Von der Treue Christi zur Welt
Sommerzeit ist Lesezeit. Und beim Lesen gibt es Entdeckungen. Der Theologe und früherer Generalsuperintendent Rolf Wischnath hat jüngst so eine Entdeckung gemacht, und zwar mit dem Werk des Jenaer Theologen Michael Trowitzsch. Hier ein Protokoll theologischen Ernsts und ethischer Leidenschaft.
Ich muss gestehen: Ich habe ihn bislang übersehen. Schade. Mir zum Schaden. Von wem rede ich? Vom Systematiker Michael Trowitzsch. Jahrgang 1945. Vikar. Ordination. 1983 - 1993 Professor für Dogmatik und Ethik in Münster. 1993--2010 in Jena. Also, nach Thüringen in den Osten geht die Reise. Nur wenige gestandene Theologieprofessoren gehen nach der friedlichen Revolution diesen Weg. Schon eher geht es umgekehrt.
Trowitzsch wird Mitglied der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen in Jena. Er hält Vorträge in Gemeinden und auf vielen Pfarrkonventen. So wird der Neubau der Theologischen Fakultät in Jena zur Lebensaufgabe. Die Fülle seiner Veröffentlichungen belegt, dass er eine Theologie für die Christenheit im Radius ihrer jeweiligen Armlänge treibt, ohne Niveauverlust. Zwei Bücher dürfen als die Hauptwerke gelten: „Karl Barth heute“ (2012) und nun „Von der Treue Christi zur Welt“ (2023, zweifelsohne eine summa seiner Theologie).
Im Barth-Buch geht er an Barths Denken mit dem Anspruch heran, die Theologie des Jahrhunderttheologen im Horizont einer Generation wahrzunehmen, die nach dem Tod Barths (1968) hinsichtlich des Friedens, der Schöpfung und der Gerechtigkeit heute noch elementarer und dringender herausgefordert ist. Dabei gelingt es Trowitzsch, die Provokationen und Gefährdungen der Gegenwart in Bezug zu setzen zu den Grundentscheidungen der Theologie Barths, wie sie in dessen „Kirchlicher Dogmatik“ niedergelegt sind. 14 Bände wären da zu lesen. Dass Trowitzsch sie nicht nur gelesen hat, sondern deren Gegenwartsbeziehungen herausarbeitet, bezeugt das „heute“ im Titel. Man darf wohl sagen, Trowitzsch habe die Theologie Karl Barths „fortgeschrieben“. Vielfach bleibt er zudem in den Spuren Luthers und Bonhoeffers. Immer wieder wird auch auf die Arbeiten Eberhard Jüngels Bezug genommen (der in Tübingen Gutachter der Dissertation und der Habilitationsschrift war).
Biblisch und christusförmig
Es gibt nur wenige theologische Bücher, die ich zweimal gründlich – sehr gründlich - gelesen habe. Die jüngste Veröffentlichung des Jenaer Theologen („Von der Treue Christi zur Welt“ 2023) gehört dazu. Meine gründliche Lektüre entdeckt siebenunddreißig Kapitel in ungewöhnlich „verfremdeter“ (im besten Sinne des Wortes) Sprache. Sie erschließt, wie Theologie sein kann – aufregend und spannend, vernünftig und konstruktiv, sprachgewandt und gebildet, biblisch und christusförmig, ernsthaft, aber auch heiter.
Beim zweiten Lesen (über Wochen) studiere ich nach und nach Kapitel (und Unterkapitel) des Buches und eine Theologie, die den Dingen auf den Grund geht. Zu finden sind etliche theologische Entscheidungen, die mir als Schüler Walter Krecks (Bonn) und Helmut Gollwitzers (Berlin) seit 1970 zugänglich und erlebbar sind. Immer mehr jedoch bestand bei diesem Zugang - besonders zu Karl Barth selber - die Gefahr, dass das Theologische auf Dauer seinen Glanz verliert und hier und dort sogar langweilig werden konnte. Manche Barthianer waren und sind nicht immer zeit-bezogen, eher zeit-los, hier und da auch zeit-verfallen. Dem wehrt die „Treue Christi zur Welt“ entschieden. Eine gleichermaßen von der Zeit tief erschrockene wie auch in ihren Grundentscheidungen völlig unerschrockene Theologie begegnet. Dabei wird in diesem Buch das Alte neu und das Neue zugänglich - in immer wieder zugespitzter, durchgängig bildkräftiger Sprache.
