Traditionell beginnen sie mit den Beratungen bei den verbundenen Tagungen: Die Generalsynodalen der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (kurz: VELKD). Schön war’s, wie immer lehrreich und mit leicht gespannter Erwartung auf das, was in diesen Tagen kommen wird. Notizen von zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick.
Das Beste kommt zum Schluss. So lautet eine empirisch zuweilen wenig belegbare Weisheit, denn manchmal ist es auch umgekehrt. Das gilt zum Beispiel für die 6. Tagung der 13. Generalsynode der VELKD, die gestern und heute (7./8. November) in Dresden tagte. Denn das Beste, das Kostbarste, das Schönste, das gab es gleich zu Beginn, nämlich einen wunderbaren Eröffnungsgottesdienst der Tagung in der Unterkirche der Frauenkirche. Ohne Predigt, auch mal schön, aber dafür mit einer freundlichen Begrüßung samt Einführung in den besonderen Kirchenort durch den Ortspfarrer Markus Engelhardt.
Danach entspann sich ein Folge wunderbarer Texte, Lieder und Gesten: unter anderem das feierliche Entzünden dreier Kerzen auf dem Altar und eine eindrucksvolle, leicht bearbeitete, Lesung der Sendschreiben an die sieben Gemeinde aus Offenbarung 3 auf mehrere Liturgen und Mitwirkende verteilt. Dazu kamen dezente, berührende liturgische Gesänge und Klassiker wie „We shall overcome“, ein Lied, das mit der Geschichte des Ortes zusammenhängt, denn seit 1982 versammelten sich zu DDR-Zeiten Friedensbewegte an den Trümmern der Frauenkirche, die im Februar 1945 bei dem verheerenden Luftangriff auf Dresden völlig zerstört worden war. All das führte auf das Abendmahl hin, eine würdige Feier, bei der Tersteegens „Gott ist gegenwärtig erklang“ und als Schlussgesang auf die prägnante Melodie von „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ eine schöne Strophe, die im 19. Jahrhundert der lutherische Theologe und Erweckungsprediger Gustav Knak dichtete: Zieht in Frieden eure Pfade. / Mit euch des großen Gottes Gnade und seiner heilgen Engel Wacht! / Wenn euch Jesu Hände schirmen, / geht's unter Sonnenschein und Stürmen getrost und froh bei Tag und Nacht. / Lebt wohl, lebt wohl im Herrn! Er sei euch nimmer fern, / spät und frühe! / Vergesst uns nicht in seinem Licht / und wenn ihr sucht sein Angesicht!
„Über die Ordnungen“
Ein guter, würdiger Auftakt, und so gestärkt ging es ans Werk: Traditionell stand am ersten Tag neben Formalia der Bericht des Leitenden Bischofs. Den hielt zum siebten Mal Ralf Meister, der dieses Amt seit 2018 innehat und seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers ist. Damit ist der 63-Jährige zurzeit auch unter den Leitende Geistlichen im Raum der EKD der Dienstälteste. In seinem Bericht führte er mit einem eindrücklichen Vortrag unter dem schlichten Titel „Über die Ordnungen“ in einen Komplex ein, der die Generalsynode dann tags drauf beschäftigen sollte, nämlich das große Digitalprojekt „Orientierung im kirchlichen Leben“. Aber es war, wie so oft bei Meister, eine kluge, ausführliche und trotzdem konzise Rede.
Zu Beginn machte der Leitende Bischof klar: „Ordnungen sind von Menschen gemacht. Auch wenn es biblische Szenarien gibt, von der Erschaffung der Welt bis zu den Zehn Geboten, die auf göttliche Ursprünge verweisen, sollte die Art, in der wir das menschliche Leben regulieren, sich dem menschlichen Handeln verdanken, seinem sozialen Instinkt, seiner menschfreundlichen Haltung.“ Damit setzte er einen klaren Punkt, genauso wie mit seinem grundlegende Plädoyer dafür, dass menschengemachte Ordnungen notwendig sind, denn: „Sie können überaus segensreich sein, wenn sie darauf angelegt sind, Chaos und Gewalt zu zähmen, und damit den Menschen zum Helfer des Menschen werden zu lassen.“ Aber auch jenseits ihrer konkreten Durchsetzung und Einhaltung haben Ordnungen einen motivierenden Sinn, denn, so fragte Meister: „(S)ind Ordnungen nicht auch dazu da, gegen die immer wieder chaotische Praxis ein gemeinsam imaginiertes Ideal hoch zu halten?“.
Interessant und lehrreich auch die Erwägungen des VELKD-Obersten zur vielfältig Etymologie des Wortfeldes Ordnung in verschiedenen sprachlichen Umfeldern. Da gebe es zum einen „ die lateinische Wurzel »ordo, ordinis« – Reihe, Stand, Rang, Reihenfolge. Man meint, ein ,Strammgestanden‘ mitzuhören. Ein semantischer Aspekt, der im englischen ,order‘, Befehl, auf die Spitze getrieben wird. Aber da ist auch das ältere griechische Wort hyphaínō, aus dem sich die lateinische ,ordo‘ auf verschlungenen Pfaden entwickelt hat.“ Hyphaínō aber, so Meister, sei „ein Ausdruck aus der Fachsprache der Weber“ und meine „aus verschiedenen Fäden durch kunstgerechte Verknüpfung ein Gewebe anlegen“ und diese wecke doch gleich „ganz andere Assoziationen“, denn: „Weben – das ist die fein überlegte Verbindung von Einzelnem zu einem großen Ganzen.“ Und schließlich erinnerte der Leitende Bischof an den berühmten Ausspruch des Paulus auf dem Areopag in Athen: »Denn in ihm leben, weben und sind wir“ (Apostelgeschichte 17,28), womit der Apostel auf Gott, „den größten aller Ordnungsgeber“ verweise.
