Die Ausstellung „The Quiet Space“ in Berlin verspricht gestressten Menschen Ruhe, stille Orte hat die Kirche seit jeher im Angebot. Das aber scheint leider kaum noch im Bewusstsein der Gesellschaft und der Kirche selbst verankert zu sein, wundert sich zeitzeichen-Kolumnist Philipp Greifenstein.
Ich traue meinen Ohren kaum! Was bin ich in der taz lesend: Im Kraftwerk Berlin lädt die Ausstellung „The Quiet Space“ noch bis einschließlich Sonntag zum Verweilen in der leerstehenden „Industriekathedrale“ ein. Für die taz hat sich Lea Knies, die gerade an der Deutschen Journalistenschule studiert, auf das Experiment eingelassen, sich eine Stunde schweigend der Stille auszusetzen. Dem Flyer zur Ausstellung entnimmt sie: „Während Berlin sich beschleunigt, werden Räume der stillen Kontemplation immer wichtiger.“ Hört, hört!
Dem Moloch der Metropole entfliehen, aus dem Hamsterrad der Hauptstadt aussteigen, in andächtiger Ruhe ausharren – das sind keineswegs nur modische Sehnsüchte der Generation Z, deren Alltag durchdigitalisiert und überhaupt nicht langweilig ist. Es geht viel mehr um ein zeitloses Bedürfnis des Menschen nach Ruhe, Verankerung und Selbstfindung. Für unsere Hirne sind Phasen der Langeweile geradezu lebensnotwendig. Lea Knies schreibt von einer „selbstverschriebenen Konfrontationstherapie“. Wen oder was sollte man in der Stille denn finden, wenn nicht sich selbst?
Nun bin ich der allerletzte, der von der ehrfurchtsvollen Andacht in ostdeutschen Industriedenkmälern abraten wöllte, doch wie sicher einige Leser:innen frage ich mich: Hö? Gibt es solche Schweigemöglichkeiten, Angebote der Stille nicht allüberall im Land, literally an jeder Milchkanne? Sind wir nicht an Orten reich gesegnet, die uns zur besinnlichen Einkehr zur Verfügung stehen, ja, geradezu einladen mit ihren „Offene Kirche“-Schildern und angelehnten Pforten? Rufen uns nicht die Glocken an diese Orte, stündlich, täglich, sonntäglich?
Was die Kirche lernen kann
Sicher! Gerade deshalb stimmt „The Quiet Space“ nachdenklich. Was machen die Kirchen denn falsch, dass ihr ständiges Angebot, sich in den Kirchen und Kapellen des Landes zur stillen Andacht niederzulassen, keineswegs so sexy, hip und en vogue erscheint wie die Berliner Kraftwerksruhe? Ist es der Kontrast zum prallen Leben der Hauptstadt, der so deutlich ja keineswegs überall gegeben ist? Liegt es an der religiösen Unmusikalität der Berliner:innen (und Journalismusschüler:innen), dass das säkulare Angebot ihnen als neu und einzigartig begegnet? Ist die doppelte künstliche Verknappung des Angebots ursächlich – der begrenzte Zeitraum der Ausstellung und die klar definierte Aufenthaltsdauer von einer Stunde? Was könnte die Kirche davon mitnehmen?
Sicher doch den Mut, das altehrwürdige Angebot selbstbewusst an Mann*Frau zu bringen! Weil es sich trotz all des Schweigens doch um ein Community-Event handelt, drängt sich eine zeitliche Begrenzung des Angebots tatsächlich unmittelbar auf. Einmal die Woche gemeinsam eine Stunde schweigen in der Kirche. (Gibt’s bei den Quäkern natürlich auch schon ne Weile, ich weiß.) Vielleicht bringen nicht-religionsaffine Menschen sogar eine Prise mehr Ehrfurcht vor den heiligen Räumlichkeiten mit – gar zu viel?
Keine Angst vor dem Tremendum jedenfalls, kann man den Gestaltenden vor Ort nur raten! Unbedingt zu vermeiden sind kirchenraumpädagogische Interventionen, Anlabern von der Seite und Orgelimprovisationen. Gesangbücher und Bibeln sollten natürlich ausliegen. Und die Möglichkeit, eine Kerze zu entzünden, ist ein must have.
Gerade für die doch sehr sprachlastige Evangelische Kirche mit ihren Predigten und #Verständigungsorten, in denen anhaltend disputiert werden soll, wäre die Gestaltung von quiet places, stillen Räumen, eine lohnenswerte und heilsame Selbstunterbrechung. Vielleicht kann ja der Heilige Geist im Rahmen des Schweigens der Menschenkinder richten, woran der evangelische Diskurs im Habermaschen Gefolge scheitert? Worüber man miteinander nicht (mehr) reden kann, das kann man womöglich in der Stille vor Gott bringen und sich dabei (selbst) beruhigen?
Eine Übung für Geübte
Oder verhält es sich am Ende doch ganz anders und die Gruppe der experimentierfreudigen Ausstellungsbesucher:innen in Ostberlin verzwergt geradezu im Vergleich mit den abertausenden von Kirchgänger:innen, die regelmäßig oder gelegentlich oder auch nur im Urlaub längst in die Kirchen zum Schweigen entweichen? Ja, so wird es, so muss es ja sein! Schon allein, weil es in Deutschland ja immerhin noch rund 44.000 Kirchen und Kapellen gibt. Der mitteldeutsche Witz stimmt ja: Wir sind steinreich an Kirchen. Wenn viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten viele kleine Stille Zeiten halten …
Womöglich ist das Stilleangebot der Kirchen also gar nicht so unattraktiv wie die (weitgehend) ausbleibende Berichterstattung suggeriert. Nur gelegentlich finden sich ja noch Kirchenraumbetrachtungen im Feuilleton – und wenn, dann weil es, wie in Naumburg, Streit um die Kirchenraumgestaltung gibt.
Vielleicht kommt das kleine fiese Neidgefühl im Kirchenwanst ob des Berliner Ruheortes ja aber auch tatsächlich daher, dass er ausweislich des taz-Berichts junge Menschen anzieht – vielleicht sogar die Bohème und Avantgarde? Die hätten wir ja gerne auch in den Kirchen. Und selbstverständlich haben gerade junge, aktive und digital lebende Menschen ein – wenn auch häufig uneingestandenes oder, leider Gottes, falsch adressiertes – Bedürfnis nach Ruhe und Besinnung. Doch vielleicht ist das Ruhesuchen in der Kirche auch eine Übung, die erst ab der Lebensmitte in der gebotenen Selbstverständlichkeit und -Bescheidung eingehalten werden kann? Das Angebot der Offenen Kirchen nicht auszuschlagen, sondern beherzt anzunehmen, ist womöglich ein Zeichen von einsetzender Altersweisheit. Man wünscht sie den reichlich nervösen Lebensmittigen sehr!
Philipp Greifenstein
Philipp Greifenstein ist freier Journalist sowie Gründer und Redakteur des Magazins für Kirche, Politik und Kultur „Die Eule“: https://eulemagazin.de