Weiterschreibung Karl Barths
Programmatisch für seine Theologie ist der Titel seiner Jenaer Abschiedsvorlesung „Von schöner Literatur und wahrer Theologie“. Dieser Theologe – lese, sehe und höre ich es recht – entwirft wie kein anderer in unserem Sprachraum seine Wissenschaft so sprachmächtig und poetisch mit einer Fülle literarischer Predigt- und Trost- und Trotzgedanken.
Sehe ich es recht, ist das erheblich Neue bei Trowitzsch nicht eine völlig „andere“ Theologie, sondern in Aufnahme und Weiterschreibung eben besonders der Theologie Barths ihre glänzende sprachliche Neufassung. „Altes“ wird überraschend neu gesagt. Das gelingt Trowitzsch mustergültig. Es sind nicht des Kaisers neue Kleider, sondern in außerordentlicher Rede wird das genuin Theologische zu Ohren und zu Augen und zu Herzen gebracht.
Mit einer präzisen und summarischen Ankündigung wird für dieses Buch vom Verlag Vandenhoeck & Ruprecht Vandenhoeck & Ruprecht geworben. Zitat (auf der Rückseite des Buches):
„Ausgegangen in der Darstellung dieses Buches wird von der bleibenden Treue Christi in den Krisen der heutigen Welt (scharf-gemachter Wille zur Macht: Waffenproduktion und eskalierende atomare Bedrohung). Ausgiebig werden dazu biblische Texte herangezogen. Dabei wird eine gattungsübergreifenden Form gewählt: Theologische Reflexionen (Bezüge u. a. auf Luther, Barth und Bonhoeffer), Gespräche mit Dichtern und Schriftstellern, Meditationen und Gebete durchdringen einander. Geprägt ist die Darstellung durch eine literarische, außerordentlich bildreiche Sprache.“
Bereitschaft zur Nachdenklichkeit
Die Lektüre „Von der Treue Christi zur Welt“ bedarf der Bereitschaft, etwas Nachdenkliches an sich heranzulassen. Am besten ist es, sich immer nur die Abschnitte eines jeweiligen Kapitels vorzunehmen. Die Kapitel brauchen nicht nacheinander gelesen zu werden. Die Reihenfolge mag auch wechseln. Gerade weil diese Theologie sich als eine Christus-Theologie, also als eine Theologie des Gekreuzigten und Auferstandenen, versteht, gibt sie sich als „hoch erfreut“ zu erkennen eben wegen der Treue des auferstandenen und lebendigen Christus. In seiner Gegenwart nimmt diese Theologie ihre Aufgabe wahr für die Predigenden, für die Traurigen und die Schuldigen, für die Ungläubigen und Entschiedenen, für die Festgelegten und die Zweifelnden.
