Sorry, zu spät gekommen

Opfer sexualisierter Gewalt dürfen kein Geld mehr beantragen
Foto: Rolf Zöllner

Manche politischen Entscheidungen sind so unfassbar, dass man gut beraten ist, sie sich zweimal durchzulesen. Aber es stimmt: Das Bundesfamilienministerium hat vor wenigen Wochen entschieden, die Antragstellung für Mittel aus dem Fonds Sexueller Missbrauch (FSM) rückwirkend zu stoppen. Der FSM hatte am 24. Juni bekannt gegeben, dass in den Wochen zuvor so viele Anträge in der Geschäftsstelle eingegangen seien, dass die im Bundeshaushalt vorgesehenen Mittel nicht ausreichten, um alle eingegangenen Anträge zu bewilligen. Aus diesem Grund könnten Erstanträge ab dem 19. März nicht mehr bewilligt werden.

Man muss sich diesen Vorgang noch einmal vor Augen halten: Da wird seit rund 15 Jahren intensiv über sexualisierte Gewalt in der Gesellschaft diskutiert – seit den ersten Enthüllungen über den so lange verdrängten Missbrauch in der hiesigen katholischen Kirche, wenig später über ähnliche Taten in der evangelischen Kirche. Da wird in der Politik gebetsmühlenartig wiederholt, es sei wichtig, die Opfer zu hören, ihnen Glauben zu schenken, sie bei oft nötigen Therapien zu unterstützen und ihnen zumindest eine Anerkennungsleistung zu zahlen, wenn eine Entschädigung denn nicht finanzierbar oder juristisch durchsetzbar ist. Und gern nachgeschoben wird auch: Das alles sei die Pflicht der Kirchen, was selbstverständlich richtig ist – aber der Großteil des Missbrauchs findet ja seit Jahrzehnten nicht im kirchlichen Milieu statt, sondern eben in der Familie, eine Tatsache, die in der Fachwelt unumstritten ist.

Hier für Hilfe oder gar Entschädigung zu sorgen, dafür ist der Staat zuständig. Das ist ebenso unstrittig und genau dafür wurde der FSM gegründet. Der auch noch rückwirkend geltende Stopp der Antragstellung beim FSM ist deshalb schlicht ein Skandal. „Viele Betroffene haben sich auf die Aussagen der letzten Bundesregierung verlassen, dass eine Antragstellung noch bis Ende August möglich sei“, schrieb dazu die Vorsitzende der „Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“, Julia Gebrande, Anfang Juli. „Die neue Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag erklärt, den Fonds Sexueller Missbrauch fortführen zu wollen. Trotz dieser Signale stehen nun viele Menschen ohne die Hilfe da, mit der sie gerechnet hatten.“ Die zuständige Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) erklärte lediglich, sie strebe eine Neuaufstellung des Ergänzenden Hilfesystems bis Anfang kommenden Jahres an. Das bedeutet im Politikdeutsch wenig mehr als: Wir wollen für die Opfer sexualisierter Gewalt mal was versuchen, vielleicht klappt da ja noch was. 

Das alles (und übrigens auch das sehr maue mediale Echo auf diesen Skandal) zeigt: Große Teile der Gesellschaft und Politik verschließen noch nach Jahrzehnten furchtsam die Augen vor dem ungeheuren Ausmaß der sexualisierten Gewalt in diesem Land. Die Opfer dieser Verbrechen werden weiterhin in der Regel als nervige Bittsteller an den Rand gedrängt. Die Tatsache, dass der Kampf gegen diese massenhaften Untaten eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, und eben nicht nur eine der Kirchen, wird am liebsten verdrängt. Hier könnte die Politik von den Kirchen lernen: Das Thema sexualisierte Gewalt geht nicht weg, wenn man nicht hinschaut. 

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