„Tiefe Ambivalenz“
Am Ende, nach einigen sehr fruchtbaren politisch-historischen Exkursen, fasste Meister so zusammen: „Ordnungen (…) sind das Gewebe, das uns trägt – und manchmal auch fesselt. Sie sind notwendig, weil das Leben ohne sie zerrinnt. Und sie sind gefährlich, weil sie das Lebendige zu erstarren drohen. Darin liegt ihre tiefe Ambivalenz: ohne Ordnung kein Zusammenleben, aber ohne Freiheit keine menschliche Ordnung.“ Gewendet auf den eigenen Kontext kam der Leitende Bischof zu dem prägnanten Schluss. „Wo Ordnung dem Leben dient, bleibt sie evangelisch.“ Insofern ermutige er seine Generalsynodalen, sie sollten, falls sie gefragt würden, was sie auf einer Synode getrieben haben, einfach sagen: „Wir haben die Ordnung geordnet“ (Den gesamten Bericht des Leitenden Bischofs können Sie hier nachlesen).
Nach der ansprechenden und klugen Rede des Leitenden Bischofs ging es dann wieder ins synodale Tagesgeschäft: So informierte der Präsident der Generalsynode, Matthias Kannengießer, seine Synodalen über den Gesetzentwurf der EKD-Synode, der eine Verkleinerung der Mitgliederzahl der EKD Synode vorsieht. Dies löste einige Unruhe und einigen Widerspruch aus, der sich in für die VELKD-Generalsynode ungewohnt vielen Wortmeldungen niederschlug. Danach konnte man den Eindruck gewinnen, dass es diese vom Präsidium der EKD-Synode, entworfene Vorlage bei den meisten VELKD-Generalsynodalen, die in Personalunion ja auch EKD-Synodale sind, keine Zustimmung finden wird.
Der Gesetzentwurf sieht eine Koppelung der Zahl der Synodalen an die Kirchenmitgliedszahlen der jeweiligen Landeskirchen vor, also eine Art „atmendes System“, das vor jeder Synodalperiode neu ausgezählt werden muss. Dazu bemerkte ein Synodaler treffend, dass vor dem Hintergrund der rapide sinkenden Kirchenmitgliedszahlen, diesem System dann wohl bald „die Luft ausgehen“ werde. Andere monierten, dass schon die letzte Zahl von fünfzig Generalsynodalen die Grenzen der gremialen Arbeitsfähigkeit erreicht seien.
Regelmäßig up to date
Großen Zuspruch erhielt dagegen tags drauf die Vorstellung von evangelisch-wiki.de. Das ist eine im Aufbau befindliche Informationsplattform der evangelischen Kirche zu Fragen kirchlicher Praxis. Sie soll Informationen und Empfehlungen zu Fragen kirchlicher Praxis, zum Beispiele für Kasualien (Taufe, Eheschließung, Bestattung) aber auch zum Thema Religionsunterricht und anderen Themen aus dem Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung präsentieren. Der Vorteil zu gebundenen Büchern und Erwachsenkatechismen liegt auf der Hand: Sie sind durch das Medium einer digitalen Plattform ohne große Aufwand und Beantragung von Druckkostenzuschüssen redaktionell ständig zu bearbeiten. So wie das geistliche Leben auch im ständigen Wandel begriffen ist, können auch Informationen und Empfehlungen regelmäßig up to date gehalten werden.
Diese praktisch-mediale Umsetzung des Prinzips ecclesia semper reformanda, das Oberkirchenrat Frank Hofmann, der es maßgeblich mitentwickelt, vorstellte, begeisterte viele. So regte Alexander Deeg, der Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der VELKD, an, doch auch gleich die Agendenarbeit von EKD, VELKD und UEK auf dieses Format hin anzulegen. Keine Frage, hier eröffnet sich ein großes Potenzial. So machte schließlich der Präsident der Generalsynode den Vorschlag, dass die Kirchenleitung der VELKD baldmöglichst eine diesbezügliche liturgische „Taskforce“ begründen solle. Das fand große Zustimmung, denn es leuchtete ein, dass hier ein Medienwechsel vom Buch mit geduldigem Papier zu einem Internetportal, das besser und schneller aktualisiert werden kann, große Vorteile. Zumal es durch Kommentar- und Bearbeitungsbereiche der Schwarmintelligenz vieler geöffnet werden kann.
An diesem Punkt warf dann die Göttinger Theologin Christine Axt-Piscalar etwas bange ein, dass in Lehr- und anderen Fragen aber irgendwann auch Schluss sein müsse mit dem Prinzip des Fluiden. Da wurde sie aber beruhigt, denn selbstverständlich würden alle Vorschläge zur Änderung aus dem World Wide Web nur Vorschläge beziehungsweise Kommentare. Weiterhin entschieden natürlich die zuständigen Gremien, was dann jeweils schwarz auf weiß feststehe. Soviel Ordnung soll sein, auch künftig. Keine Sorge …
Drei Kerzen beim Erlffnungsgottesdienst der VELKD in der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche am 7. November 2025 (Foto: Maw)
Reinhard Mawick
Reinhard Mawick ist Chefredakteur und Geschäftsführer der zeitzeichen gGmbh.