„Ich blicke hoffnungsvoll auf diese Klimakonferenz“
zeitzeichen: Frau Minninger, erneut startet eine UN-Klimakonferenz, kurz COP genannt, diesmal in Belém im brasilianischen Amazonasgebiet. Was macht Ihnen Hoffnung, dass sie erfolgreicher verlaufen wird als die letzten Klimakonferenzen?
SABINE MINNINGER: Diese COP ist eine Prüfmarke des Pariser Klimaabkommens. Zehn Jahre nach dem Abkommen von Paris müssen wir der Weltgemeinschaft zeigen, dass dieser Prozess Ergebnisse gebracht hat. Zwar keine ausreichenden Ergebnisse mit Blick auf das, was wir eigentlich bräuchten, um den Klimawandel wirklich zu bremsen. Aber trotzdem hat der UN-Prozess geliefert. Immerhin reichen Staaten mittlerweile substanzielle Klimaschutzpläne ein. Außer der Trump-Administration ist kein einziges Land dieser Erde aus dem Abkommen ausgestiegen. Das macht mir Hoffnung. Ebenso die Beschleunigung beim Ausbau der Erneuerbaren Energie. Wir sind auf dem richtigen Weg, wir gehen ihn nur zu langsam. Wir müssen an Tempo zulegen, damit die Auswirkungen der Klimaerwärmung uns nicht überrollen.
Welche Rolle wird Brasilien als Gastgeber spielen?
SABINE MINNINGER: Brasilien spielt jetzt schon eine sehr wichtige Rolle. Seine Klimadiplomat:innen sind sehr ambitioniert und haben viel Verhandlungsgeschick gezeigt. Die Briefe der Präsidentschaft, etwa zum Thema Anpassung an den Klimawandel senden genau die richtigen Signale aus. Diese Präsidentschaft will etwas von diesem Prozess und nimmt eine glaubwürdige Vorreiterrolle ein, was wir von den vorherigen Präsidentschaften in autokratischen Regimen, die stark vom fossilen Modell abhängig waren, nicht behaupten können.
Auch die Zivilgesellschaft dürfte wieder sichtbarer werden als in den vorherigen Verhandlungsorten, oder?
SABINE MINNINGER: Ohne Frage. Für uns Hilfswerke ist es natürlich besonders gut, dass eine COP nach zwölf Jahren endlich wieder in einem klassischen Partnerland ausgerichtet wird, wo wir eine lebendige Zivilgesellschaft unterstützen. Zum einen konkret in der Projektarbeit unserer Partner bei Klimaschutz und Anpassungen oder auch in der Bewältigung von Klimaschäden. Aber genauso unterstützen wir sie in ihrer Lobby-Arbeit. Beides werden wir in Belém erleben können. Auch deshalb blicke ich besonders hoffnungsvoll auf diese COP, weil wir wissen, dass die Zivilgesellschaft sich jetzt auch ohne Angst vor Repressalien einbringen kann in den Prozess.
Welche Themen werden die wichtigsten dort sein?
SABINE MINNINGER: Die gleichen, wie auf jeder COP: Mehr Klimaschutz weltweit, mehr Geld für den globalen Süden zum Klimaschutz, zur Anpassung an die Klimakrise und zur Bewältigung von klimabedingten Schäden und Verlusten.
Beginnen wir mit der Klimafinanzierung für Klimaschutz und Anpassung: Bislang haben die Industriestaaten dafür 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr bereitgestellt, bis zum Jahr 2035 sollen jährlich die Mittel auf 300 Milliarden US-Dollar anwachsen. Reicht das?
SABINE MINNINGER: Nein, davon kann nicht die Rede sein. Man hat sich hier auf einen Minimalkonsens geeinigt, aber das sind keine bedarfsorientierten Zahlen. Es sollen jährlich ja insgesamt sogar 1,3 Billionen US-Dollar fließen ab dem Jahr 2035, davon 300 Milliarden US-Dollar vorwiegend von Industriestaaten an Entwicklungsländer. Es ist aber nicht ausdefiniert worden, wo genau das Geld herkommen soll. Da hilft die kürzlich veröffentlichte Baku-to-Belém-Roadmap, die verschiedene Quellen aufzeigt. Aber die Roadmap ist unverbindlich und zwingt keinen Staat konkret aktiv zu werden, auch wenn sie sehr konkret und ganzheiltich aufzeigt, wo das Geld herkommen könnte. Entscheidungen darüber werden in Belém daher nicht stattfinden.
