Einige Tage danach lässt zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick die 6.Tagung der 13.EKD-Synode in Dresden noch einmal Revue passieren: Öffentlichen Widerhall fand in erster Linie die Friedensdenkschrift des Rates der EKD, die dort präsentiert wurde. Und ganz zum Schluss gab es eine aufschlussreiche Debatte - ausgelöst durch eine jahrzehntealte EKD-Schrift, die nun plötzlich nicht mehr auf der EKD-Website zu lesen ist.
Die Held:innen sind müde: Während in früheren Jahrzehnten nächtelang um Kommata und Spiegelstriche gerungen wurde, um eine Synodenkundgebung zum Schwerpunktthema zu verabschieden, von der manche meinten, sie würde die Welt verändern, gab es zum Ende der Synode in Dresden, wie schon in den Jahren zuvor, keine solche Kundgebung. Aber was hätte man vergangene Woche auch zum Schwerpunktthema „Kirche und Macht“ kundgeben sollen? Neue Erkenntnisse wurden bei der Behandlung desselben zum Auftakt der Synode kaum gewonnen. Man hörte drei Referate und man hörte zwei Betroffene sexualisierter Gewalt. Man murmelte vor Bibeltextstelen und eigentlich, so jedenfalls trugen es einem viele Teilnehmende später „off the records“ zu, sei man mit dem Verlauf des Nachmittags eher mäßig zufrieden.
Aber es sollte ja auch nur der Auftakt der Beschäftigung mit dem Thema sein, oder wie es EKD-Synodenpräses Anna-Nicole Heinrich, die Aktion souverän tieferhängend, zum Abschluss der Synode vor der Presse ausdrückte: Die fünf Stunden Befassung mit dem Schwerpunktthema, so die Präses sei nur „eine erste Möglichkeit gewesen, im synodalen Kontext ins Gespräch zu gehen“. Die „Prozessgruppe“ werde das Thema weiterverfolgen und auf der nächsten Synode berichten.
Der zum Thema gefasste Beschluss hingegen benannte sehr konkret „Problemanzeigen“ im kirchlichen Machtgefüge, zum Beispiel in den Machtbeziehungen zwischen Präsidium und Plenum der Synode sowie zwischen Kirchenamt der EKD und Leitungsgremien. Es sei nämlich unklar, welche Rolle das Kirchenamt im Machtgefüge der Leitungsgremien habe: „Gegenwärtig ist unscharf, ob das Kirchenamt primär die Umsetzung von Prozessen der Leitungsgremien unterstützt, oder ob eigene Logiken wirken“, heißt es in dem Beschluss. Ob die Wiedervorlage 2026, auf der siebten und letzten Tagung der 13. Synode da neue Erkenntnisse bringen wird. Möglicherweise.
Ehrenvolle Aufgabe
Wichtig und prägend war das Thema Frieden, denn es wurde die neue Friedensdenkschrift der EKD vorgestellt. Die Präsentation dieser Schrift im Rahmen der Synode war im Vorfeld mit beachtlichem Aufwand an Öffentlichkeitsarbeit vorbereitet worden, Motto: Da kommt was Großes. Zum Inhalt wurde hier schon an anderer Stelle ausführlich geschrieben (zum Beispiel hier oder - kritisierend - hier). Die Synode selbst hatte nur die ehrenvolle Aufgabe, zwei Stunden vor der Pressekonferenz am Montag , auf der Welt in Unordnung vorgestellt wurde, darüber debattieren zu dürfen. Und es lohnt sich durchaus, das noch einmal nachzuhören (Siehe Plenum Teil 4, die Debatte beginnt bei Minute 37 des Synodenlivestreams). Während dieser Debatte merkte man, dass viele Beteiligten mit ihrer Biografie „struggelten“ wie man neudeutsch sagt. Gerne wurde an die Friedensdemonstrationen im Bonner Hofgarten Anfang der 1980er-Jahre erinnert oder daran, wie überzeugt man doch von Jugend an davon gewesen sei, dass der Dienst ohne Waffe das „deutlichere Zeichen“ für Christen sei. Diese persönlichen Erfahrungen dienten dann als Illustration dafür, wie schwer es einem falle, dem Geist der neuen Friedensdenkschrift zuzustimmen, weil darin dem Schutz vor Gewalt ein Prä eingeräumt wird. Dem EKD-Friedensbeauftragten, Landesbischof Friedrich Kramer, war es deshalb wichtig, in seiner Vorstellungsrede des Textes vor dem Synodenplenum festzuhalten, dass die Priorisierung des „Schutzes vor Gewalt“ in der Denkschrift keinesfalls nur als ein „Votum für den Einsatz militärischer Gewalt in zwischenstaatlichen Konflikten“ zu lesen sei, sondern dass dort eben auch „alternative Mittel und Methoden, Menschen vor Gewalt zu schützen, Erwähnung“ fänden. Verständlich.
