Verschwörungsideologien und politischer Radikalisierung ist oft nur im persönlichen Gespräch beizukommen. Damit gewinnt die kirchliche Seelsorge neue Relevanz – und es zeigt sich, dass die Unterscheidung zwischen Politik und religiösem Kerngeschäft falsch ist, meint der Journalist Matthias Kamann
Das lässt sich wohl als Seelsorge bezeichnen: In einer Region, für die man zuständig ist, beharrlich das Gespräch mit dort lebenden Menschen zu suchen und mit ihnen ausführlich über ihre Lebensumstände und Sorgen zu reden. Maja Wallstein praktiziert dies seit 2021. Sie ist weder Theologin noch kirchliche Angestellte, sondern Bundestagsabgeordnete der SPD. Als solche durchwandert die heute 39-Jährige alljährlich mit einem Bollerwagen jeweils mehrere Wochen lang ihren riesigen Wahlkreis Cottbus – Spree-Neiße, klappert jeden noch so kleinen Ort ab und versucht mit allen zu reden, die sie dort trifft.
Schon mehrfach hat sie in Medien davon erzählt. Vom langen Gespräch etwa mit einem Mann über die Trauer um seine verstorbene Ehefrau, mit einer Rentnerin über deren Geldsorgen, mit einer 14-Jährigen, die regelmäßig die Schule schwänzt, weil die Abfahrtszeiten der Busse eine Zumutung seien. Oder mit einer Frau, die mit der AfD sympathisiert, weil die nach Deutschland gekommenen Menschen aus der Ukraine mit ihrer gepflegten Kleidung nicht wie Flüchtlinge aussähen und man deshalb nicht von einem russischen Angriffskrieg gegen das Land sprechen könne. In diesem Gespräch habe sie, so Wallstein, nicht versucht dagegenzuhalten – was in anderen Zusammenhängen aber unbedingt nötig sei –, sondern von zwei ukrainischen Kindern erzählt, die mit ihrer Mutter nach Deutschland gekommen und oft verzweifelt seien, weil sie ihren Vater an der Front tagelang nicht erreichen würden. Sowie davon, dass jene Familie kurz vor Kriegsbeginn in der Ukraine ein Haus gekauft habe, das jetzt völlig zerstört sei.
Zwar glaube sie nicht, jene Frau damit überzeugt zu haben, sagte Wallstein vor gut einem Jahr im renommierten Podcast „Hotel Matze“. Doch sei „eine Verbindung entstanden“, die möglicherweise zur Auflösung von Verhärtungen führe. Die Touren seien „körperlich anstrengend“ und „emotional krass“, ins Gespräch komme sie längst nicht mit allen. Aber oft gelinge etwas. Sie versuche zu signalisieren: „Ich verstehe dich, weil ich weiß, wie du fühlst.“ Sie mache sich bewusst, was sie und ihre Gesprächspartner:innen verbinde: „Alle wollen, dass es ihren Lieben gut geht. Und dieser kleinste gemeinsame Nenner ist die Lösung gegen die AfD, gegen Hass.“
Zuwendung als Politik
Was Wallstein erzählt, dürfte vielen Pfarrerinnen und Pfarrern bekannt vorkommen. Solche Gespräche gehören zum Alltag der Gemeindearbeit, wo sich immer wieder zeigt, welche gesellschaftliche Kraft die christliche Seelsorge entfalten kann, indem sie von der Liebesfähigkeit und -empfänglichkeit aller Menschen ausgeht. Zugleich zeigt sich dort (und das bringt Wallstein mit ihrer Formulierung von der „Lösung gegen die AfD“ auf den Punkt): Die derzeit mal wieder beliebte Entgegensetzung von kirchlichem Kernhandeln auf der einen und einem angeblich nicht dazugehörenden politischen Engagement ist völlig falsch. Vielmehr geht es gerade im elementaren christlichen Handeln der persönlichen Zuwendung auch um Politik, lassen sich darin demokratische Grundprinzipien gegen den Rechtsradikalismus stärken. Denn die persönliche Gespräche, die Aufmerksamkeit für die Lebenssituation der Menschen können eine der bislang erfolgreichsten Strategien von Populist:innen und Extremist:innen unterlaufen. Nämlich „die gezielte emotionale Mobilisierung realer Sorgen“, wie Paulina Fröhlich, Juliane Baruck und Carl Schüppel in einem Impulstext zu dem kürzlich in Berlin abgehaltenen Kongress „Innocracy“ des „Progressiven Zentrums“ schrieben.