Im Fünfsatz rezipiere ich exemplarisch Grundentscheidungen der Theologie Michael Trowitzschs:
[1] Zur Wahrheit: „Gott wendet sich ganz her. Weil die Wahrheit sich in Jesus Christus unabänderlich auf tut. Weil sie sich in ihm leiblich, sichtbar, hörbar zur Erscheinung bringt. Weil Gott selbst, in einem jähen Jetzt, in Gestalt eines todgeweihten Menschen ins Offene getreten ist, Weil sich Christus, König der Augenblicke, dann Mal um Mal unserem Jetzt zuwendet.“
[2] Zur Christus-Gewissheit: „Von der Offenbarung Gottes, des Christus-Gottes lebt das Neue Testament, der christliche Glaube, die christliche Theologie. Von dem nie Vernommenen, ‚das kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist‘, das jetzt durch den Geist offenbart wird. „Gott? ist der Christus-Gott, solus Christus.“
[3] Und ihm nähern wir uns allein durch Gottes Wort, durch die Bibel. Zugesagt und zugemutet wird die Gegenwart des Christus durch das Buch der Bücher, in der Erfahrung seiner Ersichtlichkeit und Erkenntnis. Zur religiösen Kultur sagt der Jenaer: „Wir benötigen kein Kultur-Christentum mit wässrigen Augen (das mit den abendlichen ‚Kulissenverschiebungen‘), sondern immer auch eine rauhe Ablehnungs- und Absagekultur. Zum Beispiel die Absage an Geist, Logik und Praxis der atomaren Abschreckung.“ Das ist heute im Horizont der Kriege in der Ukraine und im Gaza besonders herauszustellen
[4] Zum Pazifismus: Michael Trowitzsch ist entschiedener Pazifist. Welcher Namhafte in der verfassten Kirche ist das noch? Nur Margot Käßmann? Nicht einmal die Reformierten, die in den achtziger Jahren den status confessionis (Bekenntnisfall) ausgerufen hatten. Heute kein hörbarer Mucks.
Entschiedener Abschreckungsgegner
Michel Trowitzsch ist entschiedener Gegner der Abschreckungsdoktrin. Dabei wird besonders der sogenannte „Zweitschlag“ in den Blick genommen: Er fragt: Darf „christlich“ genannt werden, den Zweitschlag zu befürworten? Endlich eine Theologie, die mit Bonhoeffer den „einfältigen Gehorsam“, wie er ihn in der „Nachfolge“ [1937] ausrief, heute 2025 einfordert!
„Wir sind diejenigen Ungeheuer, denen der Zweitschlag zuzutrauen ist, die dazu auch jederzeit in der Lage und selbstverständlich bereit sind. Wir schämen uns dessen auch nicht. Das ist nun einmal so, dass Abschreckung nur als absolut glaubwürdige funktioniert. Wir sind diejenigen apokalyptischen Scharfmacher, die im Interesse unserer Art zu leben, das Risiko der Verheerung der ganzen Erde, das Risiko der Abschaffung aller menschlicher Zukunft und Vergangenheit, einzugehen bereit sind.“
[5] De novissimis / zu den letzten Dingen: Macht gerade die Befristung das Menschliche der Liebe aus? Werden die Liebenden im ewigen Leben beisammen sein und sich sehen können? Was kommt? Michel Trowitzsch: Es wird sein: „Genugtuung, Innewerden, Einsicht – sobald Menschen nämlich Christus endlich sehen werden ‚von Angesicht zu Angesicht‘. Dazu sind die Augen der Toten bestimmt. Die eingesunkenen Augen der unzähligen, gequälten und drangsalierten Lazarusse werden einfach nur sehen, tränenverhangen. Aber ‚vor seinem Angesicht erfüllt mit Freuden‘. Sie werden mit ihm vertraut sprechen, ihm ‚zu seinen Füßen‘ begierig zuhören.“
Zieltreffend und genau
Michael Trowitzsch weiß, dass es hier um Sprachbilder geht. Er spricht sogar von „Träumen“. Anders als in Bildern geht es nicht. Augustinus: „Aber alle diese Bilder hinken, und doch ohne sie kann man nichts von Gott sagen“. Jedoch können sie recht eigentlich nicht beliebig sein. Sie brauchen den biblischen Bezug. So können und müssen unsere Sprachbilder zieltreffend und genau sein. Sie müssen eine Wiederholgenauigkeit haben. Sie sind nicht einfach austauschbar. Dafür ist die Eschatologie dieses Buches ein Exempel. Von der Treue Christi her darf gesagt werden: Wir werden IHN sehen, hören, sprechen.
Summa: „Ist wahr nur, was wir wahrhaben wollen oder dann auch für wahr halten? Nein, keineswegs darf Theologie, was an ihr ist, das Herunterkommen des Wahrheitsbegriffs zulassen.“
Rolf Wischnath
Rolf Wischnath ist Generalsuperintendent i.R. Er lebt in Gütersloh.