Musik ist seine Leidenschaft, er selbst eine Institution: Der Londoner DJ, BBC-Moderator, Labelmacher und Kurator Gilles Peterson (* 1964) fing mit Jazz und Funk auf Schuldiskos und als Piratenfunker an. Sein Geschmack reicht von Dub, House, Drum’n’Bass bis Breakbeat und HipHop. Acid Jazz machte ihn bekannt, mit gut 150 Compilations gab er jedoch an vielen Stellen Anschub. 2014 hatte er 50 000 Alben im Fundus, zum Beispiel alle des in demselben Jahr gegründeten Chicagoer Labels International Anthem Records. „From the get go I could see it. I could see that was the real deal. I could hear it too – more importantly“, schreibt er in den Liner Notes zur Doppel-CD, mit der er dessen erstes Jahrzehnt feiert: „A record label with the vision and care that places it in the pantheon of labels where you can pick up any release“. Wie Impulse! in den 1960ern oder das Gitarrenlabel SST in den 1980ern: Alles, was dort erscheint, bereichert.
Die Label-Story grenzt an jene von Tellerwäscherei, bloß markant anders, und verrät auch, inwiefern: Schlagzeuger Scottie McNiece war umtriebig in Chicagos Klubs unterwegs. Er jobbte nebenher. Ein Wirt, den er belieferte, erlaubte ihm, im Keller Konzerte der quirligen Underground-Szene zu veranstalten, darunter auch mit dem Kornettisten Rob Mazurek. Um die Gigs festzuhalten, tat er sich mit Tontechniker David Allen zusammen – IAR mit dem Credo „boundary defying music“ war in der Welt. Die junge Szene, die da Platz fand, steht der Musikervereinigung Association for the Advancement of Creative Musicians nahe, die seit 1965 ehrenamtlich an Instrumenten und Musiktheorie unterrichtet. Politisches, kulturelles und soziales Anliegen sind eins. Der AACM wiederum entstieg das avantgardistische Art Ensemble of Chicago, das „Great Black Music – Ancient to the Future“ auf der Fahne hat und darunter Rhythm & Blues, Rock’n’Roll, Spirituals, Swing, Dixie, Reggae und Bebop genauso fasst wie Funk, was die IAR-Spannweite gut umschreibt und insofern Namedropping zur Compilation erübrigt. Nur dies: Sie beginnt groovy mit Makaya McCraven und den kämpferischen Irreversible Entanglements („Open The Gates“), sie hat weite meditative Partien, macht große Lust auf mehr, etwa von der wunderbaren Sängerin und Klarinettistin Angel Bat Dawid, hat tief Berührendes wie den von GP und ihr selbst angesagten Auftritt der 2022 verstorbenen Trompeterin Jaimie Branch. Die musikalisch Funkelnde und menschlich hoch Geschätzte war in der vielfach untereinander kooperierenden, längst nicht mehr Chicago-beschränkten IAR-Community ein Leitgestirn. Doch deren Himmel, so viel ist spürbar, bleibt weiterhin offen. Die von Peterson hier versammelten 29 Tracks, strikt persönlich als DJ-Set mit smartem Flow und facettenreich angelegt, machen das kompetent und sympathisch glaubhaft. Funktioniert als Mix ebenso wie als IAR-Einstieg.
Udo Feist
Udo Feist lebt in Dortmund, ist Autor, Theologe und stellt regelmäßig neue Musik vor.