Schluss mit Pazifismus?
Aber ob solche sparsamen Hinweise die pazifistische Fraktion der Synodalen und der Pazifist:innen im Raum der EKD zufrieden stellt? Wohl nicht, denn diese Gruppen fühlen sich in großen Teilen überstimmt. Noch nicht mal ein klares Nein zum Besitz von Atomwaffen, sondern nur die Auflösung ins Dilemma! Das reichte vielen nicht. Und dazu dann in der öffentlichen Wahrnehmung der Tenor, es sei jetzt zugunsten irgendwie gearteter realpolitischer Überlegungen Schluss mit dem Pazifismus in der EKD. Natürlich waren das sehr grobkörnige Analysen, die der äußerst differenzierten Denkschrift nicht gerecht werden, aber es schmerzte merkbar viele, dass sich zumindest in einem Großteil der außerkirchlichen öffentlichen Wahrnehmung der vorgeblich „realpolitische“ Flügel durchgesetzt hat.
Für diesen Flügel steht der Münchner Systematiker und Trutz-Rendtorff-Schüler Reiner Anselm. Der durfte sich am vergangenen Dienstag in der Porträtspalte der konservativen FAZ über eine Eloge freuen (€)), die ihn als „theologischer Kopf hinter der Friedensdenkschrift“ bezeichnete. Bereits tags zuvor war in derselben Zeitung im Leitartikel auf Seite 1 (€) unter der Überschrift „Ein richtiger Bruch“ zu lesen: „Die neue Denkschrift bedeutet nicht nur eine Absage an die realitätsfremden, in der Kirche aber lange Zeit gleichwohl verbreiteten Konzepte, solchen Aggressoren mit gewaltfreiem Widerstand erfolgreich Einhalt zu gebieten“. Und am Ende klang es dann so: „Die theologische Implikation des nun vollzogenen Schwenks bringt die Denkschrift auf die Formel, dass die christliche Ethik nicht auf einen utopischen, sondern auf einen eschatologischen Friedensbegriff ausgerichtet sein müsse. Sie sieht es also nicht als ihre Hauptaufgabe an, einen politischen Idealzustand sozusagen mit menschlichen Bordmitteln herbeizuführen. Stattdessen besteht ihre Aufgabe darin, das Gewissen auf den Frieden auszurichten, der von Gott ausgeht. Das ist bitter nötig, gerade in einer Welt, in der kriegerische Absichten zunehmend an Einfluss gewinnen.“ Ein gewisser untergründiger Triumphalismus ist dort durchaus abzuspüren.
Man darf nun gespannt sein, wie sich die allgemeine und die innerkirchliche Diskussion dieses EKD-Textes, der seit der legendären sogenannten „Familiendenkschrift“ der EKD vor zwölf Jahren, das größte öffentliche Echo ausgelöst hat, künftig weiterentwickelt - gerade vor dem Hintergrund der Diskussion um die Einführung der Wehrpflicht und der immensen sicherheitspolitischen Herausforderungen angesichts der zunehmenden Bedrohungslage Mitteleuropas durch Russland.
