhaltender Gewalt. Dieser klinge „wie eine Zauberformel, wenn alle anderen Mittel versagt haben. „Aber woher wissen man, dass alle Mittelausgeschöpft seien? Müller verwies auf einen Artikel der Fachzeitschrift Foreign Affairs  (hier eine ausführliche Einordnung und Zusammenfassung aus dem österreichischen Standard) wonach Russland und die Ukraine bis Mai 2022 einen Vertrag zu 90 Prozent ausgehandelt hätten. Wichtiger als Territorien seien Sicherheitsgarantien gewesen, doch der Westen habe sich diesen Verhandlungen verweigert. „Hätten wir da mehr investiert und wären ein Stückchen weiter gegangen, dann wären die Ukrainer jetzt in einer wesentlich besseren Situation, als sie jetzt sind.“

Bundesaußenminister Johan Wadephul bei der TAkademietagung in Berlin

Budesaußenminister Johann Wadephul bei seinem Kommentar zur EKD-Friedensdenkschrift. Foto: Dreyer/EAzB

Leider war Bundesaußenminister Johann Wadephul zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr anwesend. Sein Blick auf diese These wäre interessant gewesen. Zumal er zuvor auf eine Frage aus dem Publikum sich bereit zeigte, darüber zu diskutieren, „was wir tun können und was in den vergangenen Jahren versäumt worden sei an Herstellung von Verständigung.“  Aber all das rechtfertige doch auf keinen Fall „diesen barbarischen Krieg“, der täglich mindestens 500 russischen Soldaten das Leben koste. Er habe es unterstützt, dass  Olaf Scholz als Bundeskanzler der vorherigen Bundesregierung stundenlang mit dem russischen Präsidenten Vladimir Putin verhandelt und ihm versichert habe, dass ein Beitritt der Ukraine zur NATO nicht zur Debatte stünde. Und trotzdem habe Putin zur Waffe gegriffen. „Wir haben nicht nur jede ethische Berechtigung, sondern die Verpflichtung, in dieser Situation an der Seite der Ukraine zu stehen.“

Russland sei derzeit diplomatisch kaum mehr erreichbar“ sagte Wadephul in seinem Kommentar zur EKD-Friedensdenkschrift, die er als „wichtige Schrift“ mit „klugen Antworten“ bezeichnete. Er hätte sich allerdings mit Blick auf die Ukraine eine eindeutigere Positionierung gewünscht. Die Voraussetzungen für rechtserhaltende Gewalt seien in der Ukraine klar erfüllt. „Was die Menschen in der Ukraine schützt, ist nicht kategorischer Gewaltverzicht. Es sind Waffen.“ Mit Blick auf die Aufrüstung der NATO und die Debatte darum in Deutschland betonte er, dass es darum gehe, dem Aggressor zu kommunizieren, „dass wir uns verteidigen können, damit wir uns nicht verteidigen müssen.“ Der Friede sei zu retten, aber dafür sei Handeln in Verantwortung notwendig.    

     

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Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens. Zudem ist er zuständig für den Online-Auftritt und die Social-Media-Angebote von "zeitzeichen". 

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