Schon seit Längerem besteht bei denen, die sich mit verschwörungsideologischen und rechtsradikalen Alltagsmentalitäten befassen, weitgehend Einigkeit darüber, dass die Verfestigung jener Mentalitäten nur in individuellen Gesprächen gelockert werden kann. Wichtig sei „zunächst nicht unbedingt die faktenbasierte Überzeugungsarbeit, sondern der persönliche Kontakt“, schreibt Judith Bodendörfer, Wissenschaftliche Referentin der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, in einem Hintergrundbeitrag auf dem Portal politischbilden.de. Verschwörungsdenken, das an fast jedem Sachverhalt ansetzen könne – „seien es Fragen der persönlichen Freiheit, der sozialen Gerechtigkeit, der Spiritualität, des Umweltschutzes, der Klima-, Gesundheits-, Finanz-, oder Einwanderungspolitik“ –, knüpfe „oft an Identifikationspunkten“ an, „die eine zentrale Rolle im Leben von Personen spielen“. Dazu könnten der Berufsstand zählen, politische Grundhaltungen oder die Lebensumstände in der jeweiligen Region. „Verschwörungsdenken resultiert oft aus einem gefühlten Angriff auf die eigene Identität, die beispielsweise eng mit Beruf, sozialer Herkunft oder regionaler Verwurzelung verknüpft sein kann.“ Das mache es besonders schwierig, mit reiner Aufklärung dagegen anzukommen. „Vielmehr“, so Bodendörfer, „muss zunächst die Identitätskonstruktion nachvollzogen und anerkannt werden.“
Identität bedroht?
Hierfür gelte es „ein Vertrauensverhältnis aufzubauen“. Das erfordere Offenheit für das „Selbstverständnis“ der Menschen. Als denkbare Leitfragen nennt Bodendörfer unter anderem: „Hat die Person zum Beispiel während der Pandemie mit sozialer Isolation gekämpft? Fühlt sie sich in ihrer Identität bedroht, indem zum Beispiel der Status ihrer Arbeit oder ihres Expert*innen-Wissens verloren gegangen ist? Fühlt sie sich durch sprachliche Veränderungen, die sie nicht nachvollziehen kann, ausgegrenzt?“ Solchen Fragen hätten, so Bodendörfer ausdrücklich, auch „kirchliche Akteur*innen“ nachzugehen.
Dass sich diese, also Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Ehrenamtliche in Besuchsdiensten, um den Aufbau solcher Vertrauensverhältnisse und um solche Gespräche tatsächlich bemühen, steht außer Zweifel. Zu fragen ist freilich zum einen, ob und wie sie dabei viel stärker unterstützt werden können. Und zu andern, ob die Relevanz dieser christlichen Gesprächskultur beim Einsatz gegen Verschwörungsdenken und Rechtsradikalismus nicht viel deutlicher in innerkirchlichen Debatten und genauso bei der Außendarstellung hervorgehoben werden müsste.
Das gilt umso mehr, als ja beim sonstigen kirchlichen Engagement auf diesem Gebiet nicht alles rund läuft. Dass dieses Engagement als solches nötig und berechtigt ist, steht zwar fest. Das gilt etwa für die Intervention der EKD-Bevollmächtigen, Prälatin Anne Gidion, und des Leiters des Katholischen Büros, Prälat Karl Jüsten, als im Januar die Unionsfraktion unter Friedrich Merz versuchte, migrationspolitische Anträge auch mit AfD-Unterstützung durch den damaligen Bundestag zu bringen (siehe zz 5/2025). Da war Kritik der beiden Kirchenbeauftragten zweifellos angebracht. Doch das Anschreiben hätte – ganz im Sinne des oben beschriebenen Gesprächsansatzes – eine Einladung zum gründlichen Gedankenaustausch sein müssen und damit ein kirchlicher Beitrag zur Stärkung des Gewissens von Abgeordneten, die ihrem Gewissen unterworfen sind. Stattdessen schrieben Gideon und Jüsten von ihrem Befremden und ihren Befürchtungen um die Demokratie. Das konnte den Eindruck erwecken, es gehe den beiden nicht um eine Aufforderung zu neuem Nachdenken und gemeinsamem Gespräch, sondern ums Bekunden von kirchlich-institutioneller Verärgerung. Entsprechend bockig reagierten danach manche Unionsabgeordnete und wiesen die angebliche Maßregelung zurück.