Bislang wird das meiste Geld als Kredit ausgezahlt. Sie kritisieren das. Warum?
SABINE MINNINGER: Viele der von den Auswirkungen des Klimawandels besonders betroffenen Staaten sind schon so tief verschuldet, dass sie eigentlich keine weiteren Kredite mehr aufnehmen können. Kredite sind keine Lösung, jedenfalls nicht für das Thema Anpassungen oder Bewältigung von Klimaschäden. Kredite können funktionieren im Bereich CO2-Minderung, zum Beispiel für einen Solarpark in Indien. Den kann man gewinnbringend betreiben.Aber mit Dämmen in Bangladesch verdient man kein Geld und sie sind kein verlässliches Innvestment denn vielleicht reißt der nächste Zyklon sie auch wieder weg, weil der Sturm viel heftiger wütet, als alle vorherigen. Das Geld dafür müssen die Verursacherstaaten des Klimawandels, also vornehmlich die Industriestaaten, den Ländern des Südens schenken. Sie könnten dafür selbst neue innovative Finanzierungsquellen anzapfen.
Zum Beispiel die geplante Abgabe auf Flüge mit Privatjets oder Luxusflüge?
SABINE MINNINGER: Genau. Das läuft unter der Initiative Global Solidarity Levy und wird in Belém eine Rolle spielen. Nicht in der offiziellen Verhandlungsagenda, die zäh ist und immer nur Minimalkonsens zulässt. Aber es gibt auch eine sogenannte Actionagenda, die dieser Initiative Raum gibt. Barbados, Kenia und Frankreich haben das initiiert, und vor dem Gipfel haben schon weitere Länder erklärt: Wer künftig bei uns im Land mit einem Privatjet landet und startet, zahlt eine Abgabe. Das Geld sollte in einen Fonds zur Klimafinanzierung des Südens gehen. Das würde keinen Milliardär davon abhalten, zum Beispiel in Deutschland zu landen. Aber es könnten mehrere Milliarden US-Dollar pro Jahr zusammenkommen. Deutschland hat bei dem Projekt bislang nur einen Beobachterstatus, wir würden uns wünschen, dass die Bundesregierung sich entscheidet ein Vollmitglied zu werden.
Ein Thema, das für Brot für die Welt immer besonders wichtig ist, ist der Ausgleich für Schäden und Verluste durch den Klimawandel. Warum tut sich die Weltgemeinschaft denn damit so schwer, dafür Geld bereitzustellen?
SABINE MINNINGER: Das ist in der Tat ein ganz heikles Verhandlungsthema. Schon vor über 30 Jahren haben die kleinen Inselstaaten Kompensationsforderungen gestellt. Doch die Industriestaaten hatten Angst, dass sie einen Blankoscheck ausstellen müssten für alle Wettereignisse. Das ist insofern nachvollziehbar, als dass man den Anteil des Klimawandels bei einem einzelnen Hurricane oder Zyklon nicht bestimmen kann. Aber die Klimawissenschaft sagt sehr deutlich, dass die Zahl und Intensität der Wetterextreme steigen. Von daher sind Kompensationsforderungen absolut gerechtfertigt.
Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?
SABINE MINNINGER: Nach 30 Jahren haben die ärmsten, verletzlichsten Staaten endlich Recht bekommen, es wurde auf der Klimakonferenz in Ägypten ein Fonds beschlossen für klimabedingte Schäden und Verluste. Ein Jahr später wurde der Fonds eingerichtet und beim Gipfel in Dubai haben auch die ersten Staaten eingezahlt, so auch Deutschland. Bis jetzt sind etwa 780 Millionen US-Dollar zusammengekommen. Ein guter Anfang. Der Bedarf ist allerdings zehnmal höher. Und die Zahlungsmoral hat nachgelassen. Daher wünschen wir uns, dass Deutschland hier wieder eine Führungsrolle einnimmt und zu einer großen Geberkonferenz einlädt. Denn auf dieser COP wird das kein großes Thema sein.