„Universelle Geltung der Menschenrechte“
Apropos „Familiendenkschrift“. Es lohnt sich durchaus im Nachgang eine Teildebatte kurz vor Tagungsschluss am vergangenen Mittwoch noch einmal gründlicher zu betrachten: Es ging dabei um einen Antrag, der vom Synodalen Wolfgang Prawitz, unterstützt von weiteren 29 Synodalen, ursprünglich unter dem Titel „Anerkennung und Gleichberechtigung queerer Menschen“ eingereicht worden war. Der Antrag forderte die Synode auf, folgendes zu beschließen: „Die EKD bekennt sich zur universellen Geltung der Menschenrechte und lehnt jede Form der Diskriminierung aufgrund einer geschlechtlichen Orientierung oder Identität ab. Diese Haltung soll auch in den Gesprächen mit unseren Partnerkirchen selbstbewusst und selbstkritisch vertreten werden.“
So weit, so unspektakulär, denn dass dieses Bekenntnis im überwiegenden Teil der EKD-Synode Konsens ist, dürfte klar sein. Dann aber kam der Antrag auf die 1996 als EKD-Text 57 veröffentlichte und damals, Ende des 20. Jahrhunderts, heiß diskutierte Orientierungshilfe „Mit Spannungen leben“ zu sprechen. Dieser Text, so heißt es im Antrag, „entspricht nicht dieser Grundüberzeugung“, nämlich der universellen Geltung der Menschenrechte. „Deswegen bittet die Synode den Rat dafür Sorge zu tragen, dass dieser Text (analog und digital) nicht mehr als Orientierungshilfe zur Verfügung gestellt wird.“
Dieser Wunsch wurde von der Öffentlichkeitsarbeit anscheinend in Echtzeit schnell erfüllt, denn schon am Nachmittag des vergangenen Mittwochs war der Text dieser 1996-er-Orientierungshilfe nicht mehr auf www.ekd.de zu finden. Der Link, der im Wikipedia-Artikel noch kürzlich zu „Mit Spannungen leben“ führte, präsentiert jetzt eine Meldung aus dem Jahr 2022 mit der Überschrift „Evangelische Kirche bekräftigt liberale Haltung zum Umgang mit Homosexualität“.
Umfassende EKD-Erklärung in Arbeit
So weit so gut? In der Tat war diese Schrift das offiziell letzte ausführliche Wort der EKD zur ethischen Beurteilungen von Homosexualität aus theologischer Perspektive und kommt vor dem Hintergrund der heutigen gesellschaftlichen Meinungs- und Gemengelage in Deutschland zu hanebüchenen Ergebnissen. Aber Aufarbeitung sieht eigentlich anders aus, als eine Schrift einfach nur ersatz- und kommentarlos zu entfernen. Zumal ja etwas Neues auf dem Wege zu sein scheint, nämlich eine umfassende Schrift der EKD zum Thema, die gerade in der Abteilung für Öffentliche Verantwortung im Kirchenamt der EKD entsteht. In diesem Text soll es „nicht nur um nicht heteronormative Lebensformen“ gehen, sondern auch „um eine Anerkennung non-binärer Geschlechter sowie von gesellschaftlicher Diversität“. Das wusste jedenfalls die Synodale Judith Filitz vor dem Plenum zu berichten, die als Vorsitzende des Ausschusses „Schrift und Bekenntnis“ den im Ausschuss bearbeiteten Antrag von Wolfgang Prawitz vorstellte.