„Von Linksliberalen für Linksliberale“
An sich richtig ist weiterhin die Beteiligung an Aufrufen zu Demonstrationen gegen den Rechtsradikalismus, wie es sie im vergangenen Winter in größerer Zahl gab. Heikel indes war da, dass die Kirche zu einem bloßen Bündnispartner zu werden drohte, nach dessen spezifischer Eigenart zwischen all den anderen Verbänden und Gruppierungen kaum gefragt wurde. Wer wollte auch bestreiten, dass sich die Kirche an „Demokratie-leben“-Projekten beteiligen sollten? Solche Projekte können zumal in ländlichen Regionen Ostdeutschlands wichtige Schutzräume für jene schaffen, die von gewaltbereiten Rechtsradikalen bedroht oder von „schweigenden Mehrheiten“ ins Abseits gedrängt werden. Allerdings muss hierbei mitbedacht werden, was Brandenburgs Innenminister René Wilke (parteilos) beim „Innocracy“-Kongress sagte: Dass jene Projekte meist etwas von Linksliberalen für Linksliberale seien und mit genau denen nichts zu tun hätten, an die sie sich richten sollen. „Die wollen inklusiv sein, sind aber exklusiv“, sagte Wilke.
Oder: Zweifellos berechtigt sind kirchliche Aufrufe zur Unterstützung etwa von Migranten oder auch von queeren Menschen sowie zu deren entschiedenen Verteidigung gegen Anfeindungen von rechts. Schwierig aber wird es, wenn dabei zur „Solidarität“ mit jenen Menschen aufgerufen wird. Denn hierbei bleibt meist unklar, was Solidarität ist. Sie ist ja nicht einfach eine Tugend, an die man umstandslos appellieren kann, sondern eine Haltung, die auf einer Bindung an eine kollektiv geteilte Vorstellung vom Guten beruht, an ein Ideal von Gemeinschaft oder Verschwisterung, wie der Frankfurter Philosoph Rainer Forst bei der diesjährigen Jahrestagung des Deutschen Ethikrats hervorhob. Zu denken ist etwa an Arbeitersolidarität oder an Frauensolidarität im Feminismus. Wer also mit Blick auf Migration zur Solidarität aufruft, müsste eine allgemein geteilte Vorstellung von dem Guten schaffen können, das durch jene Solidarität im Zusammenhang mit Migration entsteht. Und zwar des Guten sowohl für diejenigen, auf die sich die Solidarität richtet, als auch für diejenigen, die sie aufbringen.
Daher ist es nicht nur sprachlich ungenau, sondern auch eine Überdehnung christlicher Grundpflichten, wenn etwa in den „Zehn Überzeugungen zu Flucht und Integration“ der EKD von 2025 an prominenter Stele das Begriffspaar „Nächstenliebe und Solidarität“ gebraucht wird, als handele es sich um Synonyme, um scheinbar gleichwertige Begriffe für Rettung und Unterstützung. An anderer Stelle heißt es dort: „Solidarität mit Schutzsuchenden bedeutet auch, Rassismus keinen Raum zu lassen.“ Das ist anzuzweifeln. Denn Rassismus keinen Raum zu lassen, ist eine sowohl christliche als auch staatsbürgerliche Pflicht, die mitnichten automatisch eine Solidaritätsbeziehung zwischen denen impliziert, die Rassismus bekämpfen, und denen, die von ihm betroffen sind. Die Kirche muss daher aufpassen, dass sie bei Aufrufen zur Unterstützung von Bedrängten und Verfolgten nicht die christliche Pflicht der Nächstenliebe sowie die staatsbürgerliche Pflicht der Verteidigung von Grundrechten etwa gegen Rassisten in eins setzt mit Vorstellungen, es könne oder solle dadurch eine Solidarbeziehung entstehen. Denn die ist nur möglich als wechselseitige zwischen den Solidarischen und denen, auf die sich die Solidarität richtet. Ob es zu dieser wechselseitigen Beziehung etwa bei der Migration kommt, ist fraglich – und genauso, ob es zu ihr kommen sollte. Anders gesagt: Solidaritätsappelle können Erwartungen schüren, die sich in der Realität nicht einlösen lassen, nicht einlösen lassen müssen, und daher Gefahr laufen, als überzogen auch von jenen abgelehnt zu werden, die Rassismus keinerlei Raum lassen wollen.