Ebenfalls nicht auf der offiziellen Tagesordnung stehen die konkreten Verpflichtungen der Staaten zur Reduzierung ihrer klimaschädlichen Emissionen, die mit dem 1,5-Grad-Ziel von Paris einhergehen. Doch was auf dem Tisch liegt, reicht noch lange nicht dafür. Muss das nicht Thema in Belem werden?
SABINE MINNINGER: Es ist noch nicht Teil der offiziellen Tagesordnung, aber ich glaube, es wird es werden. Denn die Lücke ist einfach viel zu groß zwischen den eingereichten Klimaschutzzielen und dem, was wir erreichen müssten. Wir brauchen einen globalen Notfallplan zur Schließung dieser Emissionslücke.
Allerdings machen doch alle Expert:innen klar, dass das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen ist. Wäre es nicht ehrlicher und vielleicht auch motivierender, ein neues, realistisches Ziel zu formulieren?
SABINE MINNINGER: Es stimmt, das 1,5-Grad-Ziel ist wahrscheinlich nicht mehr zu erreichen. Dann darf unsere neue Zielmarke aber nicht zwei Grad sein, sondern 1,55 oder 1,6 Grad. Krumme Zahlen wie diese lassen sich allerdings politisch schwer kommunizieren. Deshalb sprechen viele gerne nun wieder vom Zwei-Grad-Ziel. Darauf lassen wir uns als Zivilgesellschaft aber nicht ein. Bei jedem Zehntelgrad mehr werden Millionen Menschen mehr betroffen sein. Und wir wissen eben nicht genau, wie eine Welt aussieht, die sich um zwei Grad erwärmt hat. Wenn die Kipppunkte wirklich kippen, die Permafrostböden auftauen und die großen Gletscher schmelzen, wird das zu Verwerfungen führen, die wir unseren Kindern und Enkeln nicht wünschen. Deshalb kommt es auf jedes Zehntel Grad an.
Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die aktuelle Klimapolitik der Bundesregierung?
SABINE MINNINGER: Als unzureichend und ein Rückschritt zu dem, was wir schon mal hatten. Wir sind um Jahre zurückfallen, auch weil das Klimathema nicht mehr oben auf der politischen Agenda steht. Warum? Weil man auch mit gewisser Rhetorik versucht, die an die AfD verlorenen Wähler wieder zurückzuholen. Deshalb wird vor allem das Thema Migration mit restriktiver Politik bedient. Aber die Logik geht nicht auf. Wir sollten nicht die Flüchtlinge bekämpfen, sondern die Fluchtursachen. Dazu gehört aber die Einsicht, dass der Klimawandel einer der größten Fluchttreiber werden wird. Deshalb gehört der Klimaschutz wieder nach ganz oben auf die politische Agenda.
Je nachlässiger die Politik agiert, umso wichtiger ist Zivilgesellschaft. Die EKD hat eine Klimaroadmap initiiert, die Landeskirchen sollen bis 2035 nahezu klimaneutral werden. Auch auf dem aktuellen Treffen der EKD-Synode in Dresden wird das wieder Thema sein. Wie beurteilen Sie das?
SABINE MINNINGER: Das ist vorbildhaft. Denn Klimaschutz kann nicht nur ein Thema der Regierung sein, und schon gar nicht das einer einzigen Partei. Klimawandel muss als gesellschaftliche Gesamtaufgabe verstanden werden. Die EKD hat hier das richtige Zeichen gesetzt, und nicht auf irgendwelche Gesetze gewartet, sondern es selber in die Hand genommen. Der Prozess ist ja ähnlich gestrickt wie das Pariser Klimaabkommen, inklusive Prüfsteinen, um gegebenenfalls die Maßnahmen nochmal nachzusschrauben. Das ist genau der Weg, den ich mir für alle Gesellschaftsbereiche wünsche.
Das Interview führte Stephan Kosch am 5.November 2025 in Berlin.
Sabine Minninger
Sabine Minninger ist Referentin für Klimapolitik bei "Brot für die Welt" mit dem Schwerpunkt Klimawandel und Entwicklungsfragen.
Stephan Kosch
Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens. Zudem ist er zuständig für den Online-Auftritt und die Social-Media-Angebote von "zeitzeichen".