Unsere Kolumnistin Angela Rinn macht ihrem Herzen Luft, nachdem sie, was sich heutzutage häuft, immer mehr nichtkirchliche Trauerfeiern erlebt beziehungsweise erleben muss. Wer könnte nicht mit ihr fühlen? Über eine spezifische Trostlosigkeit unserer Tage.
Eine Beerdigung im Bekanntenkreis. Der Verstorbene war irgendwann aus der katholischen Kirche ausgetreten, eine Trauerrednerin managt die Angelegenheit. Ich winde mich in der letzten Reihe der Trauerhalle. Es ist schwer auszuhalten. Die ziemlich seltsame Musikauswahl ist wahrscheinlich den Hinterbliebenen zu verdanken. Wäre es meine Aufgabe gewesen, dann hätte ich als Pfarrerin behutsam nachgefragt, warum denn ausgerechnet dieser schmalzige Schlager erklingen soll. Vielleicht war es das Lied, bei dem das Ehepaar sich damals zum ersten Mal geküsst hat? Wer weiß? Ich an Stelle der Trauerrednerin hätte der Gemeinde gern erläutert, warum diese Musik so wichtig für die Angehörigen ist, statt die Anwesenden unvermittelt damit zu beschallen.
Die Trauerrednerin haspelt sich durch ihre Rede, eine Liturgie gibt es nicht. Wir werden mit Zitaten überhäuft, von Thornton Wilder bis Helmut Schmidt ist alles dabei. Peinliche Details der Lebensgeschichte kommen zu Gehör. Die Gemeinde lacht verlegen. Am Grab gibt es dann zu unserer Überraschung noch einen „Segen“ als krönenden Abschluss, der die Hoffnung zum Ausdruck bringt, dass irgendwann irgendwie alles im Kreislauf der Natur wieder seinen Platz findet. Viele aus der Gemeinde murmeln nach dem abrupten Abschluss automatisch „Amen“. Die Gemeinde beweist Liturgiegefühl, das der Trauerrednerin abgeht.
Keine Frage – es gibt auch richtig gute Trauerredner. Ich habe auch schon wenig talentierte Pfarrpersonen und abgespulte Trauergottesdienste erlebt, evangelisch wie katholisch. Musik ist Geschmacksache (na ja, fast…), und Händel nicht immer die Lösung. Mit Variationen irischer Segenswünsche kann man mich persönlich jagen. Aber bei dieser Beerdigung im Bekanntenkreis habe ich wieder gemerkt, was mir bei säkularen Abschieden einfach fehlt: Die Kraft der Bibel. Selbst wenn der Pfarrer eine Niete ist und Helene Fischer das „Vater Unser“ singt oder der „Graf“ der Band „Unheilig“ vom Band schmachtet, dass sein Freund „nur ruhig“ sein darf – es bleiben bei einer kirchlichen Trauerfeier oder Beerdigung doch diese unschlagbar gehaltvollen Bibelworte, an denen man sich festhalten kann, wenn der Rest den Bach hinuntergeht – oder eben über in den „Kreislauf der Natur“.
Bloß nicht Freddy Quinn …
Wie tröstlich klingen Offenbarung 21 oder Römer 8, wie weise Psalm 90 oder Kohelet 3. Da kommen Thornton Wilder und Helmut Schmidt nicht mit. Wollte letzterer sicher auch nicht. Für seine eigene Beerdigung hatte unser ehemaliger Bundeskanzler trotz aller Skepsis gegenüber dem christlichen Glauben eine evangelische Beerdigung gewählt. Helmut Schmidt hat vor seinem Tod, wenig verwunderlich, nichts dem Zufall überlassen. Wahrscheinlich hatte er keine Lust, dass auf seiner Beerdigung Freddy Quinn singt. Er ist mit Psalm 90,10 verabschiedet worden: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn´s hoch kommt, so sind´s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe.“ Musikalisch erklang das berührende „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius.
Mag sein, dass auf der Beerdigung in meinem Bekanntenkreis niemandem außer mir etwas gefehlt hat. Vielleicht fand die Trauergemeinde die Rednerin auch ansprechend, schließlich wurden ja viele Details aus dem Leben des Verstorbenen erzählt. Möglicherweise hat auch nur mich gestört, dass diese Erinnerungen aneinandergereiht wurden ohne Rücksicht auf Chronologie oder Sinnzusammenhang. Grammatik ist zwar keine Geschmacksache, aber es kann sein, dass die Gemeinde solche Fehler einfach gnädig überhört hat.
Ich habe mich allerdings gefragt, ob irgendjemand durch diese Veranstaltung wirklich getröstet werden konnte. Bei mir ist das nicht gelungen. Und das war schade, denn ich habe den Verstorbenen sehr gemocht.
So habe ich denn, ganz still für mich, am Grab ein Vater Unser gebetet.
Angela Rinn
Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.