Eine besondere Note bekam die Debatte dann, als der Synodale Michael Germann, Juraprofessor aus Halle/Saale in diesem Zusammenhang eine sibyllinisch anmutende Nachfrage „zu dem Urteil“ stellte, „das im Antrag von Prawitz über die Orientierungshilfe von 1996 gesprochen wird.“ Diese Schrift von 1996 werde durch diesen Antrag in einen Kontrast gestellt zu den Menschenrechten und zur Ablehnung von Diskriminierung in jeglicher Form. Bedeute dieses Urteil nun, so Germann weiter, dass die Personen, die damals, 1996, an dem Text mitgearbeitet haben, nun auch „moralisch in dieser Ecke stehen“? Dies wurde von der Synodalen Friederike Spengler klar zurückgewiesen: „Lieber Bruder Germann: Nein! Wir haben lediglich festgestellt, dass diese Orientierungshilfe nicht mehr orientiert - in einem Umfeld, das sich völlig verändert hat. Nicht mehr und nicht weniger.“ Daraufhin beantragte Germann, der auch Vorsitzender des Rechtsausschusses der Generalsynode der VELKD ist, dass es in dem Antrag zur Begründung heißen solle: „Die Orientierungshilfe der EKD ,Mit Spannungen leben‘ entspricht nicht mehr der Grundüberzeugung der EKD. Diese Grundüberzeugung war im einleitenden Absatz des Antrags Prawitz so formuliert worden: „Die EKD bekennt sich zur universellen Geltung der Menschenrechte und lehnt jede Form der Diskriminierung aufgrund einer geschlechtlichen Orientierung oder Identität ab.“
Kein „mehr“ an dieser Stelle
In diese ob bewusst oder unbewusst gestellte Falle Germanns wollte Antragssteller Prawitz aber nicht gehen und lehnte direkt darauf antwortend genau dies ab. Seine Begründung: „Dieses ,mehr‘ an dieser Stelle suggeriert, dass die Orientierungshilfe jemals zum Thema Homosexualität orientiert habe. Dies sei aber „nicht der Fall.“ Im folgte eine große Mehrheit der Synodalen, die seinen Antrag dann bei wenigen Gegenstimmen und Enthaltungen verabschiedete.
Es lohnt sich, diesen Ausschnitt der Debatte kurz vor Schluss nachzuhören (Siehe Plenum Teil 7 beginnend kurz nach 2:41). Zeigen sich hier doch die vielen Verästelungen und untergründigen Strömungen, die das Thema „Homosexualität“ beziehungsweise „Queerness“ immer noch im Raum der EKD auslöst. Besonders in Zeiten, in den durch reaktionäre Strömungen die liberale Haltung der EKD in einer Weise unter Druck gerät, die viele eigentlich nicht mehr für möglich gehalten hatten. In der weltweiten Ökumene allerdings, so viel ist klar, ist die ethische Bewertung von Homosexualität keineswegs so einheitlich liberal und annehmend, wie in den Beiträgen auf der EKD-Synode. Deswegen darf man in der Tat auf den Text gespannt sein, der anscheinend gerade im Kammernetzwerk und im Kirchenamt der EKD zum Thema entsteht.
PS: Die von Michael Germann aufgeworfene Frage, ob auch die Verfasser der Orientierungshilfe „Mit Spannungen leben“ sich heute nicht eigentlich schämen und Abbitte tun müssten, wurde letztlich in Dresden nicht bewertet, sondern nur abgewiesen. Dabei ist sie nicht uninteressant: Immerhin gehörten der Ad-hoc-Kommission damals Persönlichkeiten wie der Heidelberger Systematische Theologie Winfried Härle und die damalige Hamburger Bischöfin Maria Jepsen an. Ob die sich schon jemals öffentlich von „Mit Spannungen leben“ distanziert haben? Und sollten sie das? Auch zu dieser Frage müsste sich die EKD-Synode, wenn sie die Vergangenheit moralisch sensibel aufarbeiten will, angemessen verhalten.
Reinhard Mawick
Reinhard Mawick ist Chefredakteur und Geschäftsführer der zeitzeichen gGmbh.