Webmuster

Eine Grille über Kettfäden und Fransen
Foto: Privat

Fransen. Ausfransen?

Zwei Bilderfolgen steigen bei der Nennung des Wortes Fransen spontan in mir auf. 

Meine zwei älteren Schwestern waren die scharfzüngigen Heroinnen, die den Streit am Abendbrottisch um ein sehr haltbares Kleidungsstück geführt und nach zähen Verhandlungen gewonnen hatten: Die Jeans durfte nicht an Sonntagen, nicht an christlichen Feiertagen, und nur an Donnerstagen und Freitagen in der Schule getragen werden, bitteschön. Kompromisse sind im Nachgang oft nicht zu rekonstruieren: Warum nicht am Montag, Dienstag und Mittwoch? Gute Frage. 

Meine Großmutter hatte schon die Verhandlungen über meine Cordhose, die sie konsequent als Manchester-Hose, also als Arbeiterhose denunzierte, verloren. Sie stimmte als einzige gegen den Kompromiss. Ich gewann schließlich zwei Jahre später beinahe ohne Gegenwehr den Wunsch, die Hosenbeine der Jeans auszufransen. An der harten Webkante der Hosenbeine drohte ich bereits zu scheitern, aber meine Schwestern Wilma und Karla halfen mir, schnitten die Kante ab und wir fransten gemeinsam die Hosenbeine drei Zentimeter aus. Ich war glücklich, wurde im Schulbus mit anerkennenden Pfiffen begrüßt, meine Großmutter, die sich den Titel Oma verboten hatte, liebte mich nur noch bis zu den Knien.

An anderer Stelle im Haus gab es eine Verstehenshilfe, die den Streit versachlichte: Die Fransen an den voluminösen Perserteppichen. Fransen sind die überstehenden Kettfäden, die nicht umgenäht werden, sondern wunderbar verspielt zeigen, dass gewebte Teppiche einen offenen Anfang und ein offenes Ende haben und gleichsam zu neuen Mustern und Webabenteuern einladen. Zu meinen Aufgaben zählte es, die Fransen vor dem Wochenende mithilfe des Teppichfransenkamms in eine hübsche Ordnung zu bringen. Unausgesprochen erwarteten meine Eltern, dass alle im Haus sich eine Schrittfolge einprägten, die eine Berührung des Fransenfeldes definitiv ausschloss. Im Wohnzimmer mutierten wir zu einer Family of Silly Walks

Akt der Schonung

Und selbstredend kann auch der beste Perser-Teppich Abnutzungserscheinungen aufweisen, die Farben verblassen langsam und der Perserteppich franst final an einigen Stellen aus. Auch hier gibt es Rat. Kleine Perserteppiche dienen als sogenannte Brücken dazu, die Abnutzung zu überdecken und zugleich Verbindungen zwischen zwei größeren Perserteppichen herzustellen, ein Akt der Schonung, um das Eichenparket vor Abnutzung zu schützen.

Fransen, so würde ich heute versuchen meiner Großmutter deutlich zu machen, sind beides: Zeichen für den Verschleiß und zugleich Zeichen und verspielte Aufforderung, sich kreativ neue Webmuster vorzustellen. (Von Revolte würde ich nicht reden.) Und der oktroyierte Fransenkammeinsatz ist der etwas zwanghafte Versuch, die Kettfäden so zu präsentieren, als wären sie noch in einem Webstuhl eingespannt und das Schiffchen noch nicht im Hafen.

Das aufgespannte Metaphernfeld des Webens, zu dem die Fransen gehören, ist hochspannend, wird auch biblisch (etwa Psalm 139,13 und öfter) und in der Christentumsgeschichte (Clemens von Alexandria: Teppiche, Stromateis) wiederholt zum Einsatz gebracht, kann aber hier nur angedeutet werden: Textilien, Teppiche, Texturen (lateinisch textura: Gewebe). Die Welt als Text. Auch Texte, ganz fein gewebte Narrative kollektiver Selbstverständigungen und Lebenslehren, können verschleißen. Ethische Überzeugungsmuster mit politischem impact, die lange gepflegt wurden, fransen langsam aus und bleiben doch länger (oft zu lange) in Kraft. Etwa die Idee der Gerechtigkeit als Fairness. 

Viel diskutierte Theorie

Die immer wieder auf leisen Socken an mich herantretende Frage, warum in Amerika auch hoch prekäre Milieus in großer Zahl Donald Trump wählten, könnte neben anderen Gründen einen Grund in einem weit verbreiteten Verständnis von Gerechtigkeit als Fairness haben. Hoch kreativ gewebt hat dieses Narrativ der Philosoph John Rawls. Der für mich zentrale Satz in John Rawls großer und viel diskutierter Theorie der Gerechtigkeit als Fairness lautet: Es besteht „nichts Ungerechtes an den größeren Vorteilen weniger, falls es dadurch auch den nicht so Begünstigten bessergeht.“ 

Dieser zitierten, im Alltagsgebrauch fraglos in einfacherer Sprache tradierten und eingesickerten Maxime folgend haben offenbar viele Personen aus unterschiedlichen prekären Milieus auf den Clan der Erfolgreichen gesetzt mit Trump als charismatischem Player (Prayer), in der Hoffnung, dass etwas unten bei ihnen ankommt, sprich: die Lebenshaltungskosten zurückgehen und Stabilität und Zuversicht und Hoffnung Einzug halten. Unterschwellig mitgespielt hat vielleicht zusätzlich noch die vulgär-calvinistische Deutung, Reichtum sei ein deutliches Zeichen, von Gott erwählt worden zu sein. 

Selbstredend: Die Idee der Fairness wurde inzwischen absurd einseitig überdehnt, denn die zehn Prozent der einkommensstärksten Amerikaner bestreiten aktuell 50% des Konsums. Das spricht der Fairness Hohn. Und trotzdem hat diese Fairnessdeutung nochmals gegriffen. Das stellt freilich auch Rückfragen an Rawls ethisches Modell eines egalitären Liberalismus. Sehr einseitig hat der Liberalismus schleichend die Oberhand gewonnen. Die Solidaritätsaspekte sind in Rawls Theorie offenbar nicht hinreichend oder zu einseitig im kollektiven Gedächtnis abgespeichert worden und die Idee der Brüderlichkeit bleibt im Großnarrativ seltsam unterbestimmt und farblich kraftlos.

Neues, klareres Muster

Nicht ohne Grund hat es mit und zugleich auch gegen Rawls Versuche gegeben, das Muster des Theorieteppichs Theorie der Gerechtigkeit als Verteilungsgerechtigkeit zu überarbeiten und die Ausfransungen zu verketteln, etwa durch den (starken) Befähigungsansatz (Capability Approach) von Martha Nussbaum und Armatya Sen, die der Idee der Solidarität entschieden mehr Nachdruck verleihen. Aber: Breitenwirksam und damit für größere Milieus handlungsleitend sind diese Ideen bisher nicht im kollektiven Narrativ der Selbstverständigung verankert. Freilich: Sollte es den „nicht so Begünstigten“ bis zur nächsten Wahl (oder zu den midterm elections) nicht signifikant bessergehen, sollte das bereits abenteuerlich ausgefranste Fairness-Versprechen scheitern, wird eine neue Erzählung nötig, die die Idee der Solidarität stark macht. Ein neues, oder klareres Muster muss gewebt und von Fransenkammfachkräften in eine schöne Ordnung gebracht werden. 

Die Zeit für kreative, individuelle Webabenteuer, die die Solidarität als zentrales Muster abbilden, ist angebrochen. Und die ausgefranste Jeans hat ein Revival verdient.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.

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