Kaskadische Radikalisierung
Aus all dem folgt überhaupt nicht, dass man es lassen sollte. Die Kirche muss solche Formen des Engagements gegen rechts unbedingt fortsetzen, sich immer wieder auch öffentlich positionieren, allerdings aus Fehlern lernen und es künftig besser machen. Wobei es schon jetzt ganz ohne Abstriche richtig ist, AfD-Funktionäre von kirchlichen Leitungsfunktionen auszuschließen. Damit sie dort nicht jene kaskadische Radikalisierung befördern, die von undifferenzierter Corona-Maßnahmenablehnung über Klimawandel-Leugnung und antimigrantische Aggression bis zur Bagatellisierung und Rechtfertigung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine flutet – und in die Alltagsmentalitäten einsickert.
Doch über all jene Positionierungen hinaus sollte in der Kirche wohl vor allem herausgestellt werden, dass sie mit dem seelsorgerlich intendierten Gespräch über eine genuin eigene Tradition und Kultur verfügt, die zur Stärkung der Menschen beiträgt, indem Alternativen zu Realitätsverkennung und Hass vermittelt werden können. So dass diese Gespräche sowohl zutiefst christlich sind als auch genau darin zur Verteidigung und Festigung der Demokratie beitragen.
Sind daher kirchliche Kampagnen zu Stärkung einer solchen Gesprächskultur – etwa das aktuelle „Kontaktjahr“ der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz – sinnvoll, so darf man doch die Schwierigkeiten nicht kleinreden. Die beginnen damit, dass ein angemessener Gesprächsumgang mit verschwörungsideologischen und rechtsradikalen Mentalitäten ausgesprochen zeit- und personalintensiv ist und der gründlichen Schulung bedarf. Und stets muss damit gerechnet werden, dass längst nicht alle Leute mit sich reden lassen. Indes dürften zumindest die meisten Kirchenmitglieder erreicht werden können. Und damit wäre schon viel möglich, da es ja auch unter ihnen nicht wenige AfD-Anhänger zu geben scheint.
„Die da oben“
Hinzukommt aber ein Problem, das an einer Aussage von Maja Wallstein in dem genannten Podcast erkennbar wird. Sie erwähnt dort, dass ein konstitutives Element rechtsradikaler oder verschwörungsideologischer Mentalitäten die Aversion gegen Institutionen und deren Repräsentanten sei, gegen „die da oben“. Ihre eigenen Unterhaltungen nun, so Wallstein, würden davon profitieren, „dass ich ‚die da oben‘ bin“. Dass sie also zeigen könne, Teil jener pauschal gehassten Elite zu sein oder die pauschal gehassten Institutionen zu repräsentieren – und doch ganz anders zu sein als das Klischee.
Wendet man nun dies auf die Kirche an und nimmt zur Kenntnis, dass auch gegen sie als Institution massive rechtsradikale Aversionen bestehen, so wird man dafür plädieren müssen, dass vor allem Repräsentant:innen der Institution Kirche solche Gespräche führen. Um zeigen zu können, dass sie „gar nicht so sind“, und um damit den Anti-Institutionalismus zu unterlaufen. Was aber heißt: Hier sind vor allem die Pfarrerinnen und Pfarrer gefragt. Und das wiederum bedeutet: Wenn sie nicht mit allen Kräften gefördert – und von vielen anderen Aufgaben entlastet – werden, erweist die Kirche nicht nur sich selbst, sondern auch dem Einsatz für die Demokratie einen Bärendienst.
Im Übrigen ist natürlich zu fragen, ob solche Gespräche nicht so etwas wie das Unterfangen sind, mit kleinen Eimern einen riesigen See leer zu schöpfen, der tagtäglich aus den sogenannten sozialen Medien mit Verschwörungsmythen, rechtsradikalen Parolen und Fake News geflutet wird. Wie will man dagegen mit persönlichen Unterhaltungen ankommen? Das indes ist eine Frage, die sich Christ:innen auch in vielen anderen Zusammenhängen stellt.
Matthias Kamann
Dr. Matthias Kamann (* 1961) hat als Innenpolitik-Redakteur der WELT jahrelang über kirchliche Themen sowie die AfD berichtet. 2021 erschien: Annelie Naumann / Matthias Kamann, „Corona-Krieger. Verschwörungsmythen und die Neuen Rechten“ (Das Neue Berlin).